Kreuzberger Chronik
November 2020 - Ausgabe 224

Strassen, Häuser, Höfe

Oranienstraße 10/11


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von Werner von Westhafen

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Die Doppelhausnummer lässt auf große Gewerbehöfe und mehrere Fabriketagen schließen, doch hinter den schmucklosen Wohnhäusern mit den Nummern 10 und 11 verbirgt sich nur ein lichtscheuer Hof mit zwei Seitenflügeln und einem Quergebäude. Schmale, granitsteinerne Treppenhäuser führen in die engen Hinterhauswohnungen und in die geräumigen Gewerbe-Etagen mit den großen Fenstern.

Die Nummer 10/11 ist ein bescheidenes Haus, erbaut, als zwischen Moritzplatz und Kottbusser Tor lediglich die Südseite der Straße bebaut war und auf der anderen Seite noch Gärten und Felder lagen. 1863 wird die Genehmigung zum Bau »eines Wohnhauses sowie eines Wirtschaftsgebäudes auf dem an der Oranienstraße gelegenen Grundstück des Eigenthümers Herrn Schneider Wohlgeboren« erteilt. Der Gärtner errichtet zunächst ein Vorderhaus und einen Seitenflügel, verkauft aber wenig später beide Grundstücke an den Bäcker Fetter und den Fleischer Pfeifer, der auch dem Haus mit der Nummer 11 einen einstöckigen Seitenflügel, Pferdeställe und eine Hoftoilette zufügt. Während in den Seitenflügeln und im Hinterhaus Handwerksbetriebe einziehen, befinden sich im Vorderhaus die Läden der Bäckerei und Fleischerei, darüber die großen Vorderhauswohnungen. Die Oranienstraße wird bereits als Ku´damm des Ostens gehandelt, die Mieten steigen und auch Bäcker und Fleischer verkaufen Haus und Hof bald schon an einen Juwelier, der es noch im gleichen Jahr an den Regierungsbaumeister Frehn weitergibt. Es ist das 20. Jahrhundert angebrochen, in rasantem Tempo wechseln Immobilien ihre Besitzer.

Frehn schließt das Grundstück im Norden mit einer sich über beide Höfe erstreckenden Fabriketage ab, installiert einen Lastenfahrstuhl und eine Dampfheizung und dekoriert die bescheidene Fassade mit zwei Türmchen. 1907 richtet Dr. Richard Baum im rechten Seitenflügel der Nummer 10 eine Privatklinik für Chirurgie und Orthopädie ein. Er ist der älteste Sohn einer angesehenen jüdischen Familie, die Geschwister sind Juristen und Geschäftsleute. Die Klinik besteht aus Wartezimmer, Sprechzimmer, Operationszimmer, Dunkelkammer und einem Gymnastikraum mit Sportgeräten. Im Vorderhaus richtete sich der Arzt mit seiner Frau Käthe, einer emanzipierten Medizinerin, seine Wohnung ein.

Es geht voran, 1912 steht vor der Oranienstraße Nummer 10 bereits der Cadillac des Doktors, und zu Beginn der Goldenen Zwanziger fährt auch Frau Doktor Baum mit ihrem Ford-Cabriolet in der Oranienstraße vor. Das Foto- und Grafikstudio von Tedran & Kraushaar im 4. Stock trägt jetzt ein vornehmes Glasdach, und während im Hinterhof noch die Zigaretten gedreht werden, werden bei Ararat im Vorderhaus Luxuszigaretten mit Orienttabaken angeboten.

Doch das Glück ist nur von kurzer Dauer. Es beginnen die schicksalsträchtigen Dreißigerjahre, auf großformatigen Plakaten werden die Berliner aufgefordert, jüdische Ärzte und Anwälte zu meiden. Alfred Baum, der Bruder Richards, erleidet einen Nervenzusammenbruch und flüchtet nach Holland. Käthe Baum, mit ihrem Mann zerstritten, flüchtet nach Rom und wechselt die Identität, und Hugo, Richards jüngster Bruder, kann dem KZ nur noch durch Selbstmord entkommen. Auch Richard Baum muss seine Praxis im Seitenflügel schließen, und als die Nazis seinen Sohn in die berüchtigte Prinz-Albrechtstraße 8 verschleppen, entschließt auch er sich zur Flucht. Gemeinsam mit dem aus dem Folterkeller befreiten Sohn kann er nach Haifa flüchten, lange bevor im Februar 1945 die Bomben auf Kreuzberg fallen. Das Haus mit der Nummer 10/11 aber bleibt unbetroffen.

Als man nach dem Krieg mit dem Aufräumen beginnt, soll der östliche Teil der Oranienstraße dem Erdboden gleichgemacht und zur Autobahn werden. Doch in der Bevölkerung wächst Widerstand, und so steht das Haus des Gärtners noch, als 1965 die GSG gegründet wird, eine stadteigenene Gewerbesiedlungsgesellschaft, die durch den Ankauf von Gewerbehöfen günstige Produktionsstätten schaffen und damit endlich auch die Berliner Nachkriegswirtschaft in Schwung bringen möchte. Sie kauft auch das Haus des Gärtners. Doch wieder bricht ein neues Jahrhundert an, die Mauer ist abgerissen und Berlin liegt plötzlich wieder mitten in Europa. Abermals fallen Immobilienhändler über die Stadt her, und es gelingt ihnen, den Stadtvätern sogar die GSG abzukaufen. Seit 2007 gehört die Immobilie der Orco Property Group, Bausenator Müller und Bürgermeister Wowereit haben sich aus der Verantwortung gestohlen. Wieder steigen die Mieten, und wenn der Sprecher im Werbespot der Orco, begleitet von sanfter Gitarrenmusik und langsamen Kameraschwenks durch sonnendurchflutete Räume mit glücklichen Mitarbeitern und Grünpflanzen wie im Palmenhaus, mit kreideweicher Stimme erzählt, dass »die typische Kreuzberger Mischung aus Wohnen und Arbeiten wieder gefragt« sei, ist das Sarkasmus. Mit der einst gesunden Mischung aus Arm und Reich, Wohnen und Arbeiten, mir dem Erhalt günstiger Gewerberäume hat Orco nichts zu tun.

Im Gegenteil: Die Bild- und Kulturredaktion der Zeitschrift Mare, erhielt im Sommer ebenso unerwartet wie fristlos nach zehn Jahren die Kündigung. Und sind nicht die einzigen, von 16 Gewerbeeinheiten sind nur noch zwei vermietet. Der Hof hat seine glanzvollen Zeiten hinter sich, lediglich beim Pizzabäcker an der Straße ist noch eine Spur von Leben. Und wie es weitergeht mit der Oranienstraße 10/11, weiß niemand. Der Pizzabäcker hebt die Schultern und zieht die Unterlippe sehr weit herunter. Mehr sagt er nicht. •

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