Kreuzberger Chronik
Juli 2020 - Ausgabe 221

Reportagen, Gespräche, Interviews

Goodbye Lenau!


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von Edith Siepmann

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Von außen betrachtet ist es ein hässliches Gebäude zwischen Gneisenaustraße und Jerusalemer Friedhof: braune Fassadenplatten kombiniert mit gelben Fensterrahmen, 70er-Jahre. »Sieht aus wie Kacka und Pipi« , fachsimpelt ein Drittklässler. Die Jalousien sind demontiert, die Fensterscheiben verstaubt und in den offenen Kästen brütet eine Kolonie von Spatzen. Eine Geisterschule. Außer Spatzengezwitscher ist nichts zu hören, das Stimmengewirr der Kinder ist verstummt. Nicht wegen Corona, nicht wegen der Ferien. Sondern für immer.

Dabei war die Lenauschule einmal die begehrteste in ganz Westberlin. Als sie 1981 eröffnete, gingen über 750 Kinder in Berlins größte Ganztagsschule. »Sogar aus Spandau kamen Kinder. Die Eltern hatten extra einen Bus gemietet.«, erinnert sich Bärbel Specht, die seit 37 Jahren an der Schule unterrichtet und dieses Jahr in Pension geht. Gerade rechtzeitig zum Ende ihrer Schule, die im Laufe ihres Daseins einige Aufs und Abs erlebte. Im Juli soll sie geschlossen werden, Kinder und Lehrpersonal bis zur Eröffnung des Neubaus in die Lina-Morgenstern- und die Freiligrath-Schule »umgelagert« werden, wie Andy Hehmke, der zuständige Bezirksstadtrat, sich ausdrückte. Grund dafür ist Asbest, aber auch die Planung einer neuen Gemeinschaftsschule.

»Asbest? Das war schon 1984 Thema.« Ulla Vasek, 30 Jahre lang Lehrerin, an der Lenauschule und jetzt Lesepatin bei Kindern aus den Willkommens-Klassen, hat viele Schülergenerationen und Asbestbeauftragte kommen und gehen sehen. »Da wurden A`s wie Asbest auf die Wände geklebt und Schaumbälle zum Spielen im Innenraum angeschafft. Auf keinen Fall durfte man bohren. Und den Eltern wurde eine baldige Sanierung versprochen.« Doch die kam nie. Auch in den benachbarten Schulen, in der Charlotte-Salomon oder Reinhardswald-Schule, ist Asbest verbaut. Dort geht der Schulbetrieb weiter. Andere Maßstäbe für den Baustoff galten dagegen - man erinnert sich - im Palast der Republik, den die Abgeordneten 1990 noch während einer Sitzung verlassen mussten – wegen Gesundheitsgefährdung. Für die »Lenauer« galt solche Vorsicht über 30 Jahre lang nicht. Nun soll das Gebäude abgerissen werden, die Sanierungskosten seien zu hoch. Unter dem Aspekt der Nachhaltigkeit betrachtet ist der Abriss nach nur 39 Jahren ein Fiasko, für die Bildungsmöglichkeiten im Kiez könnte er aber wegen der Entstehung einer neuen Gemeinschaftsschule mit Oberstufe auch gute Folgen haben.

Foto: Edith Siepmann












Und dennoch: Es schmerzt. Als erste Kreuzberger Ganztagsschule bot die Lenauschule Platz für eine Mischung aus »bildungsnahen und -fernen« Familien. Der charismatische Schulleiter Otto Höhne stellte bevorzugt Lehrkräfte mit Zweitberufen oder besonderen Kenntnissen an, um kreative Projekte im Schulalltag zu verwirklichen. Christina Weinandt, 23 Jahre Lehrerin in der Lenau, weiß noch, wie der Rektor die Schule an die Bedürfnisse der Kinder anpasste: »Der Rahmenplan taugt nicht für alle? Wir verändern ihn und machen Binnendifferenzierung. Die Kleinen fühlen sich mit den Großen auf einem Schulhof unwohl? Wir nehmen einfach einen Teil der Baruther Straße und machen ihn zu einem zweiten Schulhof. Die Kreuzberger Kinder kennen keine Tiere? Wir holen uns welche und bringen sie auf dem Schulhof unter.« Mitten in Kreuzberg grasten Schafe! Und zwar gegen alle Vorschriften. Aber der jetzt 93-jährige Otto Höhne war Präsident des Berliner Fussballverbands, kannte die Berliner Honoratioren und setzte sich durch gegen alle Regularien.

Damals wurde viel diskutiert und kommuniziert im Kollegium, man machte gemeinsame Fahrten. Die Teamarbeit zwischen Erziehern und Lehrerinnen als Grundlage der Rhythmisierung des Schultags wurde in der Lenauschule entwickelt und als Integrativer Tagesplan prämiert. »Wir unterrichten nicht Schüler, wir unterrichten Kinder«, wurde Leitspruch. Künstlerische und musikalische Schwerpunkte bildeten sich heraus. Beim Tanz-Projekt von Sir Simon Rattle waren Lenaukinder mit dabei – der mitreißende Film Rhythm Is It über pädagogische Leidenschaft zeugt auch von der Leidenschaft der Kinder.

