Kreuzberger Chronik
April 2020 - Ausgabe 218

Kreuzberger
Harald Truetsch

Ich bin der Herr der vier Saiten


linie

von Michael Unfried

Fotos: Holger Groß

1pixgif
Man kann über Harald Truetsch nicht reden oder schreiben, man kann nicht einmal an ihn denken, ohne auch dieses Wort zu denken, das mit einem dumpfen Uku beginnt. »Das klingt unmöglich: Uku!« Da stehen Harald Truetsch die Haare zu Berge. Aber nach den wenig versprechenden Anfangsbuchstaben kommt dann eben dieses weiche lele: Ukulele. Und weil er nun seinen Ukulelenladen irgendwie benennen musste, ließ er das Uku einfach weg und nannte sein Geschäft Leleland.

Das klingt nach Elfen und Trollen. Das klingt wirklich mythisch, und tatsächlich könnte dieser Laden bald ein echter Mythos sein, soetwas wie die Apple-Studios. Denn das Leleland auf der Schattenseite der Gneisenaustraße zieht schon jetzt Musiker aus aller Welt an. Mehr als die Hälfte der Leute, die den Laden betreten, sprechen Englisch, und jeder vierte von ihnen ist nur deshalb in den Airbus gestiegen, um in Tegel in die U6 umzusteigen und zum Mehringdamm zu fahren. Und um von dort aus schnurstracks in die Gneisenaustraße zu laufen.

Dorthin, wo der Herrscher über Leleland sitzt. Der »Herr der vier Saiten« , Gründer und Geschäftsführer des allerersten Ukulelenladens, der auf dem europäischen Kontinent eröffnete. Und der noch heute, zehn Jahre später, der größte Ukulelenladen auf diesem Kontinent ist. »Es gibt noch einen in London und einen in Paris, und es gibt natürlich Gitarrenläden, die in irgendeiner Ecke eine Ukulele hängen haben. Aber die gab es schon immer, diese Schmuddelecken in den Gitarrenläden mit drei vier bunten Ukulelen, die nach nichts klingen.«

Solche Läden zählen nicht. Zählen können nur die kleinen, wohlgeformten Holzkörper mit vier Saiten, nur die G-, C-, E- und A-Saiten. In der Gneisenau gibt es kein F oder D. Hier gibt es hunderte schön geschwungener Holzkörper an den Wänden mit schmaler Taille, ausladenden Hüften und schlanken Hälsen. Es gibt weiße, braune und schwarze, kunstvolle Stücke mit Intarsien und Furnieren, und wer durch das runde Guckloch schaut, sieht im Inneren des Klangkörpers die kleinen Schildchen mit den berühmten Namen: Fender, Ibanez, Islander, Cordoba. Die größten Namen für die kleinsten Instrumente. Selbst die riesigen Marshallboxen, mit denen Hendrix die amerikanische Nationalhymne über die Felder von Woodstock schmetterte, sind im Leleland kaum größer als eine Zigarrenkiste.

Das Leleland sieht aus wie ein zu klein geratener Gitarrenladen.Aber es gibt keine einzige Gitarre. »Schon das Wort mit dem G ist in diesem Laden Tabu« , grinst Truetsch. Obwohl natürlich auch bei ihm einst alles mit der Gitarre begann. Mit der Gitarre am Lagerfeuer im Kreis der Pfadfinder. »Da war ich zehn Jahre. Aber dieses Ding war immer im Weg, viel zu groß, weil man ja auch immer diesen riesigen Rucksack mitschleppen musste.« Da kam der entscheidende Moment im Leben des Harald Truetsch: Er sah diese »Minigitarre« in der Auslage eines Musikgeschäftes in Fürstenfeld Bruck, legte mit seinem Freund ein paar Mark zusammen und saß wenige Tage später mit diesem kleinen Ding am Pfadfinder-Lagerfeuer. Erst wollten sie die »Spielzeuggitarre« nicht ernst nehmen, aber »du kannst mit der Ukulele ja alles machen! Jedes Stück begleiten. Vier Saiten für vier Finger, das reicht vollkommen aus! Wozu mehr?« Harald Truetsch ist begeistert. Damals wie heute.

Ganz hat er die Gitarre allerdings nie aus der Hand gelegt. Er spielt sie jetzt noch ab und zu. Aber es gab eine Zeit, da stand die Ukulele wochenlang unberührt in der Ecke, Staub setzte sich auf ihren kleinen Körper. Anfang der Neunziger war das, als er zu diesem Hoffest in der Möllenhoffstraße in Kreuzberg eingeladen war. Das Fest ging die ganze Nacht, und morgens um fünf Uhr sagte sich Truetsch: »Warum soll ich eigentlich immer in Berlin Urlaub machen? Ich könnte doch auch in Berlin wohnen und in Bayern Urlaub machen.«

So kam er nach Berlin, »der Stadt wegen«. Im Gepäck Gitarre, Ukulele und das Diplom des Grafikdesigners. Tagsüber saß er am Computer und entwarf Logos und Kataloge, und abends stand er mit seiner Ukulele, die er wieder aus der Ecke geholt hatte, im Übungsraum und manchmal auf der Bühne. Toxitones hieß die vielsaitige Band, und fast alle waren Kreuzberger: Ein Kachon, ein Bass, zwei Gitarren und eine Ukulele. Zusammen waren das 20 Saiten, echt toxisch. »Das war ne tolle Band! Bis plötzlich die Gitarristin starb. Da haben wir aufgehört.«

Jetzt spielt er nur noch mit Ralph Döhler. Die beiden sind das Schelmenpack und spielen alte Volkslieder. In den Siebzigern spielten Gruppen wie Augenweide deutsche Volkslieder. »Aber heute kennt die keiner mehr!« Nur Ralph Döhler. Der kannte sie alle noch.

