Kreuzberger Chronik
Mai 2020 - Ausgabe 219

Geschäfte

Das Haus des Brotes


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von Michael Unfried

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Die simplen Berliner Schrippen sind vom Aussterben bedroht. Sie werden, auch von den Berlinern kaum betrauert, allmählich immer weniger. Eine der letzten Kreuzberger Bäckereien, die noch gute und billige Schrippen verkaufte, schloss vor zwei Jahren: Die Bäckerei Kasper in der Graefestraße mit ihren prämierten Broten, den hausgemachten Kuchen und Torten und den schnoddrigen Berliner Verkäuferinnen. Die kleinen Bäckereien, aus deren Backstuben in kalten Winternächten schon morgens um Fünf der Duft warmer Brote die Straße erfüllte, sind verschwunden. Die Frühstücksbrötchen kommen, kurz im Laden aufgebacken, von der Fabrik direkt auf den Tisch.

Nun aber hat sich ein französischer Bäcker in der Bergmannstraße niedergelassen und eine noble Variante der Backkunst ins Spiel gebracht - schließlich sind die Franzosen die Botschafter des guten Geschmacks. Da kann das kleine Teigstück auch nicht mehr Schrippe heißen, da muss es schon ein »Brötchen Le Pain« für einen Euro das Stückchen sein.

La Maison du Pain, Haus des Brotes, nennt sich nicht ohne einen Hauch von Poesie der Laden mit dem Backvollautomaten, der laut Untertitel gar keine wirkliche Bäckerei, sondern ein lukratives Konglomerat aus »Cafe – Restaurant - Patisserie« sein möchte. Gestaltet wurde die französische Depandance offensichtlich vom selben Innenausstatter, der ein paar Meter weiter schon das neue Café Nimmersatt oder das neue Two Trick Pony im ehemaligen Café Atempause eingerichtet haben könnte. Dort hat man zu allem Überfluss auch noch die Doppelfenster mit ihren hundertjährigen Messinggriffen aus der Wand gerissen, die knarrenden Dielen gegen einen totenstillen Bodenbelag ausgetauscht und Tresen, Mobiliar und Wände in jene hippen Grautöne getaucht, die gerade Mode zu sein scheinen.

Überzeugten die Läden in Kreuzberg einst durch einen individuellen Charakter, der sie von Supermärkten und Bauhäusern unterschied, so ist die Einrichtung dieser drei Neulinge einheitlich grau und durchaus austauschbar. Hier hat kein schwäbischer Einwanderer und kein hessischer Fahnenflüchtiger den Pinsel in die Hand genommen und sich den Tresen selbst gezimmert, diese Einrichtungen kommen aus den digitalen Katalogen internationaler Designer und sind nun also in Berlin ebenso zu bewundern wie in Moskau oder Kopenhagen.

Anders als die alten Berliner Bäckereien und ihre türkischen Nachfolger, von denen einige aus liebenswürdiger alter Gewohnheit noch um 6 Uhr die Türen öffnen, öffnet die französische Brothandlung erst um halb neun. Dann werden die geflochtenen Brotkörbe im Regal mit Baguette und anderen hübschen Backwaren bestückt. Die Brote gibt es in modischen Größen zu 300, 400, 500 oder 600 Gramm, nur eines, das Pain Rustic Dunkel, wiegt ein traditionelles Kilo. Alle Laibe mit ihren kunstvoll geformten Krusten sehen aus wie aus dem Bilderbuch und tragen klingende Namen wie Pain Monastère, Pain Campagne oder Pain Bavière. Und natürlich sind alle mit echtem Meersalz und mit echter Hefe gebacken.

Natürlich gibt es auch Kürbiskernbrötchen, Salzstangen, Mohnbrötchen zum französischen Frühstück. Und wunderhübsche Verpackungen und Schächtelchen mit Blümchen, das ganze Brothaus scheint eine einzige hübsche Verpackung zu sein. Wären da nicht diese Croissants. Diese flauschigen, duftenden, zartbraunen Croissants für 1,50 das Stück. Ein Traum von einem Croissant, der jeden Gast sofort das triste Grau der Tische und Stühle vergessen lässt. Auch der echt französische Kaffee oder diese Zartbitterschokolade aus dem Hause Pain, die in Form einer kleinen Kugel wie Eis am Stil serviert und eigenhändig in die heiße Milch gerührt werden muss, entschädigt für alles. Wunderhübsch verpackt in ein zartlila Tütchen, mit 62 Prozent Kakaoanteil und selbstverständlich handgeschöpft ist sie eben eine echte »Trinkschokolade mit Wohlfühlcharakter.«

Natürlich geht es in der Bergmannstraße nicht mehr um Berliner Schrippen! Oder einen kräftigen Laib Sauerteigbrot für die Abendstullen. Es geht hier überhaupt nicht mehr um Lokales, es geht um Internationales. Es geht um »französische Lebenslust«, um die Lust am Duft von Kaffee und Zeitung. Es geht um guten Stil, um den Champagner von Pommery für »exklusive 52 Euro / Flasche«.

Und natürlich steckt hinter der ganzen Geschichte kein kleiner Franzose, den die Liebe nach Berlin verschlagen hat, und der seiner Liebsten jeden Morgen frische, selbstgebackene Croissants ans Bett brachte. Bis sie eines Tages sagte: Deine Croissants sind phantastisch! Du musst eine Bäckerei in der Bergmannstraße aufmachen! Aber solche Geschichten gab es nur im Kreuzberg der Siebziger- und Achtzigerjahre. Heute gehen diese Geschichten anders:

La Maison du Pain ist ein professionelles Franchiseunternehmen, das europaweit agiert. Jeder, egal ob er backen kann oder nicht, darf einsteigen. Vorausgesetzt, er hat das Eintrittsgeld. Auf der Website der Firma finden sich nicht nur viele hundert wunderschöne Bilder zu Broten und französischer Lebensart und -lust, sondern auch ein Link zu folgenden Informationen. »Es sind 2 Einstiegsvarianten in das La Maison Du Pain-Franchise möglich. Erstens: das reguläre Flagship-Modell - 240.000 EUR Investitionssumme. Zweitens das etwas kleinere Thekenkonzept La Maison du Pain »petite« (ab 2020 verfügbar) - unter 100.000 EUR Investitionssumme.« Wer nun dieses liest, dem könnten sogar die zarten, flauschigen Croissants im Halse stecken bleiben. •

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