Kreuzberger Chronik
Mai 2020 - Ausgabe 219

Kreuzberger
Peter Rosenzweig

In meinem Leben gibt es keinen roten Faden.


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von Hans W. Korfmann

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Dass Peter Rosenzweig Berliner ist, muss er nicht erzählen. Man hört es heraus aus Sätzen wie: »Wir hatten hier 60.000 Studenten in den Siebzigerjahren« oder: »In dem Workshop waren gleich sieben Berliner dabei!« Man spürt den alten Lokalstolz, Berliner zu sein, den nur echte Berliner haben. Und Peter Rosenzweig ist Berliner in der 3. Generation, groß geworden und sozialisiert im Herzen der Hauptstadt, im ehrlichen, grauen, ungeschminkten Wedding der Sechzigerjahre.

Es war der Großvater gewesen, Wilhelm Detel, der die Familie nach Berlin brachte. Er lebte mit Frau und vier Kindern im ländlichen Eberswalde. Die Abende verbrachten die Männer des Dorfes gerne im Wirtshaus bei Bier und Kartenspiel. Eines Morgens, so erzählen es heute seine Nachfahren, sagte Wilhelm zu seiner Frau: »Packt Eure Sachen, wir ziehen nach Berlin. Ich hab´ gestern Abend beim Kartenspiel ´ne Kneipe gewonnen.«

Die Kneipe hieß Pilsator Eck und lag an der Müllerstraße, Ecke Ofener Straße. Wilhelms Frau verstand etwas von Kneipen, schon ihre Eltern hatten ein Wirtshaus betrieben. Das Geschäft florierte, und das Pilsator Eck existierte noch bis in die Sechzigerjahre hinein. Natürlich mussten die vier Kinder den Eltern zur Hand gehen, Bier zapfen und Gäste bedienen, unter anderen auch die Kanuten vom Tegeler See, die sich regelmäßig in der Müllerstraße trafen. Und als sie Rosemarie, die jüngste Tochter der Wirtsleute, eines Tages zu einer Kanufahrt auf den Tegeler See einluden, lernte sie Rudolph kennen. Und obwohl dieser Rudolph ein strikter Alkoholgegner war und in der Regel nicht ein Glas Sekt trank, tauchte er wenige Tage nach der Kanufahrt nicht mit seinen Kanuten, sondern mit der hübschen Rosemarie im Pilsator Eck auf.

Rudolph Rosenzweig war der Sohn eines Sozialrichters und eines eingeschworenen Sozialdemokraten. Die Familie Rosenzweig hatte es nicht leicht in der Nazizeit mit ihrem jüdischen Namen und ihrer politischen Gesinnung, aber sie schlug sich durch. Die beiden Söhne, Lutz und Rudolph, machten nach dem Krieg als Sportjournalisten Karriere. Der eine, »Tabellenlutte«, schrieb regelmäßig für die Morgenpost und den Abend, der andere, Rudolph Rosenzweig, wurde Chefredakteur bei der Fußballwoche, einer Berliner Zeitungslegende. »Mein Vater war ein Supertyp!«, sagt Peter Rosenzweig, »Ich hab´ ihn nur nie gesehen! Der war immer unterwegs, ständig auf dem Platz: 2. Liga, 3. Liga, Nachwuchs. Alles, wirklich alles, was sich in Berlin abspielte, wurde in dem Blatt kommentiert. Und sonntags, nach den Spielen, musste dann einer mit dem Auto quer durch die Zone, um das Elaborat in einer Druckerei in Göttingen noch in der Nacht drucken zu lassen. Dann die ganze Strecke zurück, um am nächsten Morgen sämtliche Kioske mit Berlins beliebtester Fußballzeitschrift zu versorgen.«


links Peter, rechts Dirk Rosenzweig









Auch die Mutter hatte nicht immer Zeit fürs Familienleben. Sie musste sich nämlich nicht nur um die drei Kinder, sondern auch um den gesamten Fußballnachwuchs des BSV-92 kümmern. Und natürlich mussten auch die Söhne des Fußballreporters in den Fußballverein. 15 Jahre lang standen sie auf dem Platz, zweimal in der Woche Training, an jedem Wochenende ein Spiel. »Dann trafen wir uns am Fehrbelliner Platz, um zusammen nach Spandau fahren. Meine Mutter fuhr damals, wenn ich mich recht erinnere, noch einen Fiat 124, und wenn die Zeit zu knapp war für Bus und Bahn, dann fuhren wir mit zwölf Kindern, acht auf den Sitzen übereinander und vier im Kofferraum. Die Polizei hat uns nie gesehen.«

Während es vom kleinen Peter Fotografien gibt, wie er, ungeachtet der aufs Tor stürmenden Teamkollegen, am Spielfeldrand Gänseblümchen pflückt, wird Peters Bruder mit seiner Mannschaft immerhin Berliner Meister. Trotz Peters Mangel an sportlichem Ehrgeiz schaffte die Familie den Aufstieg und zog vom Roten Wedding nach Wilmersdorf und von Wilmersdorf nach Charlottenburg.

