Kreuzberger Chronik
November 2020 - Ausgabe 224

Reportagen, Gespräche, Interviews

Der Wasserturm wird saniert


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von Edith Siepmann

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Der Turm ist alt und muss saniert werden.
Alles muss raus, nur die Druckmaschine darf bleiben.
Die Bewohner werden umquartiert - zumindest vorübergehend.


Mit einem schweren Schlüsselbund in der Hand steigt Sabine Blankenheim die granitene Wendeltreppe hoch. Sie öffnet die knarrenden Gittertüren, die den Weg nach ganz oben versperren. Eine blutende Plastikhand und andere Gruselreste der letzten Halloweenfeier im Treppenhaus hinter uns lassend erreichen wir die oberste Plattform. Hier neben dem Turmfalken-Nistkasten beginnt das kegelförmige Schieferdach. Ein Austritt führt auf den schmalen, schwach gesicherten Umlauf. Der Wind bläst. Mit leichtem Schwindelgefühl überblicken wir die Dächer des ganzen Kiezes. Vierzig Meter unter uns liegen die Schluchten der Fidicin- und Kopischstraße und in grüner Pracht der Chamissoplatz, davor ganz gummirot der Bolzplatz. In der Ferne sind die Türme der Kirchen und der Radarturm des Tempelhofer Felds zu sehen.

Der Wasserturm ist das backsteinrote Wahrzeichen des alten Sanierungsgebietes Chamissoplatz. Weithin sichtbar überragt er wie ein Wehrturm das ehemals aufmüpfige Wohnviertel. Ganz oben blinkt golden der preußische Adler. Der Urentwurf zum Turm namens Undine stammt von Henry Gill, einem Engländer, der ab 1852 mit seinen Ingenieurskenntnissen das Berliner Wasserwesen entwickelte und zum Direktor der städtischen Wasserwerke wurde. Die Stadt boomte. 1875 war noch die Hälfte der Einwohner nur mit Brunnen- statt Leitungswasser versorgt, was durch den Bau neuer Wasserwerke und Wassertürme geändert werden sollte. Auch der 1888 fertig gestellte »Wasserturm am Tempelhofer Berg« trug dazu bei, indem er mit dem Gewicht von 400 Kubikmetern Wasser in einem großen Eisenkessel Druck auf das Wasser in den Leitungen ausübte, so dass es in die Wohnungen der oben gelegenen Straßen floss. Der Turm sollte nicht als nüchterner Zweckbau die Fassadenpracht der neoklassizistischen Gründerzeitbauten stören, sondern im Stil der märkischen Backsteingotik einen besonderen architektonischen Akzent im Quartier setzen. Bis 1890 stand zwischen Mietshäusern und Turm die letzte von acht Windmühlen. Ein bunter Stil- und Nutzungsmix auf engem Raum: antikisierende Fassaden, mittelalterliche Zinnen und rotierende Flügel – Wohnen, Wasser, Wind.

Foto: A. Schwarz, Archiv Wasserturm
Zurück im Turminneren blickt man in eine dunkle leere Halbkugel, die aus einzelnen Bahnen genietet wurde. Der riesige Wasserkessel füllt die obere Etage des Turms. Sabine zeigt auf eine rote gepinselte Schrift: 1935 wurde er letztmalig mit der teerhaltigen Rostschutzfarbe »Siderosthen« versehen. Direkt unter dem Wasserbehälter war eine runde Wohnung mit drei Stuben und vielen kleinen Fenstern. Und darunter liegt ein hoher runder Raum mit wenigen schmalen Fensterluken, dessen Funktion nur darin bestand, Höhe für den Kessel zu gewinnen. Den ehemaligen Maschinenraum und jetzigen Saal im Erdgeschoss krönt ein Schmuck-Sterngewölbe ohne statische Funktion. Die Mauern sind hier 1,50 Meter dick.

Wasser ist seit 1955 keines mehr im Kessel. Dann beförderten Elektropumpen das Leitungswasser bis in die höchsten Stockwerke. Bis 1980 wurden die Nebengebäude - das ehemalige Kesselhaus und Kohlenlager - als Wohnraum vermietet. Bald darauf kam eine Initiative aus der Nachbarschaft auf die Idee, den leeren Turm als Kulturort nutzen. Der 1984 gegründete und bis heute existierende Selbsthilfeverein Jugendzentrum Wasserturm e.V. ermöglichte in Zusammenarbeit mit dem Bezirksamt, dass Jugendliche und Erwachsene aus dem Chamissokiez einen selbstbestimmten, öffentlichen Treffpunkt bekamen. Ab 1986 wurde drei Jahre saniert, und seitdem existiert der Wasserturm als »Jugend- und Kommunikationszentrum«, das allerletzte kommunale seiner Art in Kreuzberg.

