Kreuzberger Chronik
September 2019 - Ausgabe 212

Geschichten & Geschichte

O ewich ist so lanck! (6):
Johann Ludwig Tieck



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von Eckhard Siepmann

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Es war ein herrlicher 1. Mai-Tag im Jahre 1853, erstmals nach langen Winterstürmen schien die Sonne hell und warm. Die unüberschaubare Menge der Trauernden bewegte sich die Friedrichstraße entlang Richtung Belle-Alliance-Platz. Dem Sarg folgte der Wagen des Königs Friedrich Wilhelm IV., sodann Vertreter der Wissenschaft und der Künste, der Theater und der Literatur, unter ihnen Alexander von Humboldt. Der Zug bog in den grünen und blumenbunten Weinbergweg - heute die Bergmannstraße - ein und endete schließlich auf dem Friedhof der Dreifaltigkeitsgemeinde. Unweit des Grabes des romantischen Theologen Friedrich Schleiermacher war ein Erdloch ausgehoben. «Wer«, fragte einer der Freunde, »könnte nun wohl einen Stern in Menschengestalt erlöschen sehen, ohne davon ergriffen zu sein?« Der Dichter Ludwig Tieck, auch »König der Romantik« genannt, fand in dieser Erdhöhle das Ende von Unruhe, Melancholie und langer Krankheit. »Die fleißig benutzten Friedhöfe«, schrieb er in einem seiner letzten Briefe, »gehören ja zu einer guten Staatseinrichtung, bis dann die Gebeine nach längerer Zeit auch unbeachtet umhergestreut werden...«

Der kleine Ludwig, 1773 in Berlin geboren, las mit vier Jahren in der Bibel und vertiefte sich bald in die Hausbibliothek seines Vaters, den er zu siezen hatte. Er ging schon als Kind ins Theater und las Goethes Dramen. »Das Schauspiel gewährte mir schon in meinen frühesten Jahren einen so wunderbaren Genuß, daß meine Entzückungen nicht selten in eine Art Wahnsinn ausarteten.« Enthusiasmus und Wahnsinnsfaszination sollten ihn noch lange begleiten. Bis zum Ende der Schulzeit hatte er bereits 25 eigene Werke verfasst, überwiegend Dramenversuche. Frühreif ist auch seine Damenwahl: Mit 15 lernt er ein Mädchen namens Amalie Alberti kennen, verliebt sich heftig und heiratet sie später. Folgenreich ist ebenfalls seine Freundschaft mit dem empfindsamen Klassenkameraden Heinrich Wackenroder. Mit ihm reist Tieck im Sommer 1793 nach Nürnberg und Bamberg, sie entdecken entgegen dem klassisch geprägten Zeitgeist Stätten und Beispiele alter deutscher Kunst. Gothik, Dürer, deutsche Renaissance: Und sie sind fasziniert.

Tieck ist jetzt 20 Jahre alt, er wirft sich in Berlin auf ein Romanprojekt, mit dem er in die Weltliteratur eingehen wird: William Lovell, die Geschichte eines jungen Manns, der die Ideale der Aufklärung zu verwirklichen trachtet und damit grandios Schiffbruch erleidet. Leicht ist zu erraten, dass der junge Dichter hier seine eigenen Bedrängnisse, seine Hoffungslosigkeit und Verzweiflung zu Papier bringt. Sturm und Drang waren gestern, Nihilismus und Langeweile sind jetzt die tragenden Stimmungen. »Wenn ich die Augen aufmachte, war mir‘s, als läg´ ich in einem weiten Totengewölbe, drei Särge nebeneinander; ich sehe deutlich die weißen, schimmernden Gebeine, alle meine Glieder waren mir selbst fremd geworden.« Die Tore, die die Romantik öffnen wird, sind noch verschlossen.

Das ändert sich mit dem Märchen Der blonde Eckbert, das Tieck 1796 veröffentlicht. Es erzählt von einem Ritter, dem die Welt immer unbegreiflicher wird und er am Ende sogar sich selbst. Thema ist die Innenwelt des modernen Menschen, der Abstieg in die Schrecken des Unbewussten. Damit ist ein neuer Realitätsbereich betreten, die düsteren psychischen und sozialen Aspekte der entstehenden bürgerlichen Gesellschaft.

Nach dem Roman Sternbalds Wanderungen wurden die Groß- wesire der frühen Romantik auf den Dichter aufmerksam. In seinem Werk fanden sie begeistert die Poesie, die sie zunächst nur theoretisch beschworen hatten. Tieck wurde Teil der Jenaer Romantikerkommune, in der um 1800 Novalis, Schelling, Friedrich und Dorothea Schlegel, Caroline und August Wilhelm Schlegel fantasierend, streitend und unter Gelächter eine neue Welt entwarfen. Wenn sie gemeinsam Schillers berühmtestes Gedicht Die Glocke lasen, gerieten sie auch an den Vers »Und drinnen waltet die züchtige Hausfrau« und fielen vor Lachen fast von den Stühlen.

Des Lebens Überfluß ist eine der letzten Erzählungen Tiecks. Ein junges Liebespaar, vor den Eltern auf der Flucht, haust in einem harten Winter verarmt im 1. Stock eines Hauses. Der Vermieter im Erdgeschoss ist verreist. Als die Kälte unerträglich wird, verheizen sie nach und nach die Holztreppe, die sie mit der Welt verbindet. Eine absurde, aussichtslose Situation, und eine Kritik des alten Tieck am Realitätskonzept der Romantik.

1841 holt Friedrich Wilhelm IV. den Dichter nach Berlin. Tieck, der schon seit dem 27. Lebensjahr an Gicht leidet und mehre Schlaganfälle erlitten hat, bekommt ein Sommerhaus im Park von Sanssouci. Er wird verehrt als der Letzte der Goethezeit, aber Einsamkeit und Depression machen ihm zu schaffen.

Seine letzten zehn Lebensjahre verbrachte er im heutigen Kreuzberg, in der Friedrichstrasse 208. Sinn für Chaos und Scheitern, Lob des Nutzlosen und des Müßiggangs – Ludwig Tieck ist ein echter Kreuzberger, sein unscheinbares Grab eine Zierde des Bergmannkiezes.

»Als der Sarg eingesenkt wurde«, schreibt einer der Freunde, »und die Erdschollen auf die reichen Blumenkränze niederfielen, stieg oben im blauen Raume die Lerche auf, schlug die Nachtigall im jungen Grün. Die Natur blieb ihrem Dichter treu.« Ein kleiner Himmelskörper in einem Asteroidenhaufen zwischen den Planetenbahnen von Mars und Jupiter trägt heute den Namen des Dichters des Unsinns, des Verworrenen und des Wunderbaren. •

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