Kreuzberger Chronik
Februar 2020 - Ausgabe 216

Geschäfte

Das unterirdische Reich von Lunamaro


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von Horst Unsold

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In der Bergmannstraße kannte ihn jeder, in der Hagelberger war er fast schon vergessen. Jetzt verlässt Lunamaro die Stadt.
Man spürt es, sobald man die knarrenden Stufen ins Souterrain betritt: Dies ist eines der letzten Originale. Einer jener letzten Läden, die irgendwann in den Achtzigern im Schatten der Kreuzberger Mauer aufmachten, weil die Miete so günstig war und weil der Student oder der innerdeutsche Berlinflüchtling irgendwann feststellen musste, dass man von Luft, Liebe und Bier allein nicht leben konnte.

Am Ende der Treppe, die vom Pflaster der Hagelberger Straße in fensterlose Kellerräume führt, steht der Betrachter in einem Gewölbe, dessen Wände ein melancholischer Vormieter violett und dessen Decken und sogar Dielen er schwarz gestrichen hat - damit auch das wenige Licht, das durch den Türschacht fällt, noch verschluckt wird. So kommen zumindest die orientalischen Lampen mit den bunten Glasperlenschnüren an den Schirmen, die leuchtenden Kürbisse und schillernden Glaskugeln zwischen den grauen Abwasserrohren besser zur Geltung. Die Holzschränke und Schneidersitz-Tische, die gläsernen Vitrinen, bestickten Kissen und hölzernen, mit Spiegelscherben besetzten Altäre, die indischen Türen und Fensterläden, die goldenen Buddhas und die Silberteller dagegen treten nur zaghaft, aber um so märchenhafter aus der Dunkelheit hervor.

Das unterirdische Reich von Lunamaro ist eine Mischung aus Trödelladen und Museum, Schatzkammer und Abstellraum. Es könnte der Keller eines weißhaarigen Karawanenführers sein, dem die Kamele in einem der kalten Berliner Winter der Achtzigerjahre erfroren sind und der seine Siebensachen hier unterbringen musste. Es könnte das Lager eines in Berlin gestrandeten Seefahrers aus dem 19. Jahrhundert sein, dessen Schiff jahrelang zwischen Bombay, Kalkutta und Hamburg fuhr, und der Platz für seine Souvenirsammlung brauchte.

Doch Amaro kam nicht vom Meer, er kam aus einem Ort am See. Genauer gesagt: aus dem österreichischen Städtchen Bregenz. Er war weder Kameltreiber noch Kapitän, sondern der Sohn eines Schusters und studierte noch, als er »so eine süße Tirolerin« kennenlernte, die irgendwann zu ihm sagte: Komm, wir hau´n hier ab!«

So kamen die Bregenzer nach Berlin, zogen im Kuckuck in der Anhalterstraße ein, »das war ein ganzer Block besetzter Häuser.« Aber es dauerte nicht lange, da wollte die Tirolerin wieder heim. Amaro blieb, nur die Wohnung behagte ihm nicht. »Das war mir dann doch zu neu, ich kam ja aus der Provinz, und die liefen ständig in meinen Klamotten rum oder lagen abends, wenn ich heimkam, in meinem Bett.«

Amaros Geschichte ist die klassische Biographie eines Kreuzberger Subkulturschaffenden. Er flüchtete aus dem Kuckuck, breitete seinen »Aladinteppich« auf dem Flohmarkt aus, nahm Ale und Faden des Vaters zur Hand und nähte Kindersandalen. Eines Tages sprach ihn eine junge Frau an und sagte: »Ich hab einen kleinen Laden mit Ledertaschen und Lederklamotten in Kreuzberg, gleich neben der Haifischbar. Ich könnte noch jemanden gebrauchen…«

So wurde der Schuhmachersohn zum »Täschner«, nähte kleine Börsen und große Rucksäcke für die Hippies und Hemden oder Hosen für die heimlichen Anhänger der Bader-Meinhof-Gruppe.

Jahre vergingen, Amaro wurde Vater und war fast schon ein echter Deutscher. Die Aufenthaltsgenehmigung allerdings fehlte ihm noch, weshalb er alle drei Monate die deutsch-österreichische Grenze überquerte. »Und irgendwann komm ich mit meiner Tochter auf dem Arm an die Grenze, da blättert der tatsächlich meinen gesamten Pass durch und kontrolliert jeden Stempel. Dann rechnet er die Tage zusammen und fragt: »Na, und wieviel Geld ham´s denn so dabei?«

Das Schlimmste war, dass Amaro dann nur noch genau zwei Tage Zeit hatte, um seine Sachen zu packen und das Land zu verlassen. Auf dem Amt im Wedding allerdings zeigten sie Mitgefühl mit dem jungen Vater und gaben ihm drei Wochen. »Und dann sechs Wochen, und wieder sechs Wochen, und immer so weiter. Bis irgendwann eine nette Frau auf dem Ausländeramt ihn ansah und fragte: Warum müssen Sie denn alle paar Wochen hier herkommen? Melden Sie doch mal ein Gewerbe an, dann bekommen Sie eine ordentliche Aufenthaltsgenehmigung

