Kreuzberger Chronik
Juni 2020 - Ausgabe 220

Kreuzberger
Konstanze Brill

Wir wollten eine neue DDR, kein Düsseldorf.


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von Edith Siepmann

Titelfoto: Edith Siepmann

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Hallo Süße! Wie geht’s Dei´m Ollen? Ist der Gips schon ab? Oh, ist der niedlich! Seit wann hast Du denn den Fiffi? ... Das Handy klingelt. Tut mir leid, aber ich kann jetzt nicht, ich treffe gleich Gabi auf´n Kaffee vor der Halle. Aber komm doch nachher zum Boule beim Mäuerchen, dann bring ich Dir das Buch mit… .

Beim Kleinen Weinstock, dem kommunikativen Epizentrum der Fidicinstraße, kennt jeder Konstanze. Und Konstanze kennt jeden in der Fidicinstraße. Auch von den Nöten und Freuden weiß sie, so, als wäre sie so etwas wie eine der letzten vertrauenswürdigen Aboriginees Kreuzbergs. Sie kennt dreimal so viele Leute wie ihr Freund, der immerhin schon seit 45 Jahren im Kiez wohnt und wegen dem sie vor 20 Jahren in die Bergmannstraße zog. Aus Liebe. Zu ihm und zu Kreuzberg. »Kreuzberg, das war wie mein alter Prenzlauer Berg, damals, 1988. Ich fühlte mich sofort zuhause. Die ganze Atmosphäre bis zur schlecht gelaunten Kassiererin bei Kaiser´s, alles noch etwas schmuddelig. Mein alter Kiez im Osten war ja ratzfatz weggentrifiziert. Das Cleane und Geleckte dort ging mir mächtig auf den Keks.« Vor ein paar Jahren hatte sie Glück und fand eine Wohnung in Kreuzbergs »Oberstadt« gegenüber vom Wasserturm. Dass ihre Nachbarn in der Fidicin straße Konstanze sofort kennen lernten, sei einer »Ostmacke« zu verdanken. »Ich als erstes: Hallo, ich bin die neue Nachbarin! Erst waren sie etwas konsterniert, aber jetzt kennt sich das ganze Haus.«

Fast ihr halbes Leben verbrachte Konstanze im anderen Deutschland. Sie wurde in eine Köpenicker Idylle am Rand der Hauptstadt der DDR hinein geboren. Ihre Eltern waren Tänzer und lernten sich in der Staatlichen Ballettschule Berlin kennen. Dort arbeitete Ursula – eine Schülerin der Ballett-Erneuerin Gret Palucca in Dresden - als Lehrerin. Und Jürgen war ihr Schüler. Mit Glück fanden Ursula und Jürgen ein Haus in der Sterntalerstraße im Märchenviertel. Zur ersten Tochter Claudi kamen dort noch die blondlockige »Meisi« und zwei Jahre später der Bruder Michi hinzu. Die Arie der Konstanze »Ach, ich liebte! War so glücklich« aus der »Entführung aus dem Serail«, an der der Vater kurz vor der Geburt seiner Tochter arbeitete, bescherte dem Wunschkind seinen eigentlichen Namen.

Unbeschwert und behütet war die Kindheit. Mit den Kumpels und Freundinnen spielte Meisi Fußball auf der Straße, ging in die Heinzelmännchen-Schule des Märchenviertels, war eine gute Schülerin und fand es schick, Jungpionierin zu sein. Man muss sich die kleine Konstanze als glückliches Mädchen mit blauem Halsband und grünschwarz-gestreiftem Rock, zehn Zentimeter über den Knien endend, im Pionier-Chor vorstellen: »Unsere Heimat, das sind nicht nur die Städte und Dörfer...« , ganz wie bei »Good Bye Lenin«. Es wurde Altpapier gesammelt für Spenden nach Chile und Angola. »Der ganze Pionierkram gehörte einfach dazu. Und die Weltjugendfestspiele 1973 fand ich genial. Da haben wir uns Ringe aus Metall von abgeschossenen Amibombern aus Vietnam gekauft. Und Autogramme von ausländischen Künstlern gesammelt. Das war schon schau!«

Ab der vierten Klasse wurde Konstanze das rote Halstuch der Thälmann-Pioniere peinlich. Ebenso wie dieser obligatorische Briefwechsel mit russischer Brieffreundin. »Total langweilige, gekünstelte Briefe.« Die Zugehörigkeit zur FDJ kam ihr plötzlich unpassend vor. »Es war die Zeit von Schwerter zu Pflugscharen und Parkas. Und in dem Alter beginnt man die Doppelmoral zu verachten.« Alle guckten Westfernsehen und schoben sich unter der Hand Westwaren zu.

