Kreuzberger Chronik
Dez. 2021/ 2022 - Ausgabe 235

Geschäfte

Kreuzberger Auslese


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von Sybille Matuschek

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Eigentlich wollte er Möbel bauen. Jetzt ist er Weinhändler.

Wahrscheinlich war es der Pumuckl, der geliebte Klabautermann aus der gleichnamigen Fernsehserie, der dem jungen Peter den Floh ins Ohr setzte, aufs Studium zu verzichten und stattdessen in einer Tischlerei in die Lehre zu gehen. Leider jedoch hatte Peters Ausbildungsstätte nichts gemein mit der gemütlichen Schreinerwerkstatt Meister Eders, der hobelte und sägte und schliff, während der Klabautermann auf seinen Bretterstapeln herumturnte und pausenlos auf den alten Mann einredete. »Ich saß nur noch am Computer und gab irgendwelche Zahlen ein. Das war Akkordarbeit.«

Dennoch sieht man in Peter Klunkers Laden noch Spuren der ersten Ausbildung. Denn alles hier ist aus Holz: die Fässer vor dem Laden, die Kisten mit den Flaschen in den Regalen, der Tresen, der lange Tisch aus zwei Robinienstämmen, an dem die abendlichen Wein- verkostungen stattfinden, und die auf Hochglanz polierte und in rotes Epoxydharz gefasste Nussbaumplatte, auf der kleine Flaschen voller Spirituosen stehen. Fast alles hat der Tischler selbst gemacht, sich ausgedacht, anders als drüben im ehemaligen NOR, wo ein Innenarchitekt den Computer anwarf, um eine Weinhandlung zu gestalten.

Im Weing´schäft ist alles handgemacht und handerlesen. Jedes Jahr fährt der Weinhändler nach Italien, nach Spanien oder Frankreich, legt manchmal 6.000 Kilometer zurück, immer den leise zugeflüsterten Ratschlägen alter Weinkenner folgend, immer auf der Suche nach kleinen, geheimen, wunderbaren Kellereien. »Wir besuchen dann vielleicht 20 Weingüter, trinken 80 verschiedene Weine, und vier oder fünf davon landen dann in unserem Sortiment.«

Klunker ist wählerisch. Das hat er vom Vater. »Peter, komm mal her, halt mal die Nase darüber. Trink mal einen Schluck. Das ist unverkennbar. Das ist die Carnacha, eine kleine, braune Traube, wächst auch auf staubtrockenem, steinhartem Boden...«

Peter lernte schon beim Vater etwas über Wein. Das kam ihm zugute, als er im La Becasse kellnerte, einem belgischen Sternerestaurant, in dem es schon bald zu seinen bevorzugten Aufgaben gehörte, den Gästen die Weine zu empfehlen. »Irgendwann sagte der Chef: Ich weiß, du wirst nicht ewig hierbleiben, aber du machst das so gut, ich spendiere dir mal eine Ausbildung zum Sommelier.«

Tatsächlich blieb er nicht ewig in Belgien, sondern ging eines Tages nach Berlin, um als Betriebswirt bei einem Weingroßhändler anzufangen. Der schickte ihn mit einem Stand zum Bergmannstraßenfest. Es war ein heißer Tag, 37 Grad, und dann tauchten da zwei gut gelaunte ältere Herren vor seinem Tischchen auf und wollten einen Wein. »Was können Sie uns denn so empfehlen bei dieser Hitze?«, wollten sie wissen. Peter bot ihnen einen Le Tours von Domaine La Hitaire an, einen französischen Weißwein, der nicht zu viel Alkohol, aber trotzdem ein volles Aroma besaß. »Das ist eine gute Idee!«, sagten die beiden Alten, »aber warum gerade diesen?« Sie nippten, sahen sich an, nickten, grinsten und stellten Fragen über Fragen. Und Klunker erklärte und erklärte, erzählte, dass es sich um einen Cuvée handele, der zwei uralte Traubensorten vereine, die Colombard und die Gros Manseng, zwei sehr aromatische und ganz eigene Früchte, die aber in der Flasche nicht überleben könnten, wenn man nicht noch eine Sorte mit Säure hinzufügen würde: die Ugni Blanc.

Die beiden waren beeindruckt von dem jungen Mann, und wie sich nach einigen Gläsern Wein herausstellte, waren sie schon seit Jahren auf der Suche nach einem geeigneten Nachfolger für ihren Weinladen, hatten aber niemanden finden können. Bernhard & Hess, waren seit 1978 die Besitzer des Weing´schäfts in der Bergmann- straße. »Die gehörten hier einfach dazu, die wohnen hier in der Nähe, und die wollten sich nicht das ständige Gemeckere anhören, wenn sie ihren Laden an irgendjemanden verkauft hätten, der hier nur Geld verdienen will.« Sieben Jahre haben sie auf den Richtigen gewartet, viele hatten viel Geld geboten für die vorteilhafte Geschäftslage, doch die alten Weinkenner lehnten jedes Mal ab. Peter Klunker, der junge Mann vom Bergmannstraßenfest, schien tatsächlich der richtige Mann zu sein.

Sie schrieben es in den Vertrag hinein, dass der Laden in ihrem Sinne und ihrem Stil weitergeführt werden sollte. Und der junge Mann unterschrieb und gab sich alle Mühe, den Wünschen der Alt-Eigentümer nachzukommen.

So ist der Stil geblieben, auch wenn nicht alles ist, wie es einmal war. Im Schaufenster haben sich zu den Weinen Brände und Liköre in dekorativen Fläschchen gesellt, dafür sind die altgedienten Verkäuferinnen mit dem originalen Berliner Charme, den auch gestandene Kreuzberger nur in vielen Jahren lieben lernten, verschwunden. Aber das wichtigste, nämlich die Weine, die auch die Vorgänger schon im Regal hatten, sind alle noch da. 8.000 Flaschen hat Peter Klunker im kühlen Keller unter dem Laden. Ganz hinten, versteckt hinter einer Schiebewand, hat er die besten Tropfen gelagert. »Die großen Bordeaux, die noch ein bisschen größer werden müssen!« Da liegen in hölzernen Kisten einige alte Jahrgänge, die noch ein, zwei, fünf Jahre brauchen, »um richtig groß zu werden«. Weitere 160.000 Flaschen warten im Lager in Tempelhof. Da sind natürlich einige Namen dabei, die Bernhard & Hess noch nicht im Sortiment hatten.

Einer davon ist ein leichter Franzose namens La Hitaire.


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