Kreuzberger Chronik
September 2019 - Ausgabe 212

Kreuzberger
Gudrun Chatterjee

Mein Beruf war mein Lebensinhalt


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von Hans W. Korfmann

Fotos: Holger Groß

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Sie weiß nicht, wo sie anfangen soll. Sie weiß auch nicht, wann sie aufhören soll. Wenn Gudrun Chatterjee von ihrem langen Leben zu erzählen beginnt, dann nimmt diese Erzählung kein Ende. Es vergehen Stunden, in denen die Erzählerin ständig die Szenen wechselt und dabei Jahre und Kontinente überspringt. Als hätten sie keinerlei Bedeutung, als seien Zeit und Raum nebensächlich und nicht mehr als auswechselbare Kulissen für die zentrale Protagonistin Chatterjee. Keiner dieser Orte, an denen sie war, keiner dieser Lebensabschnitte, die sie durchlebte, scheint sie wirklich geprägt oder verändert zu haben. Nichts hat sie vom Kurs abgebracht, alles ist an ihr abgeglitten, beinahe spurlos vorübergegangen wie Wellen an einem Fels in der Brandung.

Manchmal, während sie erzählt, Kaffee trinkt, Kuchen isst, Zigaretten dreht und zerknitterte Bilder und Fotokopien mit Ansichten von Italien, Indien, New York, Hamburg, Schöneberg und Kreuzberg aus ihrer randvollen Handtasche zieht, verliert sie die Orientierung – »wo war ich gerade stehen geblieben?« – und den Faden – »was wollte ich gerade sagen?« Weshalb manche ihrer Erzählungen plötzlich abbrechen und nie zu Ende erzählt werden. Dieses Leben ist viel zu viel, viel zu groß gewesen. Deshalb hat sie sich für einige Tage zurückgezogen und alles zu ordnen versucht. Auf fünf Blättern zusammengefasst, was kaum in eine mehrbändige Biografie passen würde.

Das Durcheinander beginnt spätestens 1966, als Gudrun, die technische Zeichnerin, zwanzig Jahre alt, mit ihrem Vater auf der Interzonenautobahn nach Berlin kommt und bei ihren drei pommerschen Großtanten am Tiergarten einzieht, um ihre erste Arbeitsstelle anzutreten. In ihren Aufzeichnungen schreibt sie: »Meine Firma Hochtief war am Bayerischen Platz, meine Baustelle die Neue Nationalgalerie am Tiergarten.« Als gelernte Maurerin legt sie noch selbst Hand an bei den Treppen zum seinerzeit modernsten Kunsttempel Berlins.

Als die Galerie fertig ist, beginnt sie an der Staatlichen In- genieurakademie mit dem Hochbau-Studium. Ihr Ziel ist der Titel des Diplomingenieurs, doch auf der Akademie geschieht etwas, das jede ihrer Kommilitoninnen gehörig durcheinander gebracht hätte: Sie verliebt sich. Gudrun Chatterjee allerdings behält das Ruder fest in der Hand. In ihren Aufzeichnungen heißt es knapp: »Auf der Akademie habe ich meinen bengalischen Prinzen kennengelernt, Sreejeet Cumar Chatterjee. Ich war im ersten Semester, er schon im fünften, kurz vor dem Abschluss. Wir haben uns verliebt, dann verlobt und am 39. 7. 1969, (meinem 23. Geburtstag!) in Schmargendorf geheiratet.«

Der Prinz ist kein echter Prinz, aber er kommt, ebenso wie auch Gudrun Schulz, aus angesehenem Hause und war in der Schulzschen Familie »sehr willkommen.« Die Liebe ist so groß, dass sich die ehrgeizige Studentin ein Urlaubssemester gönnt und 1969, in einer Zeit, als alle langhaarigen Berliner noch nach Indien trampen müssen, über Frankfurt nach Bombay fliegen kann, wo sie von Mitgliedern der Familie Kamani, die halb Indien mit ihren gigantischen Starkstromleitungen versorgt hat, empfangen wird, da eine Cousine der Chatterjees in die Familie eingeheiratet hatte.

Die Aufzeichnungen der Diplomingenieurin Gudrun Chatterjee berichten von »wunderschönen historischen Gebäuden«, der Fahrt mit »Britisch Railways« nach Madras und Kerala, von den Bahnhofshotels, die nur 8 Mark die Nacht kosten, und von New Delhi, wo Gudrun bei der Chefin des Lufthansabüros wohnt, einer weiteren Verwandten ihres weltgewandten Schwiegervaters und Geologen Chatterjee, der viele Jahre lang für die Firma Krupp den deutschen Boden nach Bodenschätzen absuchte. Es ist tatsächlich ein bisschen wie im Märchen, nur der Prinz fehlt. Der nämlich muss arbeiten und kommt erst im Dezember nach Indien, um im Januar gleich wieder zurück nach Berlin zu fliegen.

