Kreuzberger Chronik
Mai 2020 - Ausgabe 219

Briefwechsel

Kein einziges Wort über die Krise


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von Michael Eigner

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Horst Meyer zur April-Ausgabe, Nr. 218


Sehr geehrte Redaktion

Als ich am Freitag, den 10. April, in der Markthalle meinen Lottoschein ausfüllen und mir die Chronik holen wollte, war kein Heft mehr zu bekommen. Die Hefte, hörte ich, seien bereits alle vergriffen. Mir fiel ein Stein vom Herzen. Ich hatte befürchtet, das Heft sei der Krise zum Opfer gefallen.

Dass Ihr Blättchen bereits am 10. April »ausverkauft« war, ärgerte mich einerseits, andererseits freute ich ich mich darüber, dass sich trotz aller Widrigkeiten des gesellschaftlichen Lebens offensichtlich so viele auf den Weg gemacht haben, sich die gute alte Chronik zu greifen. Dass Ihre Leser nicht auf die Internet-Ausgabe warten, wo man sie ja, wenn auch mit einiger Verspätung, ebenso lesen könnte, scheint mir ein Beweis dafür zu sein, dass nichts über ein schön bedrucktes und beschriebens Blatt Papier geht. Und dass das so viel gepriesene Internet auch in den Zeiten von Corona kein Ersatz sein kann für das alltägliche Miteinander auf der Straße.

Was ich an dieser Stelle auch noch anmerken möchte: Ich habe in Ihrem Aprilheft kein einziges Wort über die Krise gefunden. Während alle anderen Zeitungen seitenweise nur noch ein Thema finden, machen Sie ganz ignorant und elegant im gewohnten Stile weiter und sorgen damit für ein bisschen Normalität in dieser außergewöhnlichen Zeit.

Ich habe schon des öfteren daran gedacht, Ihnen einmal zu schreiben, Corona macht es möglich! Ich hoffe, Sie drucken meinen kleinen Leserbrief, auch wenn Sie sich vielleicht vorgenommen haben, das Wort Corona in ihrem Heft nicht zu verwenden.

mit freundlichen Grüßen, und machen Sie weiter so!

Ernst Meyer, wahrscheinlich einer ihrer ältesten Leser

Sehr geehrter Herr Meyer

vielen Dank für die Lorbeeren. In der Tat haben wir in der Redaktion die Nase gestrichen voll von aufgeregten Corona-Meldungen und ergeben uns der Sehnsucht nach dem gewöhnlichen Alltag. Zwei mal allerdings möchten wir Ihnen widersprechen: Auch unser Heft erscheint anlässlich des Ausnahmezustandes und geschlossener Geschäfte ausnahmsweise beinahe zeitgleich mit der Druckausgabe digital im Internet. Und wenn Sie dieses Heft aufmerksam durchblättern, werden Sie sehen, dass auch wir nicht ganz um das alles bestimmende Thema dieser Tage herumgekommen sind. Wir hoffen, dennoch etwas anderes daraus gemacht zu haben als die anderen.

Bleiben Sie uns gewogen - die Redaktion

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