Kreuzberger Chronik
November 2020 - Ausgabe 224

Hausverbot

Die Spieler


linie

von Sybille Matuschek

1pixgif
Es gibt nur noch wenige von diesen Kneipen, in denen man Rauchen, Trinken, Streiten, Knutschen, Tanzen, Kicker- und Billardspielen kann. Das Anno ist so eine Kneipe, in der die Billardkugeln die ganze Nacht den Takt angeben. Der Tisch ist ständig besetzt, mit wechselnden Spielern. Wer spielen möchte, muss mit dem winzigen Kreidestummel seinen Namen auf eine Tafel schreiben, dann geht es der Reihe nach. Das Prinzip ist einfach: Wer gewinnt, bleibt am Tisch, wer verliert, macht Platz für den nächsten.

Da nun aber jedes Land, jede Stadt, jede Kneipe eigene Billardregeln hat, und weil nicht überall auf der Welt die letzte Kugel über die Bande gespielt wird oder das Anspielen der gegnerischen Kugel ein Foul ist, sehen sich Neulinge am Tisch zu vorherigen Absprachen genötigt. So auch Klaus, dessen Name jetzt ganz oben auf der Tafel stand. Also wartete er einen geeigneten Moment ab, wandte sich an jenen Spieler, der gerade sein Queue puderte, und fragte: »Sag mal, wenn ich die schwarze Kugel berühre, gilt das bei Euch als Foul?«

Der Mann mit dem Queue hieß im Anno E. T., und da sein Gegner gerade eine Kugel nach der anderen einlochte, hatte E. T. alle Zeit der Welt, Klaus die Regel zu erläutern. Dann aber verfehlte E. T.s Gegner das Loch, E. T. nahm die Kampfhaltung ein, kniff ein Auge zu und setzte zum Stoß an. Doch Klaus hatte noch eine weitere Frage. »Sag mal, und wenn... «. In diesem Augenblick versteinerte die Miene des Billardspielers, auch die Lippen blieben unbewegt, abgesehen von einem winzigen, kaum wahrnehmbaren Zittern der Unterlippe. Und als Klaus die Frage noch einmal wiederholte, hob E. T. nur kurz den Kopf und sagte: »Noch ein Wort, und es ...«

Dummerweise hielt der Neuling im Anno das für einen Scherz und sagte etwas, ein Wort vielleicht oder auch zwei. Etwa im selben Moment lagen unsere beiden Kampfhähne auf dem Boden, der überrumpelte Klaus unten, der Angreifer oben. Als Klaus versuchte, sich mit Tritten aus der Umklammerung zu befreien, schritt Clemens ein, der Barkeeper. »Schluss jetzt! Raus hier! Hausverbot!«

Natürlich ist im Wilden Westen so ein Hausverbot schnell wieder vergessen, aber die Namen von E. T. und Klaus standen nie wieder untereinander auf der kleinen Tafel beim Billardtisch. Ein Jahr lang versuchten die beiden Kreuzberger, einander aus dem Weg zu gehen, doch es gibt eben nicht mehr viele Kneipen in Kreuzberg, in denen man noch Rauchen, Billardspielen, Streiten und Trinken kann. Immer wieder standen die Beiden einander gegenüber, so oft, bis es unangenehm wurde, bis E. T. eines Tages zu Klaus an den Tisch kam und sagte: »Ich möchte mich entschuldigen. Nimmst Du an?« Es war wie im Western, Klaus verzog keine Miene und reichte ihm die Hand. Vielleicht werden noch einmal echte Freunde aus ihnen.


zurück zum Inhalt
© Außenseiter-Verlag 2021, Berlin-Kreuzberg