Kreuzberger Chronik
September 2019 - Ausgabe 212

Kanzlei Hilfreich

Jens Hilfreich schaut Tatort


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von Kajo Frings

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Am 5. Mai des Jahres 2019 sah Jens Hilfreich einen Berliner »Tatort«. Gegen Ende des Films wird eine Leiche im Müllheizkraftwerk Ruhleben gefunden. In den 80er Jahren gab es keine DIN EN 15713 zur Vernichtung vertraulicher Unterlagen, keinen vernünftigen Schredder, keine Firma »Reisswolf«, noch nicht mal einen preiswerten Reisswolf. Und als Hilfreich 1982 nach Berlin kam, klärte ihn sein Kanzlei-Vorgänger Mensing geflissentlich darüber auf, dass alle Westberliner vor jeder Steuerprüfung alle überflüssigen oder verdachtsauslösenden Unterlagen ins Müllheizkraftwerk Ruhleben verbrachten. So stand er damals, als Herr Dr. Mensing vor seiner letzten Reise in die USA sein Büro aufräumte, vor dem riesigen Abfallbunker und fragte sich, wie viele Menschen seit 1967 durch einen Sprung in diese Grube ihren Angehörigen die Kosten einer Feuerbestattung erspart hatten.

Zum anderen musste er beim Tatort-Schauen an das in den 90er Jahren in der Yorckstraße gelegene Enzian denken. Der Grund für die Namensgebung war nicht, dass in dieser Kneipe alle ab einer bestimmten Uhrzeit »blau« waren, sondern dass der Inhaber Norbert Hähnel früher als der »wahre Heino« und als Ein-Mann-Vorband mit den Toten Hosen durch Deutschland getourt war und »Blau-blau-blau, ist der Enzian« gesungen hatte. Jens Hilfreich erinnerte sich noch an das Konzert von 1989, als besagter »Heino« zur Feier der »Wiedervereinigung« die (west)deutsche Nationalhymne gefurzt hatte. So wie Norbert Hähnel selbst waren die meisten seiner Gäste im Landkreis Ostwestfalen-Lippe geboren. Die anderen Stammgäste des Enzian hatten aus anderen Gründen einen an der Waffel.

Soweit sich Jens erinnerte, war er im September 1997 eingeladen, an der Präsentation eines wandgroßen Fotos teilzunehmen, das die Trümmer des PKWs zeigte, der am 31.8.1997 in Paris in einen Unfall verwickelt gewesen war, der zum Tode von Diana, Princess of Wales, geführt hatte.

Während der Präsentation kam eine junge Schauspielerin, die in »Kleine Haie« mitgespielt hatte, auf Jens Hilfreich zu und versuchte ihm zu verdeutlichen, dass sich eindeutig in der Form der verbeulten Motorhaube das Gesicht des Teufels zeige, womit dessen Existenz endgültig bewiesen sei. Jens sah beim besten Willen nur die Existenz von Wahnvorstellungen, die durch legale oder illegale Drogen hervorgerufen werden können, bestätigt.

Aber immer, wenn er die mittlerweile nicht mehr ganz so junge Frau als Kommissarin im Berliner Tatort sah, hatte er den Eindruck, dass sich in der damaligen Kreuzberger Kneipenszene der eine oder andere Harzklumpen bewegt hatte, der nur noch härten musste, um zu Bernstein zu werden. •


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