Kreuzberger Chronik
September 2019 - Ausgabe 212

Geschäfte

Highheels und Rauleder


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von Edith Siepmann

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Kein Ladenschild deutet darauf hin, dass in den beleuchteten Regalen riemchenbespannte Pumps, strassglitzernde Pfennigabsätze und schwarzweiße Lacksneaker auf ihre weiblichen und männlichen Neubesitzer warten. Nur eine zarte Goldschrift im Fünfziger-Jahre-Stil auf dem Schaufenster verrät, dass es sich bei dem hypereleganten Schuhwerk nicht etwa um die Luxusausstattung mondäner Neukreuzberger handelt, sondern um erschwingliche Sonderanfertigungen zum Tanzen. Tanzschuhe Zeller ist ein Familienbetrieb in dritter Generation. Es hat ihn aus dem gemütlichen Franken in die schönste Straße des Chamissokiezes - von ihren Bewohnern auch ironisch-stolz die Oberstadt genannt – verschlagen: In die Fidicinstraße zwischen die Schuhmacherei Reißender Absatz und die Tanzschulen Maxixe und Walzerlinksgestrickt. Nach einer fristlosen Kündigung ihrer Bamberger Altstadt-Geschäftsräume überredeten die in Kreuzberg lebenden Kinder die Eltern zum Neuanfang in Berlin. Leben ist Bewegung. Und wie der Zufall es wollte, bot eine Anzeige die Räume der alten Fidicinklause an. Nach aufwendiger Renovierung verflog der letzte Kneipengeruch, und seit drei Jahren stehen im ehemaligen Gastraum glänzende Schuhe in Reih´ und Glied.

...Dancing in the street...

Eine junge Frau betritt zielstrebig das Geschäft. Ulrich holt stapelweise Kartons aus dem Lager, das früher die Bouletten-Küche war. Gisela berät die Kundin, die noch am gleichen Abend zu einer Salsaparty gehen will. In den hochhackigen Schuhen wird jedes Aschenputtel zur Prinzessin. Die schmalen Riemchen verzaubern den Fuß in eine zierliche Skulptur. Nun stolziert sie durch den Raum zum Spiegel, wiegt sich in den Hüften, dreht sich auf dem Quadratzentimeter großen Absatz in improvisierten Tanzschritten.

...Let´s dance! ...Put on your red shoes...

Überall liegen jetzt Schuhe und offene Kartons. Aber was macht eigentlich einen guten Tanzschuh aus? Bequem, robust und flexibel muss er sein, die Ferse stützen, perfekt passen, eine dünne Sohle aus Rauleder für das Parkett oder aus gutem Glattleder für den Außenbereich muss er haben. Schön wie eine Prinzessin, begehrenswert wie eine Dancing Queen muss man sich in ihm fühlen. »Nur: Wie kann man auf diesen hohen Absätzen stundenlang tanzen?«, fragt sich die in den 70er, 80er Jahren sozialisierte Paartanz-Verweigerin mit den zwei linken Füßen. Damals war kopfschüttelndes Stampfen zu langen Gitarren- und Schlagzeugsoli angesagt, später Pogo, der Tod des Paartanzes. ...Dancing with myself... Dazu brauchte man Boots, Stiefel, Turnschuhe. Und keine Riemchensandaletten. Die Salsa-Königin aber weiß was sie will und kann. Sie wird federleicht durch den Abend kreiseln. Der Schuh Donna aus der Linie Nueva Epoca von Werner Kern, acht Zentimeter hoch, »Made in Italy« und mit einer glänzenden Oberfläche wie die Haut einer Schlangenkönigin ist ihre Wahl.

...I like to move it, move it...

Während sie die Schuhe wieder einräumt, die Wildledersohlen aufraut und die Falten, die durchs Probieren entstehen, mit dem Fön wegbläst, erzählt Gisela, wie sie sich entschlossen, das Tanzschuhgeschäft des Schwiegervaters, Standardtänzers und ehemaligen Studienrats Hans Zeller zu übernehmen. Hans Zeller war bekannt als Kapazität in Sachen Tanz. Nachdem er zuerst noch Schuhe bei Tanzfesten verkaufte, eröffnete er in den 50ern das erste Spezialgeschäft mit Versand in ganz Deutschland. Von der Eigenmarke Zeller existiert noch der rote Damenschuh Malena, Giselas Lieblingsschuh.

...play that funky music...

Uli und Gisela lernten sich 1980 ganz klassisch in einer Stuttgarter Disco kennen. Sie studierte Textildesign, dann Philosophie- und Kunstgeschichte, jobbte im Theater. Er hatte eine Fotografenausbildung gemacht. Es funkte, seitdem dreht das Paar seine Lebenskreise gemeinsam. 1992, mit kleinen Kindern, war für Uli und Gisela der richtige Zeitpunkt für den Schritt in die Selbständigkeit gekommen. Vier Jahre später erkannte Uli als erster in der Nischenbranche die Zeichen der Zeit und stellte auf Onlinehandel um. Und ist erfolgreich damit.

»Trotzdem lebt das Geschäft nicht nur vom Internet, sondern auch von guter Beratung, von den Sonderanfertigungen und einem intensiven Kontakt zum Kunden.« Immer wieder müssen Retouren bearbeitet werden, da oft probeweise bestellt wird. Manche kommen gezielt ins Geschäft, um die Schuhe live zu sehen und zu probieren.

...Saturday Night Fever...

Was wird am meisten getanzt? Es gibt Wellen, meint Uli. Viel Swing. Salsa wird zur Zeit vom sportlichen Zumba zurückgedrängt. Aber vor allem der Tango ist in Berlin ganz groß. Ob draußen wie im Monbijoupark oder drinnen wie bei den Tangonächten im Walzerlinksgestrickt, Tango Argentino im Traumtänzer im Flughafengebäude oder Milonga im Medialuna am Südstern: Berlin ist Tango-Hochburg. Berlin tanzt. Vielleicht tanzten die Kneipengäste sogar genau hier vor 50 Jahren zu den Klängen der Musikbox? Ein Foto von 1972 zeigt die Dreharbeiten zum Musical-Film Cabaret vor der Fidicinklause. Vor 40 Jahren brachten die Hausbesetzer hier »die versteinerten Verhältnisse zum Tanzen«, wie es Karl Marx poetisch formulierte. Die vielen Tanzschulen von heute zeugen von einer Renaissance des klassischen Gesellschaftstanzes in Kreuzberg. Wie auch immer, was sagt uns der gehobene Zeigefinger von John Travolta?: Bewegung ist alles! •


Foto: Edith Siepmann

Nicht nur auf der Tanzfläche ein Paar: Gisela und Ulrich Zeller




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