Die 130 Jahre währende Turm-Geschichte erzählt Sabine beim Auf- und Abstieg, und man merkt ihr ihre Begeisterung für den Ort auch nach vielen Jahren der Arbeit hier an. Sie führt weiter durch die Gruppenräume in den Nebengebäuden. Ja, es ist alles etwas abgewohnt. Offensichtlich muss etwas geschehen, eine Grundsanierung steht an. Seit zwei Jahren sind die Mitarbeiter des Wasserturms im Gespräch mit den zuständigen Architekten und dem Bezirksamt, damit die Sanierung des Turms nach ihren Interessen verwirklicht wird. Der Bezirk hat 3,8 Millionen Euro dafür eingeplant, begonnen wird Anfang 2021. Die Infrastruktur wird erneuert, die unterste Etage barrierefrei gemacht mit behindertengerechtem Zugang und Toilette. Eine neue Küche mit Essraum entsteht im Nebengebäude. Der zehn Meter hohe runde Turmraum über dem Saal soll zum Bewegungsraum mit Schwingboden und Fußbodenheizung werden. Die Grundstruktur bleibt aber aus Denkmalschutzgründen fast so wie jetzt. »Wir sind wirklich froh, dass die Planer auf uns mit unseren Erfahrungen zählen und unter Berücksichtigung der Denkmalschutzvorgaben auf alle Veränderungen, die wir wollen, eingehen. Es läuft gut!«, sagt Sabine. Hakan, der gerade mit zwei Jungs Kicker spielt, pflichtet ihr bei. »Wir sind wirklich zufrieden, und ich freue mich auf den neuen Turm, bin aber auch neugierig auf die Zwischenzeit.«

Hakan Aslan leitet zusammen mit Sabine Blankenheim das Jugendzentrum. Er arbeitet seit 2002 für den Deutsch-Türkischen-Kindertreff der Freien Sportjugend als privatem Träger im Wasserturm. Für Sabine vom Bezirk und Hakan vom DTK ist diese Mischung der Zuständigkeiten eine Win-Win-Situation. »Wir als Verein können Spenden annehmen. Und wenn es mal Haushaltssperre gibt, dann läuft es über uns finanziell weiter.« sagt Aslan. »Es geht nicht ohne Toleranz und Verlässlichkeit. Aber wir stehen beide für ein offenes Konzept, was aber auch Samstag- und Nachtarbeit bedeutet«, meint Sabine. Das erfordert Absprachen auf Augenhöhe, doch die Kooperation klappt - als letzte in Kreuzberg zwischen einem freien Träger und einer kommunalen Leiterin. Mit im Team sind außer den beiden Canan und Ibou, Sozialarbeiterin des Vereins und Sozialarbeiter des Bezirks.

Der Große Wasserkessel
Auf die Frage, ob sich die Jugendarbeit im Turm in den letzten Jahren verändert hat, meint Hakan: »Extrem! Zum einen haben die Kinder keine freie Zeit mehr, sie sind durch den Ganztagsunterricht und die vielen Kurse komplett verplant. Und die Älteren, die schon alleine herfinden, sind viel unsteter als früher. Alle Kontakte und alle Kommunikation laufen übers Handy. Kaum sind sie angekommen, sind sie auch wieder weg. Es fehlt ihnen an Ausdauer und es dauert wesentlich länger als früher, eine Beziehung aufzubauen.« Dabei sind die Probleme zuhause oder in der Schule noch die gleichen wie einst.

Diese Verdrängung durch mediales Abtauchen macht ihm Sorgen. Der Turm bot immer einen geschützten Raum. Einige »Stammgäste« allerdings kommen auch heute noch täglich in den Turm. Florian gehört dazu. Er ist bei der Malgruppe, deren Bilder gerade in der Art Route in verschiedenen Läden und Lokalen zu sehen sind. Und ab November in den nahe gelegenen Mühlenhaupt-Höfen. Florian, der mit seiner Kamera die Veränderungen im Kiez fotografiert und sich politisch engagiert gegen Massentierhaltung und Mieter-Verdrängung, ist stolz auf diese Öffentlichkeit. Der Wasserturm ist eine zweite Heimat für ihn. Auch Eray, der nächstes Jahr sein Abitur schreibt, trifft sich immer noch mal mit Freunden im Turm zum Tischtennis oder einfach zum Abhängen. »Wasserturm? Beste von Welt!«

»Offenes Konzept, das bedeutet, dass die Jugendlichen einfach vorbeikommen können, ohne Kurse besuchen zu müssen. Es bedeutet aber auch, dass Veranstaltungen von Anwohnern, Theater- und Tanzabende stattfinden können. Dann müssen wir eben auch da sein«, sagt Sabine. »Wir fahren einen anderen Plan. Wir lassen den Kiez rein.« Das ist der soziokulturelle Ansatz von früher, aus dem alten Kreuzberg. Und dafür existiert immer noch der alte Wasserturmverein, der beim Abendprogramm für Getränke sorgt. So haben dreißig Leute Schlüssel für den regelmäßigen Zugang zum Wasserturm, darunter Chöre, Kindertheater, Bands, Hip Hopper, Tanzgruppen, Anonyme Alkoholiker... Sie werden durch die Renovierung erst einmal alle heimatlos.

