Kreuzberger Chronik
Juli 2020 - Ausgabe 221

Geschäfte

Guuhts Gemüse


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von Kajo Frings

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Schon vor dem Betreten dieses Gemüseladens merkt man, dass da jemand ein Händchen hat für die Gestaltung: Auf den Tischen vor dem Eingang sind die Waren nach Farben sortiert. Das Blau der Heidelbeeren paart sich mit den Farbtönen der Tomatensorten, die Amethyst Jewel liegt neben der Blauen Ananas-tomate, der Blue Streaks und der Jolie coeur. Das Gelb der Zitronen leuchtet und die Avocados unterschiedlicher Reifegrade lassen an Sushi oder Guacamole denken. »Keine Ware für den Grabbeltisch«, sagt der Obst- und Gemüsehändler Olaf Weiß, der Guuth beliefert.

Der große Kühlschrank ist jetzt wieder voll. Drei Wochen war er abgestellt. Das Kälteaggregat im Keller musste neu eingestellt werden. Es saugte zuviel Luft an, was wiederum die Ölheizung störte und den Schornsteinfeger zum Einschreiten zwang. Jetzt ist alles wieder in Ordnung, die Auswahl an frisch zubereiteten Pasten, Salaten, Zuchinipuffern, draußen die vielen Früchte - das alles macht aus dem Gemüseladen ein kleines Stück Schlaraffenland.

Der Herrscher über dieses Land ist Salih Bulut. Als er die Chance erhielt, aus den Ladenräumen in der Kreuzbergstraße einen Obst- und Gemüseladen zu machen, griff er zu. SEINEN Obst und Gemüseladen! Einen Laden, so wie er ihn sich vorstellte. Deshalb lehnte er auch dankend ab, als ihm jemand anbot, das Geschäft für ein paar Tausender mit Regalen einzurichten. Er besorgte sich 15 Holzpaletten und baute alles selbst. Jetzt ist es sein Reich. Das Reich Guuht.

Ein Reich, von dem er schon als kleiner Junge träumte. Der entscheidende Tag in seinem Leben war der 11. Oktober 1986. Er war 10 Jahre alt. Seine Eltern waren als »Gastarbeiter« in Deutschland, er aber war noch auf einem Internat in der Nähe von Izmir.

»Ich kam gerade aus dem Konvikt, als ich es hinter mir krachen hörte. Ich drehte mich um und sah, wie die Gebäude zerrissen wurden. Um mich herum bebte die Erde, ein Beben der Stärke Fünf. Da wusste ich, dass ich da nicht bleiben konnte. Nach irgendeinem Gesetz - ich weiss nicht mehr welchem - hatte ich gerade noch drei Monate lang Zeit, um eine Aufenthaltserlaubnis für Deutschland zu bekommen, und die hab ich genutzt.«

So ging das dann sein ganzes Leben lang. Irgendetwas stürzte ein, und woanders bot sich eine Gelegenheit, etwas aufzubauen. Salih Bulut ergriff sie jedes Mal. »Seit meinem Hauptschulabschluss war ich noch keinen Tag arbeitslos.«, sagt er nicht ohne Stolz.

Und irgendwann kam dann der Anruf seines Bruders: »Du, Salih, ich hab da in Berlin einen Gemüsehandel, willst du nicht kommen und mir helfen?« Salih Bulut kam, und »Berlin war eine andere Welt. Hier war es egal, welche Haarfarbe ich hatte, welche Religion, egal ob ich Türke war oder Kurde. Das einzige, was wichtig war: Ob man arbeiten konnte. Als Neuer machte man die härteste und dreckigste Arbeit. Paletten stapeln. Oder Erdbeeren sortieren. Die wurden dir vor die Füße geknallt, dann musstest du die Faulen aussortieren. 12 Stunden am Tag! Heute ist das ein Kinderspiel für mich. Ich hab´s gelernt.«

Foto: Cornelia Schmidt










Salih Bulut kennt sich aus auf dem Gemüsemarkt. »Unter den Gemüsehändlern gibt es keine Konkurrenz. Die kommen morgens um drei in die Halle, reden ein bisschen, sehen sich das Angebot an und schreiben auf, was sie alle brauchen. Wenn sie eine Palette zusammen haben, dann handeln sie den Preis aus und teilen sich den Rabatt.«

Sali Bulut war nicht immer in Berlin, ein paar Jahre verbrachte er in »Westdeutschland«, richtete für eine Lebensmittelkette die Bio-Abteilungen ein und schulte die Verkäufer. Da hat er gutes Geld verdient. Aber er wollte zurück, seinen eigenen Laden aufmachen. Sein eigenes Reich, irgendwo in Berlin.

»Hier nebenan, der türkische Edeka, da hab ich die Gemüseabteilung geleitet. Der hat sechsmal den Besitzer gewechselt! Aber ich und meine Abteilung sind jedes Mal geblieben.«

Salih Bulut ist stolz auf das, was er seit dem Erdbeben erreicht hat. Aber sicher sein, dass der Laden läuft, kann er nicht. Das Kochhaus in der Bergmannstraße musste ja auch schließen, als die Muttergesellschaft Insolvenz anmeldete.

Für Salih ist das klar: »Man kann noch so gute Pläne machen, Realität sieht immer anders aus. Es reicht eben nicht, nur schön zu sein, man muss auch verkaufen können. Ich kann alles wunderbar dekorieren, aber wenn es der Kunde nicht haben will, dann nützt das schönste Regal nichts. Kürzlich hatte ich eine Kundin, die kaufte schwarzen Knoblauch. Ich bin mir sicher, die hat noch nie einen schwarzen Knoblauch in der Hand gehabt, und der würde auch irgendwo im Kühlschrank vergammeln. Aber ich hab dann mit der Dame geredet. Und am Schluss ging sie mit einer vollen Einkaufstüte und tausend Rezepten aus dem Laden.«

Weil man aber von gutem Essen allein nicht leben kann, hat Salih Bulut auch einige Flaschen Wein im Regal. Für die alten Kreuzberger, die ihren Wein schon aus Prinzip nicht im Internet bestellen. Schließlich beschwert sich der tschechische DHL-Bote ständig lautstark über den Professor im sechsten Stock, der alle zwei Wochen die schwere 12er-Kiste bestellt. Kreuzberger, die »ihren Alkoholismus zur Weinkennerschaft aufgepimpert haben«, holen ihren täglichen Bedarf unauffälligerweise entweder im Kleinen Weinstock in der Fidicinstraße oder im Weinkeller in der Blücherstraße. Oder - neuerdings - eben auch bei Guuht in der Kreuzbergstraße.

Wie sagt doch Salih Bulut: »Ich habe immer einen Plan C«. •

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