Kreuzberger Chronik
Juli 2020 - Ausgabe 221

Geschichten & Geschichte

Bendows Bunte Bühne


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von Delia Ehrenheim-Schmidt

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Aus all‘ meinen Kindern ist etwas geworden, nur aus Emil nicht. Der wurde Kulissenschieber!«, soll der Vater, ein Brauereidirektor, gesagt haben. Nein, Emil Boden, genannt Wilhelm Bendow, wurde kein Jurist und Professor, er wurde ein Stück Zeitgeist, populär wie Claire Waldoff. Drei Schauspielergenerationen, von Adele Sandrock über Marlene Dietrich bis zu Gunnar Möller, arbeiteten mit ihm. Erinnert wird er durch sein unnachahmliches »Ach, wo laufen sie denn? Ach, is’ der Rasen schön grüün!« in seinem berühmten »Rennbahnsketch«, erstmals auf Platte 1926 mit dem Wiener Paul Morgan, später mit Franz-Otto Krüger.


rechts: Emil Boden
alias Wilhelm Bendow
links: Hellmuth Krüger,
Bildquelle: Archiv Fam. Boden, »Rennbahnsketch«,







In beiden Versionen dabei sind Otto Schmidt und Julius Rastenberger: Jockey-Stars in Hoppegarten. Im Sketch reitet Schmidt 1926 noch auf Parlophon, 1946 schon auf Electrola. Ob 1932 im Kino Lichtburg am Gesundbrunnen oder nach 1945 in der Neuen Scala am Nollendorfplatz: der »Derbytag« ist stets dabei. Natürlich auch in Bendows Bunter Bühne in der Kottbusser Straße 6. Die Zeitungen sind begeistert: »In Rennbahngeflüster wirken Bendow und Ehrlich einfach überwältigend«. Max Ehrlich war Mitbegründer der »BBB« gewesen, sowie Mitglied der Geschäftsleitung, Schauspieler, Conférencier und gemeinsam mit Bendow »Seele und Hirn des Ganzen«.

Als Direktor jedoch durfte nur Bendow genannt werden, und schon kurz nach der Machtergreifung der Nazis muss Bendows jüdischer Kompagnon gehen. Am 26. Februar 1933 macht das nur ein Satz in der Presse deutlich: »Wissen Sie schon, daß Max Ehrlich nicht mehr an Bendows Bunter Bühne tätig sein wird?«

1932, anlässlich der Eröffnung im ehemaligen Konzertsaal, berichtete die Presse ausführlicher. Das erste Programm, »Lache Dich gesund«, bot »4 Stunden Unterhaltung für 50 Pfennige bis 3 Mark.« Doch in wirtschaftlich und politisch derart schwierigen Zeiten eine Bühne zu eröffnen, ist naiv. Bendow muss sämtliche Ersparnisse in sein Theater investieren. Er ist eben Künstler, nicht Kaufmann.

Und als Künstler ist er erfolgreich: Kabarett, Varieté, Theater und Gesang fügt er jeden Monat zu einem neuen Programm zusammen. »Bunt bebendowt und ehrlich begeistert« ist das Publikum vom »Boxkampf um den Goldenen Pulswärmer von Pankow«. Im Februar 1933 folgt ein Faschingsulk: Den Mann in einer Frauenrolle spielt Bendow. Die Berlin-Revue im April mit Kremser und Baumblüte in Werder beginnt ohne ihn. Die Mutter ist gestorben!

Über die Revue »Rin in die Manege« schreibt im November 1933 sogar The New York Herald: »Here too, for little money, it is possible to get a great deal of fun« – gedacht für deutschstämmige Leser?


Ob Bühnenbildner, Kapelle oder Clown: Bendows Bühne hat feste Mitarbeiter. Eine vielgelobte Entdeckung ist Elisabeth Giebel-Gray, genannt Baby Gray. Tenor Bert van Bloem schreibt die Faust-Parodie »Heinrich, mir grault vor dir«: Gray wird vom Gretchen »zur göttlichen Greta« und »Lotte Werkmeister, in Firma Marthe Schwertlein, gibt eine ulkige Massary-Parodie« Dazu kommt Grethe Weiser als verrückter Filmstar »Greta Garbola«. Und wenn Kate Kühl, Schifferklavier-Sängerin, den »Seemannsjonny« bringt, dann »trampelt und rast« das Publikum, während »Marion Koegel die eiserne Lachkette mit ihren ergreifenden altdeutschen Landsknecht-Liedern« bricht. Berlin feierte sie 1933 als Nachwuchs-Kabarettistin. 1937 gelingt ihr die Flucht nach Amerika. Anders als vielen der Kollegen aus Bendows Bunter Bühne, die das Naziregime nicht überleben.

1934 tritt Bendow in Frankfurt auf, seine Berliner Bühne vermietet er. So kam Geld ins Haus, aber zu spät. Am 9. September 1934 versteigert ein Auktionshaus den Inhalt seiner acht Zimmer am Lützowufer 33: »Die französischen Sitzmöbel, das Mahagoni-Schlafzimmer mit den Einbauschränken, die Biedermeiermöbel, der Sandsteinkamin, die schönen Bilder«. Er zieht in drei Zimmer nah bei seinem Theater, »mitten unter das Volk, unter dem er spielt.«

Im November 1934 aber ist das Haus ausverkauft: Radiohumorist Ludwig Manfred Lommel gastiert und »verzapft soviel Runxendorferisches, daß das Publikum vor Wonne quietscht, schreit und wiehert.« Vielleicht half der Kollegenauftritt beim Schuldenabbau? Im Januar 1935 betritt noch einmal Paul Becker, ein sächsischer Komiker, die Bühne am Kottbusser Damm. Bendow wird nicht mehr erwähnt, und wann die »BBB« dichtmacht, ist bis heute unbekannt. 1940 jedenfalls ist die Boden-Creditbank Eigentümer des Hauses.

Bendow aber arbeitet weiter, auch im Film – kleine, pointierte Rollen. Als am 31.8.1944 alle Theater geschlossen werden, antwortet er im »Schiffbrüchigen-Sketch« nicht mit dem vorgesehenen Text, sondern mit den unvergesslichen Worten: »Ist denn überhaupt noch Rettung möglich?« - Es folgen drei Monate Haft in Großbeeren.

»Ein liebenswerter, scheuer Mann mit einem schlagenden Humor«, so schildert ihn die Schauspielerin Bruni Löbel. Sie reiste mit ihm im Februar 1945 von Prag nach Berlin. Kurz vor Dresden wurde der Zug gestoppt - die Nacht des Bombenangriffs: »Wir übernachteten, eng aneinander gedrückt unter einer zugigen Bahnüberführung. Unser Essensproviant war auch bald aufgebraucht. Aber, wir hatten alles brüderlich geteilt.« Erst drei Tage später war man in Berlin.

Nach dem Krieg, am 2. Juni 1946, steht er noch einmal im Mittelpunkt: Sein 40-jähriges Bühnenjubiläum in der Neuen Scala. Viele Promis, von Hans Söhnker bis Curth Flatow, sind da. Bendow kehrt heim nach Einbeck und stirbt am 29. Mai 1950 - ein letztes Mal gewaltiges Blätterrauschen in der Presse. •


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