Ihre Eltern waren Gewerkschafter, keine Genossen. Sie prägten Konstanzes Sicht auf den 2. Weltkrieg. Sie las Anne Franks Tagebuch und besuchte Buchenwald – einschneidende Erfahrungen. Aber mit der Oberstufe wurde die zuvor geliebte Schule ätzend. Staatsbürgerkunde nahm jetzt viel Platz ein. Parteitagsbeschlüsse mussten auswendig gelernt, aus Honeckers seitenlangen Veröffentlichungen zitiert werden. »Es war die pure Quälerei.« Aber nebenbei entwickelte sie eine Leidenschaft für Oper und Kino. »Als ich Peter Schreier Ach Konstanze! singen hörte, war´s um mich geschehen. Die Karten kosteten für Schüler kaum etwas. Und Kino! Meine beiden Freundinnen und ich ließen keine Aufführung aus, beim Festival des sowjetischen Films waren wir öfter die einzigen im Saal.«

Spätestens als eine Freundin aus der Schule geworfen und angeklagt wurde, weil sie »Denkt mal nach bevor ihr wählt« unter ein Plakat geschrieben hatte, war Schluss. Konstanze protestierte, bekam ein schlechtes »pädagogisches Gutachten« und damit nicht den ersehnten Studienplatz an der Filmhochschule. Dafür stieg sie 1982 als Regie-Assistentin beim DDR-Fernsehen ein - vermittelt durch den Vater, der als Regisseur von Ein Kessel Buntes kein Unbekannter war. Die Tochter durfte sich der E-Musik widmen und teure, völlig quotenunabhängige Sendungen herstellen. »Geld spielte da keine Rolle. Kultur war wie Sport das Schaufenster der DDR. Wir haben mit dem Export unserer Produktionen Westkohle ohne Ende gemacht.« Inszenierungen der Staatsoper, der Dresdener Kreuzchor, Gisela May und Juliette Greco – Konstanze stand in vorderster Reihe. »Der Job machte einen Riesenspaß.«

Von ihrem Arbeitsplatz im Studio in Adlershof sah sie die Mauer vor Neukölln, dahinter leuchteten blendend weiß die Hochhäuser der Gropiusstadt wie ein Sehnsuchtsort. Und ihre erste Wohnung lag bei der Alten Försterei, dem Stadion von Eisern Union. Den Wohnungsvertrag bekam sie gegen zwei Karten für Ein Kessel Buntes.


»Die DDR war ja das Land der Tauschgeschäfte, und für Kessel-Karten konntest Du fast alles kriegen.« Sogar eine Wohnung am Stadion des 1. FC. Und das war schon was wert, »als Köpenicker kommst Du ja als Fan auf die Welt.« Und solche Fans spenden dann in schlechten Zeiten auch Blut für ihren Verein. Ein archaischer Akt, der die Fans des 1. FC bis heute zusammenschweißt. Aber heute ist zuviel Geld im Spiel. »Wären die mal besser nicht aufgestiegen!«, sagt Konstanze.

Mit der Grenze war Konstanze ganz selbstverständlich groß geworden. Besuch aus dem Westen kam über die Künstlerfreunde der Mutter und natürlich über die »West-Oma«. Die hatte noch vor dem Mauerbau Weimar gegen Düsseldorf getauscht. Wenn sie zu Besuch kam, wurde das aus einem gewissen Komplex vorher gehamsterte und eingefrorene Filet in Fülle kredenzt. Die West-Oma dachte, dass die da drüben im Osten in Saus und Braus lebten. Vielleicht schickte sie deswegen immer nur Waschmittel, Kaffee, 10-er Packs Sprengel-Schokolade. »Mein Freund Dirk hatte immer die cooleren Westgeschenke. Blasen-Kaugummi, Nutella und PEZ.«

Ende April 1989 war Konstanze das erste Mal im Westen, zum 90. Geburtstag der West-Oma. Sie war sehr enttäuscht von Düsseldorf und der Biermeile und der spießigen Familie. Aber auf der Rückfahrt hielten sie in West-Berlin. Und irgendwie landete Konstanze mit ihrer Schwester in einer Kneipe in Kreuzberg gegenüber der Mauer. Die Leute saßen draußen, Straßenmusiker spielten, alles locker. »Ich hab mich so wohl gefühlt und dachte: Wenn so der Westen aussieht!« Sie verknallte sich dann auch noch ein bisschen in einen, der »wie Rio Reiser« aussah, und um Mitternacht an der Grenze gab´s Tränen.

»Das Jahr 1989 ging rasend schnell vorbei, weil tausend Sachen passiert sind.« Die Äußerungen der Künstler in den Produktionen wurden kesser. »Es war wie ein brodelnder Topf mit Deckel. Jeder Zungenschlag wurde beachtet.« Konstanze ging zum Neuen Forum. »Es drehte sich immer darum, dass wir eine neue DDR wollen, kein Düsseldorf. Also eher so das lockere Kreuzberg-Feeling. War leider naiv im Nachhinein.« Im August war ihr kleiner Bruder über Ungarn »abgehauen«, auch die Eltern arbeiteten gerade im Westen, und die Ost-Oma war im Pflegeheim – eine beängstigende Situation für Konstanze, plötzlich allein. Auf einmal änderte sich die Stimmung: keiner hatte mehr Angst vor der Polizei. Das Neue Forum lud die Stasi zu Treffen ein, damit sie alles »nach oben« weiter sagten. Am 4.11. gehörte es schon zum guten Ton, bei der größten Demo der DDR dabei zu sein. Dann der 9.11., die Pressekonferenz in der Aktuellen Kamera. Konstanze brauchte zwei Stunden, bis sie realisierte, dass sie auch mal selbst gucken könnte. Um Mitternacht stand sie vorm Grenzübergang an der Heinrich Heine Straße. Auf einmal war sie drüben, es gab einen Schluck Aldi-Sekt. »Vollkommen surreal. Da stand ich auf der anderen Seite wie unter Droge mit Schiss vor den vielen Menschen. Um drei Uhr bin ich wieder zurück.« Und am nächsten Morgen brav zum Studium, alleine mit Dozentin und einem anderen Studenten, Thema »Geschichte der Arbeiterklasse«. Es war irre. »Aber was danach kam, war noch irrer. 1990 war mein bestes Jahr! Ich reiste und fuhr nach Griechenland.«