Ein Fokus der Lenauschule lag auf der »Lesekultur« mit ihrer Lesewelt als gemütliches Zentrum für literarische Aktionen. Dass die Bibliothek mit dem Leseschiff als beste Schulbibliothek Berlins ausgezeichnet wurde, ist Verdienst der ebenso schöpferischen wie hartnäckigen Lehrerin Sibylle Recke. Sie war überzeugt, dass Lesen Voraussetzung für gesellschaftliche und demokratische Teilhabe ist, weil es andere Lebenswelten erschließt. Der Film Es war einmal ein Zebra von Gerburg Rohde-Dahl dokumentierte das in beeindruckender Weise. In Zusammenarbeit mit der FU und dem Paolo-Freire-Institut wurde diskutiert, wie Lesekompetenz unter schwierigen Bedingungen in Brennpunktschulen und auch global zu realisieren sei.

Doch Ende der 90er änderte sich die soziale Mischung in Kreuzberg. Die Schülerzahl ging zurück. Die Roseggerschule, als »Resteschule« verschrien, wurde geschlossen, und die Kinder kamen in die Lenauschule. In der gleichen Dynamik, in der der bildungsbürgerliche Ruf flöten ging und die ehemalige Vorzeigeschule sich zur Brennpunktschule mauserte, arbeitete die damalige Schulleiterin Karola Klawuhn mit ihrem Kollegium gegen die soziale Entmischung an.

Angestrebtes Ziel war eine Schülerzusammensetzung, die der des Einzugsgebiets entsprach. Mithilfe von Eltern, die ihre Kinder mit den Kindern aus der Nachbarschaft gemeinsam einschulen wollten, gelang es schlussendlich. Die Lenauschule war die einzige im Bergmann-Kiez, die »Willkommens-Klassen« für geflüchtete Kinder einrichtete. Christiane Möller war eine der Lehrerinnen für diese Kinder. Eine Anwältin der Schwächeren, die schnell Freundschaften schlossen und oft zu den Starken wurden. Uwe Fischer, seit 20 Jahren Lehrer an der Schule und anfangs dem Ganztag gegenüber eher skeptisch, weiß heute: »Schule ist mehr als Kopflernen, hat mit emotional-sozialen Kompetenzen zu tun. Die kommen oft zu kurz, aber in der gebundenen Ganztagsschule haben alle Kinder die Chance, voneinander zu profitieren. Mich hat überzeugt, dass die meisten Kinder auch nach Schulschluss noch bleiben wollen.«

Uwe Fischer ist ein engagierter Lehrer, an der Lenauschule gefiel ihm besonders die Konzeption mit bildungs- und gesellschaftpolitischem Ansatz. Gerade diese gemeinsame kämpferische Komponente fehlt ihm heute. »Alle sind zugeknallt mit bürokratischen Aufgaben, keiner hat mehr Zeit.« Die Stimmung an der Schule war schon einmal besser: »Das Problem ist, dass der ganze Prozess hin zur Gemeinschaftsschule politisch über die Köpfe des Kollegiums hinweg lief. Weder bei der Ortsplanung für die Auslagerung, noch bei Entscheidungen über die Architektur wurde die Schulgemeinschaft einbezogen.« Die viel gepriesene und gesetzlich verankerte Partizipation fiel den Sachzwängen des Zeitplans zum Opfer. Schulleitung und Kolle-gium müssen sich nun damit herum schlagen. Für engagierte, kompetente Eltern bleibt am Ende nur der Part der »Hilfs-Bauleitung«, sie weisen die Administration auf anstehende Aufgaben und Versäumnisse und die Einhaltung der Absprachen hin. Jetzt kämpfen sie darum, dass der Rosegger-Schulhof am Marheinekeplatz als Gelände für die 4.- bis 6.-Klässler genutzt werden darf, da der Schulhof der Freiligrath-Schule viel zu klein ist. Die Kinder wurden - wie wäre es anders zu erwarten - überhaupt nicht gefragt.

Fischer würde es trotz allem freuen, wenn im Kiez eine lebendige und vielfältige Gemeinschaftsschule entsteht, in der die Kinder ernst genommen werden und genügend Raum erhalten, um sich zu entfalten. Raum hatte die Lenauschule. Das meint auch die Senatsbaudirektorin Regula Lüscher. Die alten Schulen hatten noch Platz genug, allerdings litten die Bauten an technischen Mängeln und unter problematischen Baustoffen, vor allem aber mangelte es an der Instandhaltung.

Der neue Gemeinschaftsschulteil Grundschule, der an Stelle der Lenauschule entstehen soll, wird wieder ein Typenbau aus Fertigteilen sein, ein Stahlbeton-Skelettbau. Es wird allerdings keine »Flurschule« mehr sein, stattdessen werden sich die Räume nach dem »Lernhaus-Konzept« um ein Forum gruppieren. Teamarbeit der Pädagogen ist dafür Voraussetzung. Von außen wird die neue Schule sich kaum von der alten unterscheiden. Sie wird zwar größere Fenster haben, sonst weiterhin im 80er-Flair glänzen. Wie die neue Gemeinschaftsschule heißen soll, ist noch nicht beschlossen. Ein Lehrer lacht: »Vielleicht Pipi-Kacka-Schule?« Uwe Fischer ist für »Greta-Thunberg-Schule.«

Dass die alte Lenauschule - ein Stück Kiezgeschichte - nun einfach sang- und klanglos verschwindet, ist traurig. Ungefähr 5000 Kinder aus dem Kiez verbrachten hier sechs Jahre ihrer Kindheit. Das sind 45.600.000 Schulstunden! Die Betriebserlaubnis erlischt im Juli, aber es ist angeblich noch nicht mal eine Abriss-Firma beauftragt. Immerhin ist das Leseschiff schon voraus gesegelt in die neue Bibliothek in der Lina-Morgenstern-Schule. Nur die Spatzenkolonie zwitschert lustig weiter in ihrer Feuerdornhecke vor der Schule und fängt bald mit der dritten Brut an. •

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