Kreuzberger Chronik
September 2019 - Ausgabe 212

Strassen, Häuser, Höfe

Hasenheide 61a (1)


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von Horst Unsold

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Das Pärchen aus dem ersten Stock

Das Haus war unauffällig. Die Nester der Widerständler vermutete man in Arbeitervierteln mit schmalen Treppenstiegen und dunklen Hinterhöfen. Nicht am hellichten Südstern. Hier wohnten in den Zwanzigerjahren Herrschaften mit Balkon und Blick auf den Platz, so wie das Ehepaar Harnack.

Und doch war es in diesem Haus, in der Wohnung der Harnacks im vierten Stock, wo sich zwischen 1933 und 1934 Freunde und Nachbarn zu samstäglichen Teegesellschaften trafen, aus denen sich eine Widerstandsgruppe formierte, die als Rote Kapelle in die Geschichte eingehen sollte. Die poetische Metapher bezeichnete im Sprachjargon der Nazis eine Gruppe von »Klavierspielern«, also Funkern, die mit ihren flinken Fingern und ihren geheimen Morseapparaten das Nazideutschland an Russland verrieten.

Auch Mildred Harnack, die Gastgeberin der Teegesellschaften am Südstern, gehörte dazu. Dennoch hat nie ein »offizieller Vertreter der Vereinigten Staaten ihr Grab besucht.« Immer wurde behauptet, sie sei eine russische Spionin gewesen, aber Mildred »war eine Heldin! Sie kämpfte für Amerika, an der Front der Alliierten! Amerika schuldet ihr höchste Anerkennung.« So ihr Schwager, siebzig Jahre später.

Mildred Harnack wäre fast vergessen worden. Erst 1992, als ihre Nichten auf dem Dachboden eines Hauses in Maryland eine Kiste öffnen, in dem Mildreds Mutter eine blonde Locke der Tochter und »ein ganzes Bündel handgeschriebener Briefe« aufbewahrt hat, und als auch der KGB nach dem Fall der Mauer seine Archive öffnet, zerbröckelt das Bild von der russischen Agentin. Mildred Harnack war eine leidenschaftliche Briefeschreiberin, die »hunderte von langen Briefen über Arbeit und Vergnügen« verfasste. Die vor den Nazis geretteten Briefe an die Mutter zeichnen ein ganz anderes Bild von Mildred Harnack als jenes, das noch im Nachkriegsdeutschland und in Amerika verbreitet wurde. Sie machen deutlich, dass es sich bei der Amerikanerin nicht um einen politisch denkenden und motivierten Widerständler handelt, sondern um eine eher romantische Literatin. Als sie ihren fünften Hochzeitstag gleich zwei Tage lang mit Blumen, Kerzen und Süßem feiert, schreibt die glückliche Tochter ihrer Mutter: »Die letzten fünf Jahre sind es wert, gefeiert zu werden. Wir lieben einander immer stärker und tiefer, und wir sind gesünder geworden, unsere Ideale stärker.«

Kennengelernt haben sich Mildred und Arvid 1924 auf der Universität in Madison: Mildred, die amerikanische Literaturstudentin, und Arvid, der deutsche Stipendiat. Sie trafen sich bei Shakespeare-Lesungen, paddelten im Kanu über die Flüsse und schwammen im See. Sie waren ein Traumpaar: Sie, die schöne, poetische »Engländerin« mit dem kurzen, »wenig modischen Haarschnitt« und einer Kleidung, die »in Schnitt und Stil individuell« war, wenn auch »in höchst zurückhaltender Weise!«; Und er, der stolze Wissenschaftler, der »in Auftreten und Garderobe etwas Maßvolles« mit sich brachte. Er, ein Mann aus einer berühmten Gelehrtenfamilie; sie, das Mädchen aus armen Verhältnissen, deren Vater dem Alkohol verfiel und eines eisigen Winters unter einer meterhohen Schneewehe gefunden wurde. Jahre später schrieb Mildred eine Geschichte: Der einsame Tod des Frank Burke.

1926 feiert das Traumpaar auf der Ranch des Bruders eine bescheidene Hochzeit. Mit einem gebrauchten Ford fahren sie in die Flitterwochen an die Niagarafälle, studieren zwei weitere Jahre an der Universität, bis Arvids Stipendium aufgebraucht ist und er nach Deutschland zurück muss. 1929 besteigt auch Mildred in New York ein Schiff und reist ihrer ungewissen Zukunft entgegen.

Einer Zukunft, die zunächst hoffnungsvoll beginnt. Harnacks Familie nimmt die amerikanische Studentin mit offenen Armen auf. Die Schwiegermutter ist hingerissen über die »vom ersten Augenblick an geliebte Schwiegertochter«, und ihre neue Schwägerin vergisst zeitlebens nie, wie die »blonde Indianerin« im »leuchtend blauen Badeanzug« und mit offenem Haar im Saalebad kopfüber vom Fünf-Meter-Turm springt und für Beifallsbekundungen sorgt. Auch Arvids berühmtem Onkel in Berlin, dem Theologen Adolf von Harnack, macht das junge Paar bald seine Aufwartung. Der alte Mann ist von der einnehmenden Erscheinung des neuen Familienmitglieds ebenso angetan wie von den Gesprächen mit ihr über Literatur und Philosophie- genau wie Mildred, der beim abschließenden Handkuss Tränen in den Augen stehen. Wenige Tage später stellt Adolf von Harnack die Schwiegertochter Vertretern aus Politik und Wirtschaft vor, es dauert nicht lange, da erhält sie ein Humboldt-Stipendium.

In Jena bezieht sie mit Arvid ein Haus mit »Blick auf die Berge«, liest mit der Schwägerin Goethes Biographie, unternimmt ausgedehnte Spaziergänge und Wochenendausflüge über die Dörfer. Der Mutter schreibt sie, dass es für ein Kind noch zu früh sei, dass sie aber täglich Gymnastik betreibe, um sich die spätere Geburt zu erleichtern.

Doch es droht Unheil in Deutschland. Randalierende Männerhorden sagen den Kommunisten den Kampf an und ziehen nachts durch die Straßen Berlins. Mildred, die jetzt viel in der Stadt an der Spree ist und an der Berliner Universität unterrichtet, während Arvid in Jena am Gericht arbeitet, ist froh, als auch ihr Mann endlich nach Berlin kommen kann. Sie beziehen eine Wohnung in Dahlem, aber schon bald schreibt Mildred der Mutter, dass die Nachbarn Nazis seien, und dass sie daran dächten, »in aller Stille umzuziehen!«

Verwandte des Schriftstellers Stefan Heym hatten ihnen von einer hübschen Wohnung am Südstern erzählt, an der südlichen Grenze Kreuzbergs zu Neukölln. •

Literaturnachweis: Mildred Harnack und die Rote Kapelle, Shareen Blair Brysac, Scherz, 2003.




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