Irgendwann übernahm der Alltag wieder das Ruder. Ihr noch in Babelsberg begonnenes Filmregie-Studium war den Wirren der Wende zum Opfer gefallen. Aber Konstanze bekam Regie-Aufträge beim MDR. Achims Hitparade, Musikantenschänke- der Mainstream machte anfangs Spaß. »Das ist Handwerk, und ich mache es so gut wie möglich, da habe ich keinen Dünkel.« Allerdings war sie damit bald für das ernste Fach verbrannt, obwohl sie auch Hochkulturelles drehte. Mit Rüdiger Safranski über »Das Böse«, mit Rolf Hosfeld über Sigmund Freud, den Film über Wolfgang Krolow anlässlich seiner Ausstellung in der Browse Gallery. Aber Geld kam durch Image-Filme und Privatfernsehen mit Reality-Soaps.

»Es gab Zeiten, da hatte ich Geld, aber kein Leben.« Kurz vor dem Burn-Out zog sie die Reißleine. Doch was nun? »Hartz 4?« Mit dem Fernsehen jedenfalls wurde es nichts mehr. Also entschied sich Konstanze, die sowieso immer schon gerne Lehrerin geworden wäre, «allerdings nicht in der DDR«, für eine Ausbildung zur Deutschlehrerin. »Ich hab mich durchgeackert, aber als ich fertig war, gab es nicht mehr genug Flüchtlinge, nur Jobangebote unter Mindestlohn.«

Also neuer Plan: Ihre geliebte Mutter begann, in die Demenz abzudriften. Um sie besser begleiten zu können, absolvierte Konstanze einen Kurs als Pflegehelferin. Nach einem Marathon an Bewerbungen und erschreckenden Begegnungen »mit Schnöseln ohne jegliche Ahnung von Altenbetreuung« fing sie bei einem unkonventionellen Charlottenburger Pflegedienst an. »Ich kam in einen Altbau mit sympathischem Chaos, Graupapageien flogen herum. Die nahmen mich mit Kusshand und ließen mir freie Hand. Auch wenn ich wenig verdiene, ist das ein Glücksgriff. Mein erster Einsatz dauerte statt 45 Minuten 3 Stunden. Die Frau stand splitternackt in der Wohnung. Man muss sich da erstmal eingrooven. Mein Arbeitgeber gab mir alle Zeit der Welt.«

Die Alten freuen sich wie Bolle, wenn sie ihr die Tür öffnen: »Oh, die Sonne geht auf.« Konstanze ist glücklich mit ihrem Job. Intime Situationen geht sie mit Humor an. Auch über Demenz kann man zusammen lachen und die Angst davor verlieren. Sie muss ihre »Kunden« nicht dauernd wechseln, kennt sie und mag sie. Besonders ihre Frau Doktor. Als Konstanze ihr letztens unter die schwarze Hose rote Socken mit weißen Schuhen anzog, meinte die 97-jährige: »Das sieht aber vaterländisch aus!«

Morgens um 5 Uhr steht sie auf und fährt auch im Winter mit dem Rad zu ihren Alten ins Westend. Stützstrümpfe anziehen, einkaufen, putzen, Medikamente sortieren, aber vor allem: reden. Für viele ist sie der einzige Kontakt zur Welt. Gelernt hat sie mittlerweile, dass man sich »beizeiten nen Kopp machen sollte, wie man sein Alter gestaltet. Es ist nicht alles so ohne. Ich weiß ja nun, wie das endet.«

Aber noch ist viel Zeit. Der Kiez ist ihr Mikrokosmos. Konstanze war mit ihrer »Mediator-Macke« schon immer mittendrin, holte für Krolow Zigaretten, kaufte für Suse Milch, räumte mit Udo den Heidelberger Krug auf. Durchatmen kann sie am besten beim Boulespielen beim Mäuerchen am Chamissoplatz.

Für später wünscht sie sich »eine selbst ausgesuchte und selbst organisierte Alters-WG, wo die Kugel noch ein bisschen weiter rollt.« Für die Kreuzberger »Prinzessin« aus dem Köpenicker Märchenviertel wird der Wunsch sicher Wirklichkeit werden. •

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