Kreuzberger Chronik
November 2020 - Ausgabe 224

Geschichten & Geschichte

Die Wiege des deutschen Fußballs


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von Erwin Tichatschek

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Es gehört zu den ältesten und liebenswürdigsten Kreuzberger Traditionen, vor den Bildschirmen in den Kneipen die Spiele der Bayern mit hämischen Kommentaren zu begleiten und in Jubel auszubrechen, wenn die Münchner verlieren.

Diese Tradition hat alte Wurzeln, denn die Wiege des deutschen Fußballs steht nicht in Bayern, sondern in Berlin. Genau genommen am Rande Kreuzbergs auf dem Tempelhofer Feld, der heute größten Spielwiese der Hauptstadt. Schon im 19. Jahrhundert traten des Kaisers Soldaten auf dem großen Rasen vor den Kasernen am südlichen Stadtrand zum Exerzieren an, nur an den Sonntagen mussten sie das Feld räumen für die Sonntagsausflügler und die ersten deutschen Fußballer, die sich hier ein Stelldichein gaben.

Es begann in den Achtzigerjahren des 19. Jahrhunderts, als einige Studenten aus London einen mit einer Schweinsblase gefüllten Lederball nach Berlin brachten und auf dem Tempelhofer Rasen Fußball zu spielen begannen. Das neuartige Spiel wurde von den strengen Preußen zunächst als »Fußlümmelei« , »Engländerei« und »Fußstauchspiel« verspottet, den preußischen Schülern drohten sogar Strafen, wenn sie mit den Engländern gemeinsame Sache machten. Doch insbesondere die Schüler vom Askanischen- und vom Friedrich-Wilhelm-Gymnasium in der Kochstraße, sowie »einiger anderer in der Nähe des Kreuzbergs gelegener Schulen« ließen sich von ihren Lehrern nicht einschüchtern.

Als 1883 der Berliner Cricket-Club gegründet wird, wird auch dieser schon bald wieder aus dem Hippodrom im Tiergarten vertreiben, weil die Clubjugend nicht nur um die Cricketball, sondern auch um den Fußball streitet. Die Vertriebenen flüchten zunächst auf die Wiesen von Schönholz, dann auf den Exerzierplatz an der Pappel und zuletzt an die Schönhauser Allee, bis sie letztendlich auf dem Tempelhofer Feld Asyl finden.

Am 15. April 1888 gründet Paul Jestram mit 30 Mitschülern des Askanischen Gymnasiums in der Wohnung in der Kreuzbergstraße 75 den Berliner Fußballclub Germania. Die Vereinssatzung verlangt Vereinsgeist und Disziplin, insbesondere »pünktliches Erscheinen zu den im Sommer auf dem Tempelhofer Feld allsonntäglich stattfindenden Spielen mit nachfolgender Versammlung sowie zu den im Winter allmonatlichen Sitzungen. (...) Unentschuldigtes Fehlen beim Spiel und in den Versammlungen kostet 25 Pfennig, Zuspätkommen 10 Pfennig Strafe.« Das sportlich-vertrauliche »Du« ist ebenso obligat wie das Tragen des Vereinstrikots. Zum Vereinslokal des BFC Germania wird eine Wirtschaft in der Bergmannstraße ernannt.


Tatsächlich erhält der Verein der Jugendlichen vom Generalkommando des Gardekorps Berlin eine offizielle »Genehmigung zum Abhalten von Spielen an den Sonntagen auf dem Tempelhofer Felde bis zum 1. April 1890 unter der Voraussetzung, dass der Platz nicht beschädigt wird, und unter dem Vorbehalt eines jederzeitigen Widerrufs.«

Schon ein Jahr nach seiner Gründung erhält der BFC ernstzunehmende Konkurrenz durch den Thor- und Fußballclub Victoria 1889 (vgl. Kreuzberger Chronik Nr. 62), einer Schülermannschaft der 186. Gemeindeschule, die bereits seit Jahren auf dem Aufmarschgelände des Gardekorps an der Möckernstraße trainiert hatte. Ebenfalls schon auf dem Rasen war der Berliner Fußballclub Frankfurt, immerhin schon drei Jahre älter und erfahrener als die Germanen. Doch der BFC Germania hatte eine Geheimwaffe: »Hutti«. Hutti alias Georg Demmler nahm es mit der preußischen Pünktlichkeit nicht so genau, weshalb seine Kameraden vor jeder Partie zittern mussten, denn ohne das zwei Meter lange »Kopfballwunder« waren sie verloren. Mit ihm an ihrer Seite aber konnte ihnen nichts passieren, Demmler war die alles überragende Persönlichkeit auf dem Platz. »Seine übliche Haltung war die des Feldherren mit in die Ferne schweifendem Blick, akkuratem Schnauzer, in die Hüften gestemmter Hand und einer Brust, die unter dem Gewicht der im Fußball erworbenen Auszeichnungen keuchen mußte.«

Mit dem Kopfballwunder gewinnt der BFC auch die erste, noch inoffizielle, Fußballmeisterschaft Deutschlands im Jahr 1890, in der allerdings nur die Berliner Mannschaften angetreten waren. »Wie wichtig der Vorzeigeathlet für die Mannschaft war, zeigte sich auch, als der Verein 1894 als erster auswärtiger Club zu einem Gastspiel bei Lipsia Leipzig antrat, woraufhin sogar die Leipziger Lokalzeitung zugeben musste: Die Berliner (...) erregten besonders durch ihr Spiel von Mann zu Mann, sowie durch die hier noch nie gesehenen wunderbaren Kopf-stöße eines fast 2 Meter langen Mittelstürmers Demmler berechtigte Bewunderung

Als der Club 1905 auf dem Tempelhofer Feld gegen Civil Service London antrat, erschien sogar Kronprinz Wilhelm am Spielfeldrand und war begeistert. Doch als »Hutti« seine Rolle als Kopfballwunder aufgab, ging es rapide bergab. 1909 stieg der stolze Verein in die 2. Berliner Liga ab, seit dem Jahrtausendwechsel machen die Germanen vor allem als »Fahrstuhlmannschaft« von sich reden, 2009 landete der erste Deutsche Meister der Geschichte in der neuntklassigen Kreisliga A. Doch auch dort konnte er sich nicht halten und stieg ab in die Kreisliga B. Seine Gegner kommen nicht mehr aus London oder Leipzig, sondern aus Britz, Tegel oder Mariendorf.

Einen Titel aber lässt sich Germania nicht mehr nehmen: Da Viktoria, Preußen, Frankfurt und die anderen Fußballlegenden der ersten Stunde längst ganz aus dem Rennen sind, ist der BFC Germania 1888 nun der älteste aktive Fußballverein auf deutschem Rasen. •

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