Kreuzberger Chronik
Oktober 2020 - Ausgabe 223

Geschäfte

Rossmanns Welt


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von Ina Winkler

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Natürlich ist auch bei Rossmann an der Zossener Straße nicht mehr alles, wie es einmal war. Seit die Drogerie in den schmucklosen, kaum drei Meter hohen Zweckbau auf der Nachkriegsbrache gegenüber der Markthalle eingezogen ist, hat sich vieles verändert. Zu Cremes und Tempotüchern, Badesalzen und Seifen, die im Sortiment des Berliner Drogisten einst noch die Mehrheit hatten, haben sich drogeriefremde Produkte gesellt. Warum auch sollte sich der Drogist nicht erlauben, zu tun, was die Benzinverkäufer und Kioskbesitzer schon lange tun. Also gibt es auch bei Rossmann längst alles, was es in Supermärkten auch gibt: einen guten Sekt ebenso wie Schokoladenosterhasen und Schokoladenweihnachtsmänner, Haarföhne und Waffeleisen, Parfums und Waschmittel, Kerzen und Fotoabzüge.

Natürlich wird auch bei Rossmann alle paar Jahre alles umgeräumt, woraufhin die alten Stammkunden monatelang ratlos zwischen den Regalen stehen und nach der Zahncreme suchen, wo nun das Katzenfutter steht. Und natürlich versucht man auch hier mit fortschreitender Veränderung und Erneuerung den Eindruck zu erwecken, es würde alles ständig besser und ständig günstiger. Und natürlich lockt auch Rossmann mit Sonderangeboten und Treueherzchen. Es scheint, als unterscheide die Kreuzberger Rossmannfiliale nichts von anderen Drogerien, Supermärkten und Tankstellen in Berlin oder sonst irgendwo in Deutschland oder Europa.

Und doch ist Rossi in der Zossener Straße etwas Besonderes. Die Stimmung hier ist anders als in Hellersdorf oder in Steglitz. Vielleicht liegt es daran, dass man den Herrn Rossmann in Kreuzberg auch auf der Straße treffen kann, dass er mit seinem Sohn in einer Kreuzberger Sporthalle Tennis spielt und womöglich mit den Kreuzbergern, die bei ihm Schokoladenosterhasen kaufen, anschließend in der Sauna schwitzt, um ein paar Kilo abzunehmen. Vielleicht liegt es daran, dass der Herr Rossmann dieser Filiale und ihrer Kundschaft eine besondere Aufmerksamkeit entgegenbringt.

Wahrscheinlicher aber ist, dass die Kundschaft den Unterschied ausmacht. Zwar gibt es inzwischen auch in der Filiale gegenüber der Marheinekemarkthalle eilige IT-Manager, die sich vordrängeln möchten, oder zu teuer frisierte Damen, die dem Punker mit der Töle um die Ecke anstatt eines Euros nur schiefe Blicke zuwerfen. Doch die teuren Frisuren sind Ausnahmeerscheinungen. Bei Rossmann in Kreuzberg herrscht noch die alte Kreuzberger Mischung, da kaufen Asylanten ebenso wie Fabrikanten, Krawattenträger ebenso wie Junkies mit halb heruntergelassener Hose. Da stehen weiße, braune und gelbe Kunden an der Kasse, ebenso wie hinter der Kasse braune, gelbe und weiße Verkäuferinnen mit schwarzen, blonden oder blauen Haaren sitzen. Anders als in der Markthalle, wo die Flasche Sekt ein Pfund und das Kilo Steak einen Fünfziger kostet, verschwimmt am Marheinekeplatz die Grenze zwischen Arm und Reich, die andernorts immer unüberwindlicher zu werden scheint.

In der Zossener Straße kann man das berühmte Aldi-Phänomen der Siebzigerjahre beobachten, jenes Supermarktes, in dem sich zu Weihnachten Professoren hinter Sozialhilfeempfängern in die Schlange reihten, weil sich herumgesprochen hatte, dass es bei Aldi einen guten Champagner für kleines Geld gab. Ob bei Aldi oder Rossi: an der Kasse trifft zusammen, was noch immer zusammen gehört.

Da trifft der Tatort-Kommissar seine Fans mitten im Alltag, mitten in der Realität. Zum Beispiel Frau Stempnierwsky, die auch mit siebzig noch ihrer Sechzigerjahrefrisur treu bleibt. Die ehemalige Chefin der Kreuzberger Frauenfußballmannschaft gehört schon viel länger zur Kiezprominenz als der Schauspieler und ist offensichtlich auch schon tief im Gedächtnis des Kommissars verankert. Also grüßt er die Dame mit einem freundlichen »Hallo!«. Das schmeichelt ihr, doch als geborene Kreuzbergerin bleibt sie trocken: »Hallo Herr Mommsen, ich grüße Sie. Aber sagen Sie: Woher kennen Sie mich eigentlich?« - »Hatten Sie nicht so eine kleine Nebenrolle in...?« - »Nein, Herr Mommsen, da irren Sie sich...«, sagt die Kreuzbergerin und fühlt sich noch ein bisschen geschmeichelter.

Kiezbekannt ist auch Mahide, die Frau mit dem wasserstoffgefärbten Irokesen. Zeitungen und Fernsehsender haben sie porträtiert, wo immer sie auftaucht, trifft sie Gesprächspartner. Also auch in der Drogerie am Marheinekeplatz, in der sie trotz grellbuntem Hippiemantel, dicker Schminke und dem Iro auf ihrem Schädel kaum auffällt. Innerhalb von Sekunden ist das Gespräch irgendwo am anderen Ende der Welt, in Burkina Faso zum Beispiel, oder in irgendeinem exotischen Berliner Club, in dem Mahide am Abend auftritt. Nach einer Weile kommt der schwule Henry dazu, und wenig später sind es schon drei, die der Kundschaft im Wege stehen, und es kann eine halbe Stunde vergehen, während der diese kleine Runde mitten im Gang der Rossmannfiliale zwischen den bunten Plastikfläschchen der Haarwaschmittel und Körperlotions, zwischen buntbedrucktem Toilettenpapier und rosfarbenem Weichspüler die Lage der Nation erörtert, ohne dass irgendjemand Anstoß daran nimmt.

Das sind die kleinen, aber entscheidenden Unterschiede, die dazu führen, dass selbst gestandene Altkreuzberger und antikapitalistische Altachtundsechziger plötzlich in die Nähe spießiger Neukreuzberger rücken, wenn sie solche denkwürdigen Sätze von sich geben wie: »Ich liebe Rossmann!« •

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