Kreuzberger Chronik
April 2021 - Ausgabe 228

Geschäfte

Filme für Fanatiker


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von Anna Prinzinger

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Viele tragen graue Haare. Doch ab und zu verirren sich blonde Mädchen in Berlins älteste Videothek. Und kommen wieder!



Netflix?- Alles durchgeschaut. Disney Plus?- Auch nichts Neues mehr. Sky?- Sowieso zu teuer!

Das Mädchen mit der Bauchtasche läuft die nachtdunkle Friesenstraße entlang, gelangweilt, frustriert vom Lockdown. Da sieht sie das große Fenster vom Videodrom und entdeckt zwei kleine Schätze: Die neue Disney Verfilmung von Mulan und einen Film, von dem sie schon gehört hat: Nackte Tiere. Vielleicht kann sie hier etwas finden gegen die große Langeweile.

Zögernd betritt sie das Geschäft, ordentlich sortiert stehen an den Wänden und im Raum verteilt die Regale mit Filmen aller Art, über jedem Regal ein Schildchen für die verschiedenen Genres: Action, Horror, Komödie, Doku, Kunst und Underground, Kinderfilme, Trash und B-Movies ... . Als sie zugreift, bemerkt sie, dass in den Regalen nur die leeren Hüllen stehen. Die DVDs selbst werden hinter dem Tresen in einem Hinterzimmer aufbewahrt, durch zwei Türen kann das Mädchen einen Blick in das geheimnisvolle Lager werfen, wo sich die schmalen Scheiben, nur noch durch einen schmalen Zahlencode zu identifizieren, im schummrigen Licht bis unter die Decke stapeln.

Vorne im Verkaufsraum dagegen ist es angenehm hell, kein Zwielicht, wie es das Mädchen aus den zwielichtigen Videotheken aus amerikanischen Filmen kennt. Kleine Stufen führen vom Raum mit dem Schaufenster in den nächsten, von wo eine weitere Tür in den dritten und letzten Raum der Ladenwohnung führt. Dieser letzte Raum passt schon ganz gut in das Ambiente der fragwürdigen Abteilungen hinter den verheißungsvollen Vorhängen der 90er-Jahre. Die Beleuchtung ist spärlich und die Wände sind mit roter Farbe ausgemalt, das Herz des jungen Mädchens schlägt ein kleines bisschen höher, doch dann liegen auch in diesen Regalen nur wieder die leeren Hüllen harmloser Filme aus dem Bereich der Fantasy-Abteilung mit Kopien der Tribute von Panem oder den neuen Marvel-Filmen.

Alles in allem erinnert das Videodrom eher an einen gemütlichen Buchladen als an ein Kino mit grellen Leuchtreklamen. Sogar einen Sessel zum Schmökern der Klappentexte auf den Rückseiten der DVD-Hüllen gibt es. Schwungvoll wirft sich eine Frau in Nenas Alter mit Nena-Kurzhaar-Schnitt und kurzem Nena-Röckchen in die Polster und liest die Klappentexte amerikanischer Komödien mit Doris Day und Gary Grant.

Vorne fragt ein Kunde den Mann hinterm Tresen: »Wie viele Folgen hat da die zweite Staffel?« - »Das müssten acht sein, glaub ich. Aber es gibt noch eine dritte.« - »Die Erste war echt gut, da hab ich mir dann sogar das Buch besorgt und wieder mal gelesen.« - »Ja, vielleicht fange ich auch nochmal an zu lesen.«

Der Typ am Tresen hat echt Ahnung. Und einen auffälligen Haarschnitt, so eine Art Irokese. Die große Langeweile ist jedenfalls verflogen, das Mädchen ist beeindruckt, die Dialoge zwischen Personal und Kundschaft haben regelrechten Unterhaltungswert, es wird über Buchverfilmungen gefachsimpelt, über Schauspieler getratscht und über Regisseure referiert wie auf dem Filmfestival. Das gibt es weder an der Kinokasse noch bei Netflix. Kein Film geht zurück ohne Kommentar: »Und wie fandest du den?«, fragt der Irokese. - »Ehrlich gesagt gar nicht so schlecht wie alle sagen! Aber nicht so gut wie die Alten!« So weht immer ein Hauch von Berlinale durch die Friesenstraße.

»Bis bald!«, sagt der Irokese, denn die meisten seiner Kunden sind Stammkunden und kommen jedes Wochenende, wenn nicht sogar täglich. Andere kommen von weit her, nur weil sie gehört haben, dass es hier so ziemlich alles gibt, was jemals auf Zelluloid verewigt wurde. Und dass es dieser Typ mit dem einprägsamen Haarschnitt echt drauf hat. So auch ein älterer Herr: »Also, das ist phantastisch, dass Sie diesen Film gefunden haben und mich auch noch angerufen haben. Drei Jahre habe ich danach gesucht! Dazu werde ich eine gute Flasche Wein aufmachen!«, sagt er und packt die DVD in die Aktentasche.

Wenig später steht das Mädchen am Tresen. Der Mann hinter der Theke, der noch schnell eine rauchen war, eilt zurück zu seinem Arbeitsplatz. »Wonach hat der denn drei Jahre lang gesucht?«, fragt das Mädchen. »Ach, nichts besonderes,« sagt der Irokese, »eine amerikanische Komödie. Er hatte aber nur noch die Szene aus dem Restaurant in Erinnerung: Sie redet wie ein Wasserfall auf ihn ein, und Er will nur noch weg. Und dann sagt Sie: Immer wenn ich mich verliebe, muss ich ganz viel essen. Und putzt vier Teller weg! - Ich wusste, ich hatte den schon gesehen, aber der Titel fiel mir erst am nächsten Tag ein. Da hab ich ihn angerufen.«

Sowas, denkt sich das Mädchen, gibt es bei Netflix nicht. Da sind Filmabende auch nichts besonderes mehr. Sie gehören zum Alltag und stehen zu jeder Zeit zur Verfügung. Dann zeigt sie dem Mann mit der unvergesslichen Frisur die Nummer der DVD, die sie notiert hat. Auf der Hülle überquerte ein Pärchen mit Gitarre einen Zebrastreifen. Das erinnerte sie an die Platte der Beatles. »Und wie läuft das jetzt hier?«

»Geht gleich los.«, sagt der Irokese. Wenig später ist das Mädchen Besitzer einer bunten Mitgliedskarte. Dann sucht er im Computer nach der Nummer, verschwindet in den Untiefen der Hinterräume und taucht zehn Sekunden später wieder auf, den Film in der Hand. »Viel Spaß damit!«, sagt er, und dann noch: »Bis bald!«

Ihre kalten Hände umschließen die CD Hülle und während sie die Straße hinunterläuft, summt sie »Let it be, let it be...« •

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