Auch in Berlin geht die märchenhafte Erfolgsgeschichte Gudrun Chatterjees weiter. Sie gehört zu den Privilegierten, die mit ihrem britischen Commonwealth-Pass nun jederzeit über die Grenze am Checkpoint Charly spazieren kann, beendet das Studium mit dem ersehnten Titel des Diplomingenieurs und findet anschließend sofort eine Stelle im Architekturbüro Bassenge in der Ahornstraße.

Doch damit nicht genug, studiert sie zusätzlich Planungs- und Gesellschaftswissenschaften an der TU und wird 1976 »Diplomingenieur für Stadt- und Regionalplanung«. Mit diesem Titel in der Tasche bewirbt sie sich beim Berliner Senat, arbeitet »ca. 60 Stunden die Woche« in der Abteilung Stadterneuerung und -sanierung und ist dabei, als die ersten SPAS-Büros für die Organisation der Mieterbeteiligung geöffnet werden. Sie ist für vier Sanierungsgebiete in Schöneberg verantwortlich, von den Yorckbrücken bis zum Klausenerplatz. Doch schon 1981 kündigt sie ihre Stelle beim Senat wieder. In ihren Aufzeichnungen heißt es: »Werner Orlowsky, der Baustadtrat in Kreuzberg, brauchte mich als technische Beraterin.«

Ihr Arbeitsplatz ist jetzt das Büro der AL, der Alternativen Liste, die sich damals noch »Igelpartei« nennt und weitaus stacheliger ist als die heutigen Grünen. Kreuzberg, der Nabel der alternativen Welt, wird zu Gudrun Chatterjees Lebensmittelpunkt. 1992 geht sie zur SPAS Kreuzberg Nord, sitzt im Quartiersmanagement am Kottbusser Tor, plant 1993 gemeinsam mit dem Stadtplaner Stefan Bartheau die Neugestaltung des Engelbeckens und begleitet Sanierungen in der Annenstraße, der Sebastianstraße und Heinrich-Heine-Straße. Sie entwirft eine »Kompoststation«, die sogar patentiert wird, und stellt in jedem Kreuzberger Hinterhof, der geeignet erscheint, eine Komposttonne zur Erdgewinnung auf.

Ihr bengalischer Prinz allerdings ist nicht mehr an ihrer Seite. In ihren Aufzeichnungen heißt es: »Im Juli 1972 habe ich mich scheiden lassen, Chatterjee wollte gerne Kinder, ich wollte an der TU studieren. Mein Beruf war immer mein Lebensinhalt. Also hab ich ihm gesagt, er kann mich in zwanzig Jahren noch mal fragen. Das war ihm zu lang.« Dafür lernt Gudrun acht Jahre später Abdelhai Tadlaoui kennen, einen viel versprechenden Elektrotechniker aus dem sonnenverwöhnten Marokko, der seine Diplomarbeit der Entwicklung der Solartechnik widmet. Technik und Techniker imponieren der alternativen Stadtplanerin, in ihrem Sanierungsgebiet Bülowstraße werden die ersten Solaranlagen auf Dächern montiert. Sie liefern noch heute etwa 20 Prozent des benötigten Hausstromes.

Da Gudrun ihre Studien nun erfolgreich abgeschlossen hat, steht der Geburt einer Tochter nichts mehr im Wege. So wird im Mai 1982 Sonja Amina Chatterjee geboren. Drei Jahre später reist die junge Mutter mit ihrer Kleinen nach Marokko, wo ihr Mann gerade sämtliche Krankenhäuser des Landes mit Solaranlagen ausstattet. Viel mehr ist über diese Reise in den fünfseitigen Aufzeichnungen nicht zu finden, wohl aber, dass sie damals in Berlin einen wirklich »tollen Job« an der Uni als Dozentin und Assistentin für Bauen und Ökonomie hat, und dass »Engelbert Lütke-Daldrup, jetzt Planungsleiter für den Flughafen-Schönefeld, und noch fünf andere Städteplaner und Soziologen« zu ihren Kollegen gehörten. Und dass es ihr die vielen Semesterferien erlaubten, nach Marokko zu fliegen. Auch in Amerika ist Gudrun Chatterjee gewesen, Bernd Zimmermann, ein schwuler Architekt, holte die Stadtplanerin für einige Monate nach New York, als es darum ging, Greenwich Village, das amerikanische Kreuzberg, zu sanieren.