Die Schelmenlieder passen zu Truetsch. Das schelmische Lächeln verschwindet nie ganz aus seinem Mundwinkel. Obwohl es ihm manchmal bitterernst ist mit der Ukulele, wenn er diesem kleinen Instrument endlich zu seinem Recht und zur Anerkennung als vollwertiges Mitglied in der Gesellschaft der Musikinstrumente verhelfen möchte. Er ist nicht nur der Herr der vier Saiten, er ist ihr Botschafter. Vielleicht wird er ein Buch über dieses Instrument schreiben, das von der portugiesischen Insel Madeira stammt und nach Hawaii auswanderte, wo es zum Nationalinstrument avancierte. Aber wer weiß das? Wer traut das diesem kleinen Ding zu? Es wird ständig unterschätzt!

Ebenso wie die alten Volkslieder, die das Schelmenpack heute noch spielt. Auch ihnen geschieht Unrecht! »Die waren politisch vollkommen korrekt. Immer gegen die vier »K«s: Kaiser, König, Kirche, Krieg!« Treutsch hat einige dieser Lieder schon als Kind gesungen, in Rumänien, auf den Familienfesten der Siebenbürger, »das waren riesige Feste mit 200 Leuten.« Noch heute kennt er den Text der siebenbürgischen Hymne. Seine Eltern sangen die alten Volksweisen aus Heimweh, sie wollten zurück nach Deutschland. »Es gab ja kaum Brot mehr für uns. Geschweige denn Butter. Dabei war mein Vater Zahntechniker. 1970, da war ich gerade 12 Jahre alt, wurden wir dann rübergeholt. Ich glaube, 8000 Mark hat die Bundesregierung für jeden von uns gezahlt.«

Mit ihren acht Koffern kam die Familie aus Kronstadt zuerst in ein Übergangslager und dann nach Neuburg an die Donau. Schon wenige Jahre später konnten sich die Truetschs in Fürstenfeldbruck ein eigenes Haus bauen. Sie waren zurück in ihrer Heimat, alles war wunderbar. Aber dann kamen ein paar Berliner zu Besuch und luden Harald nach Berlin ein. Bald fuhr er regelmäßig auf die Insel nach West-Berlin, feierte Silvester, Geburtstage, Hoffeste. Bis er eines Tages um fünf Uhr morgens beschloss, nach Berlin zu ziehen.

Um zu überleben, hatte er mit einem befreundeten Grafiker ein Büro eröffnet. Das Geschäft lief gut, die Firmen schossen gerade wie Pilze aus dem Boden, eine zweite Gründerzeit wurde ausgerufen, jeder zweite Berliner brauchte plötzlich sein eigenes Logo. Aber die Arbeit am Rechner allein machte nicht glücklich. Am glücklichsten war er, wenn sich die Ukulele-Gemeinde traf. »Das waren lauter witzige Leute. Die nahmen sich nicht so ernst wie die Gitarristen. Bei den Gitarristen will jeder der Crack sein. Auf der Bühne ganz vorne stehen. Das gibt’s bei Ukulele-Spielern nicht.«

Und als die beiden Grafiker zum dritten Mal umziehen mussten, weil die Mauer gefallen war und die Mieten ständig stiegen, hatte Truetsch diese Idee. Und während seine Grafiker-Kollegen in der Regel nach verglasten Dachetagen suchten, zeigte Truetsch auf der Suche nach neuen Büroräumen ein auffälliges Interesse an schattigen Nordseiten. »Wir machen hinten das Grafikbüro, und vorne ins schattige Schaufenster hänge ich meine Ukulelen.«

Es »war ein Sprung ins kalte Wasser« , auch wenn sich Truetsch einiges angelesen hatte und einiges erzählen konnte über Ukulelen, wenn er - für Ukulele-Spieler eigentlich ein Tabu! - auf Gitarrenmessen fuhr und mit den Vertretern der Gitarrenszene plauderte. Natürlich nahmen sie ihn nicht sonderlich ernst mit seiner Idee, einen Laden nur mit Ukulelen zu bestücken. Aber einer war darunter, der meinte: »Also, wenn so was funktionieren soll, dann höchstens in Berlin!«

Am 5. Januar 2010 war es soweit: Er öffnete die Tür zum ersten Ukulelenladen Europas. »Und kaum hatte ich die Tür aufgemacht, da kam einer herein. Er hätte auf einer Messe gehört, in der Gneisenaustraße in Berlin gäbe es einen Ukulelenladen.«

Foto: Holger Groß
Zehn Jahre später sind sie fast schon eine Legende, das Leleland und der Herr der vier Saiten. Lächeln oder grinsen tut schon lange niemand mehr, der hereinkommt, außer einer ziemlich witzigen, aber irgendwie auch respektlosen Tagesspiegeljournalistin, die nichts vom Leleland verstanden hat und lediglich ein dumpfes »Präng« - so ernüchternd wie ein Uku - gehört haben will, wo Treutsch die Harmonie der Welt verortet. Und die den Botschafter der Ukulele vor allem für einen witzigen Typen, vielleicht sogar für einen komischen Vogel, hält.

Das tut er selbst wahrscheinlich auch, wenn er, begleitet von diesem unsterblichen Schelmengrinsen im Mundwinkel, in jedem Tennisspieler gleich einen Ukulele-Partner vermutet. Weil in dem schmalen Ende der Schlägerhülle, die aus dem Sportlerrucksack ragt, natürlich nichts anderes als der schlanke Hals einer reizenden Ukulele versteckt sein kann. Die Welt des Harald Truetsch dreht sich um die Ukulele. Und um - fast - nichts anderes. •






zurück zum Inhalt
© Außenseiter-Verlag 2020, Berlin-Kreuzberg