Kreuzberger Chronik
Juni 2020 - Ausgabe 220

Hausverbot

Der Schwabe


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von Horst Unsold

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Diese Geschichte ist schon ein paar Tage her, und der, der sie in irgendeiner Kreuzberger Nacht erzählte, war auch schon älter. Es muss Anfang 2000 gewesen sein, »die Mauer war schon offen, und es trauten sich die ersten Touristen aus Japan und Amerika in die Stadt. Und die Wessis natürlich, die fünfzig Jahre lang geglaubt hatten, Berlin läge irgendwo in Russland. Da kam dann der zweite Schwall Schwaben sozusagen. Der erste Schwall kam ja in den Siebzigern, und der war ja auch noch ganz o.k.

Die Kneipe lag irgendwo in der Gneisenaustraße, großes Schultheißlogo auf der Scheibe, drinnen - möglicherweise ein Souterrain - ein verrauchtes Halbdunkel, über dem Tresen die Schultheißleuchte mit einer flimmernden, alterschwachen Neonröhre. Davor saßen schweigend ein paar Kreuzberger, dahinter stand eine dicke, blonde Dame, die jeden halbwegs belesenen Trinker sofort an Molly Bloom erinnerte. Sie erzählte Geschichten aus dem Puff, in dem sie offensichtlich die Hosen angehabt hatte. Kein Freier, kein Mann auf dieser Welt hatte eine Chance gegen diese agilen 150 Kilogramm weiblichen Fleisches.

Wir alten Kreuzberger sitzen also da und trinken in aller Ruhe unser Bier und hören uns zum zehnten mal die Geschichte vom Dicken an, der keinen hoch bekam und nicht zahlen wollte, da kommt der Schwabe herein. Weißes Hemd, blitzsaubere Jeans, Turnschuhe. Stellt sich neben uns und strahlt alle an. Molly verzieht keine Miene. Kein »Was solls sein?« oder »n´ Bierchen?« Nichts als Schweigen.

»Ich hätte gern ein Weißbier!« - »Ham wa nich!« , sagt die Tresenfrau. »Wir sind hier in Berlin!« - »Dann ein Schultheiß bitte.« - »Warum nicht gleich!« , brummt Molly. - »Ich hab gedacht... « - aber Molly fällt ihm ins Wort. »Das Denken überlass mal lieber uns!«

Hätte der junge Schwabe etwas mehr Lebenserfahrung besessen, dann hätte er jetzt lautlos sein Bier getrunken und wäre gegangen – aber dieser Schwabe hatte Schwaben nie verlassen. Nach dem vierten Bier begann er zu erzählen. Über Politik und Knödel und Straßenverkehr, und nach dem fünften über Frauen und über Berlin. Und obwohl keiner zuhörte, redete er immer weiter. Bis er merkte, dass die Wand des Schweigens mit jedem Wort größer und bedrohlicher wurde. Dann blieb er fünf Minuten still. Und dann sagte er: »Also... – ich zahl dann mal.«

Molly rief eine derart stattliche Summe für die sechs Schultheiß auf, dass einer der Biertrinker tatsächlich von seinem Glas aufsah, und sein Nachbar murmelte, so könne man den Kunden auch die Tür weisen. Der Schwabe zögerte, zahlte, gab keinen Pfennig Trinkgeld und sagte im Gehen ganz leise »Auf Wiedersehen!« Niemand antwortete. Wenig später aber drang das Gelächter bis auf die Straße hinaus.« •

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