Kreuzberger Chronik
Mai 2020 - Ausgabe 219

Strassen, Häuser, Höfe

Der Gewerbehof in der Ritterstraße 9-10


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von Werner von Westhafen

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Als am 3. Februar 1945 die Bomben auf Kreuzberg fielen, traf es auch die Ritterstraße – Berlins »Exportviertel«. Die Amerikaner wollten das wirtschaftliche Herz der Stadt treffen. 1391 Fabrikanten, 92 Exporteure und 21 Spediteure in der Straße verloren an diesem Tag ihre Existenzen. Bis 1963 waren LKW damit beschäftigt, mehr als 7 Millionen Kubikmeter Schutt aus der Straße abzutransportieren. Aber die »Goldene Meile« wurde nie wieder aufgebaut, wo einst prächtige Gewerbehöfe standen, wurden dringend benötigte Wohnungen gebaut. Nur zwei der historischen Höfe haben den Krieg überstanden: Der Ritterhof und das Pelikanhaus.

Errichtet wurde das Haus mit dem Pelikan auf der Fassade zwischen 1902 und 1905 vom Fabrikbesitzer Georg Salomonsohn, der in seiner Metallwarenfabrik Hompesch & Co unter anderem Sturmfeuerzeuge herstellte. Salomonsohns metallener Imperator Lighter aus dem Jahr 1911 mit seinen kleinen Zahnrädern ist heute Legende, doch Salomonsohn hatte kein fünfgeschossiges Haus mit überlebensgroßen Atlanten, kolossalen Pilastern und Säulen, mit Natursteinschmuck an den Treppenhäusern, Seitenflügeln und Quergebäuden bauen lassen, um Feuerzeuge zu produzieren. Er baute, ebenso wie die anderen Bauherren der Straße, um Produktionsräume in den Höfen und Schauräume in den Vordergebäuden zu vermieten, zusammen mehr als 5000 Quadratmeter. Seine Fassade war nicht, wie üblich, aus verblendetem Backstein, sondern aus massivem Sandstein, der Dachstuhl eine Stahlkonstruktion, die sogar Bomben standhielt. Dieser Mann baute großzügig und weitsichtig, vielleicht für die Ewigkeit.

Salomonsohn war kein einfacher Spekulant, sondern ein begabter Zeitgenosse, der vom Bauen ebenso viel verstand wie von Geldanlagen. Als Jurist hatte der Sohn eines jüdischen Bankiers zunächst über die Bauhandwerkergesetze promoviert und später am Gericht gearbeitet. Dann konvertierte er zum Protestantismus, nannte sich fortan »Solmssen« und wechselte in die Privatwirtschaft.

Solmssen beschäftigte sich mit der Erdölindustrie in Rumänien und der Montanindustrie des deutschen Kaiserreiches; er saß im Aufsichtsrat der Lufthansa und der Vereinigten Stahlwerke, dem Verwaltungsrat der Reichspost und der Reichsbank, bis er 1929 sogar zum Generalkonsul von Rumänien berufen wurde. Solmssen tanzte auf allen Hochzeiten und trat, trotz seines protestantischen Glaubens, der jüdischen »Gesellschaft der Freunde« bei. Gleichzeitig wurde er Mitglied im Deutschen Herrenclub, und als Hitler an die Macht kam, saß er gerade im Vorstand der Deutschen Bank. Freilich nur ganz kurz!

Bevor er in die Schweiz emigrierte, veröffentlichte er in zwei Bänden seine Beiträge zur Deutschen Politik und Wirtschaft. Regelrecht berühmt ist die Textpassage aus einem Brief, den er bereits im April 1933, kurz nach Hitlers Machtergreifung, verfasste. Darin heißt es: »Ich fürchte, wir stehen noch am Anfang einer Entwicklung, welche zielbewusst, nach wohlaufgelegtem Plane auf wirtschaftliche und moralische Vernichtung aller in Deutschland lebenden Angehörigen der jüdischen Rasse ... gerichtet ist.« Und etwas weiter: »Der Mangel jedes Solidaritätsgefühls, der auf der Seite derer zu Tage tritt, die bisher in den fraglichen Betrieben mit jüdischen Kollegen Schulter an Schulter gearbeitet haben«, sowie »das Totschweigen der Schmach und des Schadens« all jener, »die von heute auf morgen die Grundlage ihrer Ehre und Existenz vernichtet sehen – alles dieses zeigt eine so hoffnungslose Lage, dass es verfehlt wäre, den Dingen nicht ohne jeden Beschönigungsversuch ins Gesicht zu sehen.«

Dieser Mann baute das Pelikanhaus. Er vermietete es zunächst an die Deutsche Tapisseriefabrik, die Elektrizitäts- und Akkumulatorenwerke von Seidelmann & Co., sowie die Continentale Regamoid. In den Zwanzigerjahren machte sich die Zigarettenfabrik Massary im Haus breit, und 1933 endlich zog die Firma von Günther Wagner ein. Wagner hatte 1871 die kleine Firma seines Meisters Carl Hornemann übernommen, der in einem Bauernhaus in Groß-Munzel mit dem Kochen von Tinte und dem Pressen von Farbe angefangen hatte. 1873 verkaufte Wagner den von ihm erfundenen »Farbkasten« mit kleinen, runden Honigfarben in »Kästchen zu 12, 18 und 24 Farben«. Die »Kästchen« sind bis heute fester Bestandteil jedes Klassenzimmers.

1929 brachten Wagners Nachfahren den ersten Füllfederhalter mit kleckssicherem Tintenleiter und Tintensichtfenster auf den Markt. Eine Legende. Ebenso wie das Warenzeichen des Füllers: den Pelikan. Bereits 1878 hatte Wagner sein Familienwappen als eines der ersten deutschen Warenzeichen überhaupt eintragen lassen. Es ziert bis heute weithin sichtbar die Fassade des Hauses in der Ritterstraße.

Doch das Ende des Pelikans ist absehbar. Seinen alten Namen hat das Haus schon verloren. 2014 kaufte die hungrige Nicolas Berggruen Holding das Haus und investierte 10 Millionen Euro, kündigte den Altmietern und übergab einen Großteil des Gebäudes an ein junges, aber erfolgreiches Unternehmen: Die Brillenmanufaktur Mykita.

»Maßgeblich für den Erfolg der 2003 gegründeten Brillenmanufaktur«, so heißt es in einer Selbstdarstellung, »ist die ganzheitlich gelebte Unternehmensphilosophie, die Expertise aus allen Bereichen unter einem Dach vereint: dem Mykita-Haus.« Sogar ein hübsches kleines Restaurant mit Blick zur Straße gibt es jetzt in dem Haus, das fast 100 Jahre lang das Pelikanhaus war. Das einladende Lokal mit seinen großen Fenstern zur Straße hin hat jedoch einen entscheidenden Fehler: Eintritt haben nur die Mitglieder des Mykita-Clans. •

Literaturnachw.: Agnes Lanwer, Exportviertel, Geschichtslandschaft Berlin Kreuzberg, Nicolai, 1994

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