Peter war ein guter Schüler, er machte das Abitur, ließ die Haare wachsen und begann 1977 mit dem Studium an der Freien Universität, Fachbereich 11, Philosophie und Psychologie. »Linke Psychologie selbstverständlich und linke Philosophie, bei Professor Wolfgang Fritz Haug«, einer Koryphäe. »Natürlich ließen wir keine politische Versammlung aus. Andererseits aber schielten wir auch immer ziemlich besorgt nach drüben« auf den real existierenden Sozialismus hinter der Mauer. Unter den vielen Studenten der FU, erinnert sich Rosenzweig, gab es nur wenige wirklich überzeugte Linke. Die meisten waren brave Studenten und liefen mit, weil alle liefen.

Peter fühlte sich nicht sonderlich wohl zwischen all den Philosophen. »Ich brauche für eine Seite aus dem Kapital zwanzig Minuten, die Geübten brauchen fünf!« Die Philosophie war ihm zu trocken, zu weit vom wirklichen Leben entfernt. Also machte er sich 1978 mit einem Kommilitonen und seiner 750er BMW mit Seitenwagen in den Semesterferien auf die Suche nach dem wahren Leben. Ziel war die griechische Mönchsrepublik Athos, als Philosophiestudenten hatten sie sogar ein Fünf-Tages-Visum in der Tasche. »Athos war spannend: eine autonome Republik mit eigenen Gesetzen, Passkontrolle, und auf den Bergen dann diese burgartigen Klöster mit Mönchen, die entweder als Eremiten oder in Kommunen dort lebten.


Aber sie kamen vom Weg ab. Wegen Donata, der Schwester des Mannes im Beiwagen. Die nämlich lernte gerade bei einem Bildhauer in Norditalien, wie man mit Hammer und Meißel einen Stein bearbeitet. Und da die angehenden Philosophen ohnehin die Fähre von Brindisi nach Griechenland nehmen wollten, legten sie einen Zwischenstopp in Azzano ein. Als die Frauen das Getucker der BMW hörten, »kamen die mit den Pfannen in der Hand aus den Häusern gerannt, weil sie dachten, die Wehrmacht ist wieder da!«

Es hatten zwei Tage werden sollen, aber es wurden zwei Wochen. Man hatte Zeit, und nach Plan lief eigentlich sowieso nie etwas im Leben der jungen Studenten. »In meinem Leben gibt es keinen roten Faden!«, sagt Peter Rosenzweig.

Es waren interessante zwei Wochen in Azzano mit Donata und Gotthilf Michael Puetz, dem Anthroposophen und Bildhauer, der im Krieg als Soldat hier gewesen und fasziniert gewesen war von den grandiosen Marmorbrüchen und den Cavatori in ihren Künstlerwerkstätten. Er war es, der Peter eines Tages Hammer und Meißel in die Hand drückte und sagte: »Probier mal!«

Vielleicht hat Rosenzweig recht, wenn er sagt, dass es keinen roten Faden gibt, der sich durch seine Geschichte zieht. Aber es gab Knotenpunkte, Schlüsselmomente, und »wenn es so etwas wie eine Initialzündung gegeben hat in meinem Leben, dann war das dieser Moment«. Dann waren das diese Tage in dem Bergdorf nicht weit von Pietrasanta, dieser geheimen Künstlerhochburg, in der sich nicht nur Bildhauer auf der Suche nach dem besten Stein, sondern Maler, Dichter und Theatermacher aus aller Welt trafen, um einen Sommer mit Gleichgesinnten unter der italienischen Sonne zu verbringen.

Als Rosenzweig sich im Herbst wieder in das Kapital vertiefen musste, waren es nicht die Erinnerungen an die Klöster von Athos und die Strände von Korfu, es waren die Bilder aus Azzano, die ihm nicht mehr aus dem Kopf gingen. Er begann, den Marx zu vernachlässigen und im Winter bei der Post zu arbeiten, um mit dem Verdienst den nächsten Sommer wieder in Italien zu verbringen. Nach drei Sommern und acht Semestern an der FU entschloss er sich, das Kapital ein für alle mal ins Bücherregal zurückzuschieben und Bildhauerei zu studieren. Nicht etwa in Berlin, sondern an der Academia degli belle Arti di Carrara - bei den berühmtesten Marmorsteinbrüchen der Welt.