Es ist - wollte man ein Fazit ziehen - ein beruflich äußerst erfolgreiches Leben, von dem Gudrun Chatterjee erzählt. Auch wenn alles manchmal wie ein großes Durcheinander und wie eine ewige Baustelle erscheint. Spätestens, seit sie 1966 im zerbombten und bereits ummauerten Westberlin eintraf und die Stufen zur Neuen Nationalgalerie zu mauern begann. Die Jahre vor Berlin liegen schon weit zurück, die Erzählerin ist über siebzig Jahre alt. Und doch, wenn sie von ihrer Kindheit an der Küste erzählt, dann schwingt zum ersten Mal an diesem Tisch mit Kuchen und Kaffee und einem vollen Aschenbecher so etwas Sehnsucht mit. Ein Ton, der bei der Geschichte mit dem bengalischen Prinzen ebenso fehlt wie bei dem marokkanischen Solar-Ingenieur. Bei Werner Orlowski ebenso wie bei Lütke-Daldrup. Wenn sie von der Kindheit erzählt, wird klar, dass auch in ihrem Leben nicht alles spurlos vorüberging.

Geboren wurde Gudrun Chatterjee mit dem Namen Schulz im ersten Jahr nach dem Krieg, im sprichwörtlichen Buxtehude. Die Kindheit verbrachte sie mit der Schwester Dagmar im Alten Land mit seinen Apfelplantagen zwischen kleinen Dörfern, die Finkenwerder oder Altenwerder hießen. »Diese Gegend«, sagt sie, »hat mich geprägt.«

Die Nachmittage verbrachten sie im Haus der Großeltern in Hamburg Harburg an der Süderelbe, hinter dem gleich der große Wald begann, in dessen Baumwipfeln Gudrun ihre ersten Häuser baute. Die Großeltern, Käthe und Gustav Bunke, hatten ihren Wohlstand den Zwanzigerjahren und einem der ersten Taxiunternehmen zu verdanken, in dem auch Oma Käthe– die erste Frau Deutschlands mit einer Fahrerlaubnis zur Personenbeförderung - Hand ans Lenkrad legen musste. Auf einem Familienfoto ähnelt das Ehepaar vor der stolzen Karosse mit den zwei schicken Jagdhunden eher englischen Landlords als Hamburger Taxifahrern.

Gudruns Vater kein so leidenschaftlicher Autofahrer, aber er ließ es sich nicht nehmen, die Tochter bis nach Berlin zu fahren oder sie abends mit seinem Käfer aus Hamburg abzuholen, wenn sie den letzten Zug nach Buxtehude verpasst hatte. Gudrun war fünfzehn und eine gute Rock´n´Roll-Tänzerin. Sie lieh sich den Ausweis der großen Schwester und ging zum Tanzen ins Top Ten oder in den Kaiserkeller. Auch an jenem Abend im Dezember 1962, als die Beatles im Star-Club auftraten, holte sie der Vater mitten in der Nacht vor dem Club ab.

Die allererste Fahrt nach Berlin allerdings musste Gudrun noch im verplombten Militärzug der Engländer antreten, von Hamburg Hauptbahnhof bis Berlin Nordbahnhof. Sie fuhren zu den Berliner Großeltern. »Die wohnten in der Elisabethkirchstraße 28, in einer riesigen Fünf-Zimmerwohnung, die Schinkel seinerzeit für den Pfarrer entworfen hatte. Die Kirche wurde im Krieg zerstört, aber die Wohnung mit der großen Dachterrasse, auf der wir immer gespielt haben, gibt es heute noch.«

Die Berliner Großmutter war, ebenso wie die Hamburger Taxichauffeurin, eine fortschrittliche Frau. Sie hatte an der Humboldtuniversität studiert und unterrichtete auf jenem Gymnasium, auf dem Gudruns Vater und sein Zwillingsbruder Gerhard das Abitur machten. Dann begann der Krieg, und von siebzehn Abiturienten kamen nur vier zurück. Auch Gudruns Onkel Gerhard blieb am Monte Casino.

Sie erzählt das ohne Pathos, knapp und sachlich, so wie die Geschichte von ihrem Prinzen. Und doch sind an dieser Stelle ihrer Kurzbiographie Emotionen spürbar. Ärger über die Ungerechtigkeit dieser Welt. Und als Gudrun Chatterjee in den Achtzigerjahren eine zeitlang in Umbrien ist, um ein von der EG gefördertes Projekt zur Restaurierung alter italienischer Landhäuser zu leiten, macht sie sich auf die Suche nach dem Grab des Onkels. Es ist eine der wenigen Enttäuschungen, die in den fünf Seiten ihrer kurzen Biografie beschrieben werden: »Ich bin einmal nach Mailand gefahren, habe aber auf dem Soldatenfriedhof in der Nähe das Grab leider nicht gefunden. Es gab nur Kreuze mit Nummern, ohne Namen.« •


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