Kreuzberger Chronik
April 2020 - Ausgabe 218

Hausverbot

Bernd und Michael


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von Hans W. Korfmann

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Sie wohnten beide in der Blücherstraße 56, Hinterhaus, vier Treppen, Tür an Tür. Abends gingen sie in dieselbe Kneipe in der Baruther Straße, und sie hießen beide Schulz, der eine mit tz, der andere ohne. Der eine Bernd, der andere Michael.

Wenn Michael abends in die Kneipe kam, dann sagte er immer den gleichen Satz: »Bernd, mach mir mal´n Bier.« Bernd stand hinter dem Tresen, Michael davor. An einem dieser Abende tauchte Chris auf. Chris gehörte zu einer australischen Band, die gerade in Berlin war. Bernd sagte: »Chris, hier biste genau richtig! Ihr könnt hier zwei Abende spielen, ich geb´ euch 400 Mark pro Auftritt.«

Vierhundert! Das war ´ne Menge Geld damals, und so kam es, dass die ziemlich bekannte Chris Deutscher Blues & Jazz Band gleich an zwei Abenden hintereinander im Leierkasten auftrat. Bernd zapfte wie ein Verrückter, und vorn an der Kasse saß sein Nachbar, der Michael mit »tz«. Der Laden war voll, an beiden Abenden. Trotzdem war am Ende kaum etwas in der Kasse. »Das kann doch nicht sein!«, sagte Bernd, »der Laden war doch gerammelt voll.« Aber Michael meinte, so viele seien es gar nicht gewesen, das täusche immer auf diesen Konzerten. Bernd glaubte ihm schon damals nicht, aber man haut seinem Nachbarn ja nicht gleich eine runter, wenn man ihm nicht glaubt.

Aber als ein paar Monate später ein Freund dem Bernd erzählte, der Michael würde damit prahlen, ihn um 400 Mark geprellt zu haben, da blieb der Bernd ganz still, da rührte er keinen Finger, als der Michael wieder vor dem Tresen stand und sagte: »Bernd, mach mir mal´n Bier!«

»Du, sag mal, damals, als der Chris hier spielte, wie war d´n dette? Ich hab da gehört, du hättest…..« Ein Wort ergab das andere, und irgendwann sagte Bernd: »Ich könnte dich ja jetzt rauswerfen und dir Hausverbot erteilen. Aber wir gehen mal lieber vor die Tür und regeln das auf Kreuzberger Art.«

Danach sah der Bernd den Michael nur noch in der Blücherstraße 56, Hinterhaus vier Treppen. Und im Fernsehen. Da stand er plötzlich vor der Nationalgalerie und erzählte dem RBB was von Kunst. »Dabei hat der nie irgendetwas mit Kunst zu tun gehabt.« Und wieder ein paar Jahre später sah er ihn in der Zeitung: »Michael Schultz, den bekannten Galeristen aus der Mommsenstraße....« - an der Seite von Wolfgang Joop oder Gerhard Schröder. Bernd dachte daran, dass das jetzt eigentlich eine gute Gelegenheit wäre, sich die 400 Mark abzuholen. Plus Zinsen. Aber er tat es nie. Und jetzt war es zu spät! Jetzt stand der Schultz mit »tz« vorm Gericht. Wegen Kunstfälschung. Eine Seite hatte die BZ dem Galeristen gewidmet, der Beuys, Richter und Baselitz nicht nur in Berlin, sondern auch in Peking und Seoul verkaufte. Überschrift in fetten Lettern: Ist dieser Galerist ein Millionenbetrüger? - »Wat is´n dette für eine Frage!« •


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