Kreuzberger Chronik
April 2021 - Ausgabe 228

Kanzlei Hilfreich

Halbe Treppe


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von Kajo Frings

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Jens Hilfreich hatte eine türkische Haushälterin, mit der er ab und an auf Türkisch korrespondierte. Das sollte von Vorteil sein.



Familie Bayram im dritten Stock bestand aus 6 Mitgliedern. »Das sah man schon an den 12 Schuhen, die vor der Eingangstür standen.« Frau Kasulke, die etwas beleibte Hauswartsfrau, die morgens um 7.30 Uhr dem Schornsteinfeger die Tür zum Dachboden aufschließen wollte, war schon im zweiten Stock außer Atem, ihre Laune wurde von Stufe zu Stufe schlechter. »Gehn Se schon mal vor«, sagte sie zum Schornsteinfeger und klingelte bei Bayrams Sturm. Niemand öffnete. Sie lief zum Dachboden, kam 5 Minuten später wieder runter und schrie den verdutzten Herrn Bayram an, der mittlerweile in der Tür stand: »Wenn ich klingle, haben Sie aufzumachen.« - »Woher soll ich denn wissen, dass Sie das sind?« - »Weil ich die Einzige bin, die um die Uhrzeit klingelt. Und die Schuhe gehören auch nicht vor die Tür.«

Herr Bayram wollte sich umdrehen. »Ja, was denn, jetzt räumen Sie sofort die Schuhe weg, sie werden doch wohl in der Wohnung einen Schuhschrank haben?« - »Ja aber da...!« Herr Bayram wies auf die gegenüberliegende Wohnungstür, »bei Familie Bauer stehen ja auch Schuhe?« - »Dett lassen Sie mal meine Sache sein.« Herr Bayram murmelte: »Salak« - »Watt, och noch frech werden?«

Frau Kasulke drängelte sich an Herrn Bayram vorbei in seine Wohnung, schnappte sich den Schuhschrank Bissa, zog ihn in das Treppenhaus und schnauzte: »Einräumen!« Herr Bayram tat wie ihm geheißen. Als Frau Kasulke dann aber in provokanter Siegerpose die Kampfstätte Richtung Erdgeschoss verließ, trat er gegen den Bissa, der mitsamt den Schuhen die halbe Treppe runterflog.

Richter Hagelberg schaute die Parteien fragend an: »Habe ich das Ergebnis der Beweisaufnahme einigermaßen zutreffend zusammengefasst?« Jens Hilfreich, der Anwalt der Bayrams, nickte. Der Anwalt des Hauseigentümers nickte ebenfalls, beantragte aber, die Wörter »beleibt« und »provokant« zu streichen.

Hagelberg fragte: »Und auf sowas stützen Sie eine Kündigung des Mietverhältnisses?« - »Ja, gewalttätiger Angriff auf die Hauswartsfrau, versuchte schwere Körperverletzung.« Jens Hilfreich, der wusste, dass der Richter ein Liebhaber der türkischen Sprache war, erwiderte: »Abartmamaklazim«, sinngemäß: lassen sie doch die Moschee im Dorf.

Der Richter begründete kurz, warum er die Kündigung für unwirksam hielt und die Parteien verließen den Saal. Frau Bayram drehte sich nochmal um, lief in den Gerichtssaal, ergriff die Hände des Richters und flüsterte ehrfurchtsvoll: »Allah sizikemgözlerdenkorusunsultanım«. Der Richter zog seine Hände zurück, brummelte verärgert: »Lassen Sie das. Ich urteile nach Recht und Gesetz. Was Allah mit mir macht, hat darauf keinen Einfluss.« •


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