Kreuzberger Chronik
Dez. 2020/ 2021 - Ausgabe 225

Herr D.

Der Herr D. und die Fahrschülerin


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von Hans W. Korfmann

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Wie der Herr D. in alten Büchern blättert


Der Herr D. hatte beschlossen, Diskussionen über den Straßenverkehr zu meiden. Die sich wiederholenden, nie zu einer Lösung führenden Auseinandersetzungen über das Verhalten von Autofahrern, Radfahrern und Fußgängern langweilten ihn, zumal nur selten jemand auf das sich dahinter verbergende und eigentliche Problem zu sprechen kam: Den mangelnden Respekt, mit dem sich Menschen nicht nur auf der Straße, sondern in allen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens begegneten.

Deshalb sagte er nichts, als er, gemeinsam mit seinem Nachbarn vor dem Café in den letzten Strahlen der Herbstsonne sitzend, eine Fahrschülerin beim erfolglosen Versuch beobachtete, das winzig kleine Auto in die Parklücke zu bugsieren. Hinter ihr hob ein Hupkonzert an, Fahrradfahrer fuhren klingelnd an ihr vorbei, Fußgänger schüttelten den Kopf. Und der Nachbar des Herrn D. sagte: »Wenn ich so verschleiert wäre wie die, könnte ich auch nix sehen.«

Der Herr D. erinnerte sich an seine erste Fahrt mit der U1 durch verlassene Bahnhöfe, in denen die Zeit vor Ewigkeiten stehengeblieben war, während im Waggon die Zukunft herrschte, ein buntes Gemisch von Völkern aus aller Welt, Männer mit weißen Turbanen und Frauen ganz in Schwarz gehüllt, mit einem winzigen Guckschlitz. Der Herr D. war fasziniert von der Verschiedenheit der Kulturen.

»Diese Kanackenfrauen sollen sich erst mal ordentlich anziehen und an unsere Sitten gewöhnen, bevor sie in unseren BMWs ihren Führerschein machen!«, sagte der Nachbar. Der Herr D. sagte nichts. Aber als er tags darauf in seinen Büchern blätterte, um dem grauen Herbst des Jahres 2020 mit seinen Sperrstunden und Reiseverboten zu entfliehen, stieß er auf Sätze, die er ihm gerne vorgelesen hätte, auch wenn sie nicht von Kreuzberg, sondern von Indien handelten:

»Zweifellos ist Sittsamkeit einem religiösen Gefühl gleichwertig und zweifellos fühlt der Mensch, dessen Sittsamkeitsregeln verletzt worden sind, Schmerz. Ich sage Sittlichkeitsregel, weil es auf der Welt etwa eine Million Regeln gibt, und das bedeutet eine Million Maßstäbe, die zu beachten sind. So waren einige verschleierte Damen aus hoher Kaste zutiefst schockiert, als eine Gruppe englischer Damen mit völlig bloßen Gesichtern vorüberging; so schockiert, dass sie ihre tiefe Empörung darüber äußerten, wie man so schamlos sein und sich derart entblößen könne. Doch waren die Beine der Empörten nackt bis zum Oberschenkel hinauf«, schrieb Mark Twain 1897. Er merkt an, dass beide Parteien sittlich korrekt gekleidet waren, und folgert: »Alle menschlichen Regeln sind mehr oder weniger idiotisch. So wie es jetzt ist, können die Heilanstalten die geistig Gesunden gerade noch fassen, aber wenn wir versuchen wollten, die Geisteskranken einzusperren, würde uns das Baumaterial ausgehen.« •

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