Kreuzberger Chronik
September 2020 - Ausgabe 222

Herr D.

Der Herr D. isst Eis


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von Hans W. Korfmann

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oder

Weshalb der Herr D. sich ein Motorrad kaufte

Der Herr D. radelte gemütlich die Gneisenaustraße entlang, auf dem Radweg. Einhändig, weil er in der rechten Hand eine Eistüte seiner Lieblingseisdiele an der Ecke zum Mehringdamm hielt: Maracuja, Mascarpone und unten Zitrone. Früher, als er noch ein kleiner Junge war und statt der bunten Mischung immer nur Zitrone aß, und als auch noch nicht so viel Verkehr auf den Straßen war, da hielt er in der anderen Hand noch ein Eis für die Mutter, die gerade auf dem Balkon lag und sich sonnte. Da fuhr er einen Kilometer lang freihändig.

Alles längst Vergangenheit! Er war gerade bei Mascarpone angelangt, als es hinter ihm klingelte. Im selben Moment überholte ihn eine durchgestylte Rennradfahrerin mit imposanter Geschwindigkeit und ebenso imposanten Waden und zeigte ihm mit der freien Rechten den so genannten Stinkefinger. Beleidigungen wegen seines vermeintlich veralteten, im Grunde aber nur gegen die Hast des Alltags revoltierenden Fahrstiles war der Herr D. gewohnt, weshalb er die Zungenspitze nur genüsslich bis ins Zitroneneis hinuntertauchte.

Wieder klingelte es hinter ihm. Diesmal überholte ihn ein uniformierter, in schwarze Radlerhosen und schwarzes Radlershirt gezwängter Radfahrer, der ihm, den Blick zielstrebig nach vorne gerichtet wie ein deutscher Athlet vor der Kamera Leni Riefenstahls, ohne einen einzigen Seitenblick zurief: »Man, Alter, Eis essen kannste zuhause, nicht auf der Fahrbahn!«

Der Herr D. zog die Zunge aus dem säuerlichen Zitroneneis zurück, ließ sie über ein Schokostückchen in der Mascarponekugel gleiten und dachte daran, wie sein Vater hinter dem Steuer des VWs schon in den Sechzigerjahren über die Sonntagsfahrer mit dem Eis in der Hand geschimpft hatte, die vor jeder Kurve bremsten und in den ersten Gang schalteten. Auch der schreckliche Unfall fiel ihm wieder ein, die junge, schon tote Frau auf der Autobahn, die, wie er hörte, von einem BMW-Fahrer derart bedrängt wurde, dass sie die Kontrolle über ihr Auto verlor. Das war einer der Gründe gewesen, weshalb der Herr D. vor fünfzig Jahren auf das Fahrrad umstieg. Und sich von den Autofahrern belächeln ließ, wenn er die Straße zum Schwimmbad hinaufhechelte.

Als es zum dritten Mal klingelte, drehte sich der Herr D. um und wollte dem Raser hinter ihm den Stinkefinger zeigen. Da erkannte er den Galeristen. »Fahr´n Se hier mal nicht so gemütlich, junger Mann!«, rief er und zwinkerte ihm freundlich zu. Der Herr D. freute sich über den Gleichgesinnten, doch angesichts des Ausbaus von Radschnell-wegen, meterlangen Staus vor Ampeln und rasenden Zweiradlern war klar, dass die Zeit des Radfahrens vorüber war. Die Radfahrer von heute waren die Autofahrer von Gestern. Weshalb der Herr D. trotz fortgeschrittenen Alters beschloss, aufs Motorrad umzusteigen. •

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