Kreuzberger Chronik
Juli 2020 - Ausgabe 221

Hausverbot

Der Fernfahrerfritz


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von Horst Unsold

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In Kreuzberg, im letzten Jahrhundert, löste man Probleme in Kneipen anders als heute. Heute greifen die jungen Studentinnen in einem unbeobachteten Moment zum Handy, und wenn sie Glück haben, steht fünf Minuten später eine dick gepolsterte Hundertschaft der Polizei im Laden.

Das war früher anders. Die Streife kam immer erst dann, wenn alles vorbei war. Besser war es, man verstand selbst etwas vom Faustkampf, wenn man hinter dem Tresen arbeitete. Der Nulpenwirt verstand etwas davon. Er verstand es schon auf dem Schulhof, sich zu seinem Recht zu verhelfen. Nur bei seinem besten Freund, mit dem er hin und wieder in Streit geriet, zog er meistens den Kürzeren. Der Grund war, dass dieser Freund im Boxclub trainierte und ein paar Tricks kannte, die ein durchschnittlicher Schulhofboxer nicht kannte.

Also trat auch der Nulpenwirt dem Boxverein bei, wurde süddeutscher Juniorenmeister und kämpfte 1963 um die Deutsche Meisterschaft im Boxen, wo er sich schließlich keinem geringeren als dem späteren Europameister geschlagen geben musste.

Der Nulpenwirt also konnte ordentlich zuschlagen. Deshalb hielt er sich auch zurück. Aber wenn dann die Gäste kamen und ihm zutuschelten: »Du, der Typ da drüben, der nervt. Kannste den nicht mal rauswerfen!«, hatte er keine Wahl. Und wenn er dann nach der dritten Abmahnung tatsächlich handgreiflich wurde, dann kamen diese Softies wieder an und meinten, er solle doch nicht gleich so brutal sein!

Also hielt sich der Nulpenwirt noch mehr zurück. Auch beim Fernfahrer-Fritz, einem Koffer wie aus ´nem Gangsterfilm, der seinen Tieflader vor der Kneipe in der zweiten Reihe parkte, sich wortlos an den Tresen stellte und bedienen ließ, als wäre er der King. Eines Tages war er besonders übel drauf, in den Nulpenwirtfingern juckte es ganz besonders. Aber der Typ ging mit seinem Bier gleich ins Hinterzimmer, wo nur noch der Klavierstimmer mit einem Freund saß und friedlich Schach spielte. »Und auf einmal höre ich das da hinten rumpeln und krachen, ich dachte, die Welt stürzt ein. Und dann komm ich rum, und da hat dieser kleine Schachspieler diesem Riesenkoffer derart einen verpasst, dass er über den Ofen geflogen ist und auf dem Rücken in der Ecke lag wie ein Maikäfer!«

Der Schachspieler hatte zwar nicht um die Deutsche Boxmeisterschaft, aber um die deutsche Turnmeisterschaft gekämpft. Der war flink. Und »beim Boxen musst Du flink sein. Es ist völlig egal, wie stark du bist. Du musst schnell sein und taktieren können.« Täuschen, den richtigen Augenblick erwischen! Taktieren. Und niemand taktiert besser als ein Schachspieler.

Fritz parkte nie wieder in zweiter Reihe. Jedenfalls nicht vorm Nulpenwirt mit seinen kleinen, schachspielenden Schlägertypen. •


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