»Wir selbst ziehen für die geplanten zwei Umbaujahre in die Roseggerschule am Marheinekeplatz. Erster Stock, 300 Quadratmeter, drei Klassenräume mit Flur über der Global Music Academy.« Wegen Lärmschutzvorgaben sind dort allerdings keine Konzerte und keine Fremdnutzung mehr erlaubt. Kurse in Taekwan Do, Jiu Jitsu, Tanz, Theater und Malen sollen aber in kleinerem Maßstab weiterhin statt-finden. Die traditionelle Siebdruck-Werkstatt und das Tonstudio werden neu eingerichtet. Auch die Kooperation mit der ehemaligen Lenauschule bleibt bestehen. Hakan Aslan möchte gerne neue Gruppen für Jungen zur Hinterfragung von Geschlechterrollen anbieten. Und hoffentlich kann Poetry-Slam bleiben! Diese Veranstaltungsreihe hat dem Wasserturm viel Ruhm eingebracht.

Das Erfolgsteam vom Wasserturm, Foto: Edith Siepmann
»Seit Anfang des Jahres räumen wir und misten aus. Da sind Theaterkulissen von den Mittelalterfesten und den jährlichen Parcours, die wir wegschmeißen müssen. Da liegen kreative Reste aus vier Jahrzehnten.« Ähnlich würde es auch dem Siebdrucker Cornelius ergehen, müsste er mit seiner schweren Druckpresse den Turm verlassen. Seit zwanzig Jahren führt er Kinder in die Technik des Siebdrucks ein. So lang, bis sie ihr eigenes T-Shirt nach Hause tragen können. Inzwischen gibt es eine Edition handgemachter Kunstbücher, die im Wasserturm entstanden ist. Glücklicherweise kann die schwere Maschine bleiben, wo sie ist - sie wäre nur mit einem Kran von dort fortzubewegen.

Hakan Aslan erwartet von dem neuen Quartier vor allem, »dass wir gut mit den Nachbarn auskommen und dass wir unsere Jugendlichen aus dem offenen Bereich nicht verlieren. Wegen aktuellen Hygienebestimmungen kommen jetzt viel weniger Kids einfach so mal in den Turm, Kurse fallen aus, Veranstaltungen sowieso. Und dann der Umzug – das müssen wir irgendwie auffangen...«. Andererseits liegt die Roseggerschule mitten im Kiez und hat einen großen, ungenutzten Hof. Das Jugendzentrum könnte eine Art Opener sein für ein kommunales kulturelles Zentrum, in dem es viel zu wenig öffentliche Räume gibt. Zumindest die Schranke der brandschutzrechtlichen Verbote und des Erlöschens der Betriebserlaubnis, die bisher immer als Argumente gegen jegliche Nutzung der ehemaligen Roseggerschule ins Feld geführt wurden, scheint überwindbar. Obwohl es vielerlei Begehrlichkeiten zur Weiternutzung der Roseggerschule gibt, stellte das Bezirksamt in einer Drucksache Ende 2018 immerhin offiziell den Bedarf an Raum für Kiezkultur fest und empfiehlt eine solche Nutzung innerhalb eines zu entwickelnden »Hauses für (inter-)kulturelle Bildung«.

Das Jugendzentrum übernimmt damit eine Vorreiterrolle. 2023 soll es dann wieder in sein altes Zuhause an der Kopischstraße zurückkehren. So zumindest sieht es der Zeitplan. Das Konzept im neuen Turm soll das gleiche bleiben, und »wir freuen uns schon auf alte Bekannte und neue Kinder. Und auf die Hoffeste mit den Nachbarn.«

Im Januar werden die Gerüste aufgebaut. Sie werden die Graffiti am Fuß des Turms verdecken und den wilden Wein, dessen Blätter gerade von grün zu rot wechseln. Auch das Falkenpärchen wird wahrscheinlich vorübergehend umziehen. Doch der Falkner ist zuversichtlich. »Die werden zurückkommen. So wie ihr auch!«

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