Drei Jahre später trug er den Titel des »Diplombildhauers«, hatte ein leerstehendes Bauernhaus mit Plumpsklo und Kamin gemietet, sich eine Werkstatt eingerichtet und im Tip mit einer Anzeige für »Bildhauerseminare in Italien« geworben. Die Berliner kamen in Scharen, und es wurden von Jahr zu Jahr mehr. »Wir hatten manchmal 25 Häuser gemietet. Einmal mussten wir sogar den Kindergarten dazumieten, da waren wir 150 Leute.«

Sie kamen der Sonne und des Essens wegen, sie kamen des feinen Marmors wegen. »Da waren Leute aus Japan, Taiwan, Amerika, ganz Europa. Es gab Malkurse und Theaterkurse ...«. Und die meisten, die einmal da gewesen waren, kamen wieder, jeden Sommer. Nicht nur der Sonne und des Essens wegen, sondern vor allem, weil dieser Peter Rosenzweig etwas versteht vom Marmor. Weil er diesen Stein liebt. »Edler Marmor besteht aus Milliarden feinster Kristalle. Die bringen ihn zum leuchten. Deshalb strahlen die Figuren in der Kirche noch in der Dämmerung. Beim Carrara-Marmor dringt das Licht bis zu 20 Zentimeter tief in den Stein ein, durch eine dünne Scheibe Carrara kann man durchschauen.« Dass Peter Rosenzweig den Marmor aus Carrara liebt, braucht er nicht zu erzählen. Man hört es heraus, aus jedem seiner Sätze.


Peter Rosenzweig und Katrin Pfister-Rosenzweig











Vierzig Jahre ist es her, dass er sein erstes Seminar in Azzano veranstaltete. Zwanzig Jahre hat er in Italien verbracht, Sommer wie Winter. Nach Berlin kam nur er noch zu Besuch. Er hatte Haus und Familie, zwei Kinder und eine italienische Frau, die in einer Galerie in New York arbeitete. Alles sah aus, als wäre es füs Leben. Aber es gibt eben keinen roten Faden in seinem Leben. Sagt Rosenzweig.

Vielleicht hat er recht. Es gibt keinen roten Faden, der sich durch alles durchzieht, zumindest keinen, den man nicht immer wieder neu zusammenknüpfen müsste. Die Familie ging auseinander, Peter Rosenzweig kehrte zurück nach Berlin. Er versuchte einen Neustart in seiner alten Stadt.

Seine erste Werkstatt lag in den Höfen vom Pfefferberg, dann suchte er sich Räume in Weißensee. Aber irgendwann hatte er genug vom sozialistischen Bruderstaat und suchte im alten Westen. In Schöneberg wurde er fündig. »Und ich sage dem Vermieter, dass ich nur an einem langfristigen Mietvertrag interessiert bin, weil ich tonnenweise Steine und Maschinen transportieren muss, und der nickt und nickt, und ein halbes Jahr später kündigt der mir! Dann fand ich ein Souterrain, nicht ideal, aber immerhin - und an dem Tag, an dem ich unterschreiben will, ruft mich meine Frau an und sagt: Du, da gibt es was in Kreuzberg, in der Kreuzbergstraße! Ich bin sofort hingefahren, und das war wunderbar: eine Einfahrt aus altem Kopfsteinpflaster in einen Hinterhof mit einer Autowerkstatt, die sich auf Oldtimer spezialisiert hat! Lauter nette Leute und eine große Remise, die leer stand. Ideal!«

Jetzt stehen sie also in der Kreuzbergstraße, die weißen Steinblöcke aus Carrara, zwischen Rosenzweigs Schülerinnen und Schülern mit ihrem weißen Mundschutz inmitten des weißen Staubs, mit ihren weißen Kitteln und Haaren, ihren von weißem Staub bedeckten Meißeln und Feilen. Peter Rosenzweig hat recht, wenn er sagt, dass es keinen roten Faden gibt in seinem Leben. Es ist ein weißer Faden. Es ist die Spur der Steine. Eine Spur, die sich seit 1978 durch sein Leben zieht, die sich nie verliert, und die womöglich eines fernen Tages auf einem der alten Friedhöfe von Berlin enden könnte - vor einem leuchtenden Stein aus Carrara. •

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