Kreuzberger Chronik
Oktober 2020 - Ausgabe 223

Geschichten & Geschichte

Eberhard Franke


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von Werner von Westhafen

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Es ist ein Abend in der Nulpe, dieser Künstlerkneipe in der Yorckstraße, irgendwann in den Siebzigerjahren. Links sitzt, wie so oft, Rudi Lesser, der Maler, und rechts an dem Tisch, auch beinahe schon wie immer, diese beiden Frauen vor dem Schachbrett, die Lehramt studieren und jeden Abend eine erstaunliche Anzahl Gläser Wein trinken. Hinterm Tresen steht, wie fast jeden Abend, Bernd, der Wirt, und auch der Musiker ist wieder da, und Eberhard, der Maler, der nicht viel redet, aber immer nett ist. Es ist also ein Abend wie viele, er endet spät, erst nach und nach gehen sie alle nachhause, zuletzt Eberhard und der Musiker.

Jahre später überreicht Eberhard Franke dem Musiker einen Druck. Die Platte dazu hatte er noch in der damaligen Nacht angefertigt, seitenverkehrt, aus dem Gedächtnis, mit allen Gästen und Tischen. Genial! Fünfzig Jahre später erhält der Musiker Besuch vom ehemaligen Nulpenwirt. »Schau mal«, sagt der Musiker zum Wirt, »da hinten steht ein Bild. Schau Dir das mal an. Weißt du noch, wo das ist?«

Der Besuch bückt sich, schiebt die Brille zurecht und braucht keine Sekunde für die Antwort: »Das ist die Nulpe. Und da links sitzt Rudi Lesser, und da sind die beiden Frauen, die immer an diesem Tisch saßen und Lehrerinnen werden wollten. Ich frag mich, ob die das je geschafft haben, so wie die gesoffen haben!«

»Ist das nicht erstaunlich?«, fragt der Musiker, »dass da einer nachts um zwei nachhause geht, und während wir alle längst schlafen, kratzt der aus dem Gedächtnis mit der Nadel ein Bild in die Platte, und wir erkennen alles wieder, fünfzig Jahre später!«

Der Künstler, von dem die beiden Männer sprachen, heißt Eberhard Franke. Sein Leben nahm 1936 keinen glücklichen Anfang. Schon kurz nach seiner Geburt verlor er beide Eltern, die ersten Jahre verbrachte er in Kinderheimen, bis er bei Pflegeeltern unterkam, die ihn auf das Internat Scharfenberg auf einer idyllischen Insel im Tegeler See schickten. Viel weiß man nicht über die Schuljahre, es ist lediglich vermerkt, dass er ein störrischer Schüler gewesen sei, aber Talent fürs Zeichnen gehabt habe. Sein Kunstlehrer soll ihm nach dem Abitur den Weg zum Studium auf der Berliner Kunsthochschule geebnet haben.

Hatte Franke in Scharfenberg vor allem in der Natur Motive gefunden, stürzte er sich nun geradezu gierig auf die Großstadt Berlin. Rastlos, so schreibt man später, »streift er zu Fuß durch die Stadt, schwingt sich aufs Fahrrad, erkundet jeden Winkel. Der Stadtwanderer hält seine Eindrücke in einem Notizbuch fest, zuhause setzt er sie mit Radiernadeln im Zinkdruck um.« Potsdamer Platz, Kleistpark, Kottbusser Tor, Großgörschenstraße, die Menschen auf Märkten, in Cafés und Kneipen, er hält alles fest und wird mit den Jahren zum Chronisten. Nur berühmt oder erfolgreich wird er nicht.

Eberhard Franke, "Erinnerungen ans Café Nulpe"
Im Gegenteil. Eberhard Franke hat kein Talent zum Erfolg, schläft auf Parkbänken, verbringt Nächte in Polizeiarrest und »steckt Rechnungen und Mahnungen öfter in die Hosentasche, als dass er sie bezahlt«, wie sich einer seiner Freunde erinnert. Immer wieder retten ihn die befreundeten Künstler, darunter noch alte Schulfreunde aus Scharfenberg, mit denen er sich ein Atelier in einem Dachgeschoss der Groß-görschenstraße teilt.

Sie halten ihm die Treue. Sie wissen, dass er alten Leuten die Kohlen trägt, Kindern die Fahrräder repariert, von seinem Atelier aus die Tauben füttert und in seiner Stube nicht mehr als Sofa, Tisch und Stuhl hat - aber immer Platz für einen, der keine Bleibe hat. Und dass er sich nie zu schade war, um als Gelegenheitsarbeiter auf dem Bau zu schuften, und dass er seine Bilder am liebsten verschenkte. »Man konnte keine Minute mit ihm in einem Raum sein,« wird man später erzählen, »ohne dass er einem eine seiner Zeichnungen in die Hand drückte.«

So unglücklich sein Leben begann, so traurig endete es auch. Als 2004 im Rathaus Schöneberg eine erste Retrospektive Frankes gezeigt werden soll, fällt er beim Aufhängen der Bilder von der Leiter. Sein Herz war nach 68 Jahren schwach geworden und stehen geblieben. Zwölf Jahre später, anlässlich seines 80. Geburtstages, zeigte die Galerie Classico 60 seiner etwa 240 Radierungen, im Tagesspiegel erinnerte Giacomo Maihofer in einem schönen Artikel an ihn.

Eberhard Franke war ein stiller, merkwürdiger Typ, erinnert sich einer seiner Freunde, »aber unwahrscheinlich nett. Wenn wir bei Eduscho an der Yorckstraße Ecke Großbeerenstraße Kaffee tranken, bezahlte er immer für alle mit und brachte uns den Kaffee an den Tisch. Dann holte er für sich selbst Gebäck von Gestern, das die Hälfte kostete.« Er war die Bescheidenheit in Person.

Finanziell allerdings war er abgesichert, Klaus Mertens von der Galerie Taube zahlte ihm so etwas wie ein monatliches Gehalt. Franke revanchierte sich mit Bildern. Doch der Grund für Frankes Selbstlosigkeit lag nicht in dieser Pension. »In seiner Welt gab es kein Geld! Für so etwas war gar kein Platz«, erinnert sich der Musiker.

Auch das Bild von der Nulpe, das nun in dem kargen Altenzimmer hängt, hat Eberhard Franke einst verschenkt. »Ich hatte in meiner Wohnung in der Fidicinstraße mal ein paar Leute eingeladen, darunter auch Eberhard Franke.«, erinnert sich der Musiker. »Der war ganz glücklich über das viele Essen und den vielen Wein, und plötzlich meinte er, er müsse mal kurz nachhause. Dann kam er zurück, das Bild unter dem Arm, und entschuldigte sich für den Rahmen, der nicht ganz passend sei.« So war er, dieser Eberhard Franke, ein bisschen merkwürdig, aber unwahrscheinlich nett. •

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