Also mietete er 1988 seinen ersten Laden in der Hagelberger Straße und verkaufte Sandalen, Gürtel und Taschen. »Ganz Kreuzberg lief irgendwann mit meinen Taschen herum«. Oder hing in seinen Hängematten ab, die er im Laden aufgehängt hatte. Genau gegenüber dem kleinen Kellerreich, in dem er dreißig Jahre später seine indischen Lampen zwischen den Abflussrohren aufhängen sollte. Hier vergingen acht Jahre, dann zog Amaro in den Hinterhof der Bergmannstraße 105, in dem damals noch eine Hutmacherin und eine Schneiderin ihre Werkstätten, ein Tuchhändler und ein Schmuckverkäufer ihre Lager hatten. Dort richtete Amaro seine Lederwerkstatt ein und hängte Taschen und Hängematten im Hofeingang auf. Aber die anderen zogen nach und nach aus, und Amaro mietete nach und nach Räume dazu. »Die musste ich dann auch irgendwie vollkriegen« .

Und so wurde Lunamaro allmählich zu dem, was es heute ist: Eine Mischung aus Berliner Rumpelkammer und orientalischer Schatzkammer. »Als meine Tochter 15 war, flogen wir zum ersten Mal nach Indien in den Urlaub. Nur für ein paar Wochen. Aber das reichte. Ich war fasziniert, ganz Indien ist ein einziger Markt, jede Stadt hat ihre Spezialitäten, in der einen gibt es Teppiche, in der anderen Lampen, in der nächsten Lederwaren. Ganz Rajasthan ist voller Möbel.«

Es dauerte nicht lange, da reiste Amaro noch einmal alleine nach Rajasthan und kaufte ganzen Container voll Tische, Schränke, Kisten und Türen, um alles nach Berlin verschiffen zu lassen. Schon im nächsten Jahr war er zwei Mal dort, suchte sich die Möbel zusammen und beauftragte die Händler, alles in einen Container zu packen. »Wenn 80% der bestellten Ware hier ankommen, ist das schon eine gute Quote! Eigentlich muss man dabei bleiben, bis der Container verplombt ist. Aber ich wollte nach Goa in diese kleine Hütte, zwanzig Meter vom Strand entfernt, gegenüber die untergehende Sonne.«

Im Sommer war der komplette Hinterhof voller Möbel und Hängematten, immer länger werdende Touristenströme zogen durch Amaros indisches Hinterhofreich. Der Schustersohn schien sein Glück gemacht zu haben. Aber dann wurde das Haus in der Bergmannstraße verkauft. Er musste packen. Und ein paar Wochen noch, dann wird es auch das unterirdische Reich in der Hagelberger Straße nicht mehr geben. Die Immobilienhändler lassen nichts aus.

Aber vor Weihnachten kamen sie alle noch einmal vorbei, die Fans von Lunamaro. Tauchten noch einmal ein ins Reich orientalischer Träume und sahen, als sie wieder auf der Straße auftauchten, mit ihren bunten Gewändern und silbernen Bändern so aus, als kämen sie gerade aus Indien.

»Weihnachten«, sagt Amaro, »da muss ich immer meinen Sozialarbeiter auspacken. Da brauchen die alle psychologische Betreuung!« Und dann kaufen sie »den Kerzenständer für die Mama, der seit dreißig Jahren in meinem Regal verstaubt«, oder die Lampe fürs Kinderzimmer, von der Amaro glaubte, sie niemals loszuwerden. Kinder fragen flüsternd vor Ehrfurcht nach den Preisen für Gläser, Porzellanknöpfe und Kupferschalen, Frauen kichern, wenn sie ein seidenes Tuch umlegen und fragen: »Steht mir das?«

Im März wird es all das nicht mehr geben. Und diesmal wird es endgültig sein. Diesmal wird Lunamaro endgültig von der Kreuzberger Landkarte verschwinden. Es wird Platz machen für ein Café oder ein Restaurant oder einen Laden, der so aussehen wird wie die Läden überall auf der Welt. Der weder in Kreuzberg und noch in Indien liegt, sondern überall und nirgendwo. Decke und Dielen werden hell gestrichen sein, grelle Scheinwerfer dem Gewölbe den letzten Hauch des Abenteuers nehmen, Fenster in die alten Backsteinwände gebrochen werden, Preistafeln, elektronische Kassen und lächelnde Verkäuferinnen den letzten Charme verfliegen lassen. Und von den Plastikteppichen über dem Laminat wird kein letzter Hauch indischer Räucherwaren mehr aufsteigen.

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