Kreuzberger Chronik
Oktober 2019 - Ausgabe 213

Strassen, Häuser, Höfe

Die Hasenheide 61a


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von Werner von Westhafen

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Die neue Wohnung von Mildred und Arvid Harnack liegt am Südstern im vierten Stock. Die Wände haben sie in hellen Pastellfarben und dunklem Grün gestrichen. Mildred ist glücklich in ihrem »sonnendurchfluteten Zimmer«, an die Mutter schreibt sie: »Das Zimmer mit seinem türmchenartigen Erker sieht nun wunderbar aus mit all den Blumen, die in verschiedenen Vasen an den hellgelben Wänden stehen. Unter der Lampe sitzt mein Arvid am Schreibtisch, den Kopf in die Hand gestützt, und liest Zeitung.« Und gegenüber sei ein nettes Restaurant, in dem man reichlich essen könne, manchmal spazierten sie abends bis zum Urbanhafen.

Stefan Heym, dessen Verwandte dort gewohnt hatten, schrieb in seinen Memoiren: »Noch waren sie nicht viel mehr als ein sympathisches, junges Akademikerehepaar mit entschiedenen Ansichten über das Gesindel, das in Deutschland zur Macht gekommen ist.« Aber das sollte sich bald ändern. Denn die »samstäglichen Teestunden« - kleine literarische Zirkel, zu denen Verleger wie Herr Rowolth und Autoren wie Fallada erschienen - bekamen allmählich einen politischen Charakter. Während »in der Turmecke Kerzen brannten und hübsche Blumen standen«, und während Mildred »ein Tablett mit dünnen Brotscheiben reichte, belegt mit Butter und feiner Leberwurst, Tomaten und Käse«, fiel in den Diskussionen immer häufiger der Name Hitler. Die Wohnung wurde zur Keimzelle des Widerstandes. Zehn Jahre lang verhalfen die Menschen, die hier zusammenfanden, Juden und politisch Verfolgten zur Flucht, vernetzten Gleichgesinnte und kämpften gegen die Legende vom siegreichen Ende des Krieges.

Die Harnacks bleiben nur kurz am Südstern, schon im Herbst 1934 schreibt Mildred, es werde allmählich zu laut am Platz: »Wir haben den Eindruck, dass sich der Verkehr in den letzten zwei Jahren verzehnfacht hat.« Vielleicht, vermutet Mildred Harnacks spätere Biographin Blair Brysac, ist die Hasenheide aber auch zu gefährlich geworden für die Harnacks: »Der Wannsee hatte den Vorteil, von den wachsamen Augen der Gestapo weiter entfernt zu sein.«

Zudem ist man am Wannsee näher bei der Verwandtschaft Arvids, einer angesehenen Familie, die Schutz zu bieten schien. Arvid ist der Sohn eines angesehenen Literaturprofessors aus Darmstadt und Neffe des Theologen Adolf von Harnack. Er hat in Gießen über die vormarxstische Arbeiterbewegung der USA promoviert, Studienreisen in die Sowjetunion organisiert, an der Universität unterrichtet, und er tritt zur Tarnung 1937 sogar der NSDAP bei und wird Oberregierungsrat. Dennoch gerät er ins Visier der Gestapo, die Harnacks ziehen vom Wannsee zur Stadtmitte, dann an den Saarower See, wo Mildred an ihrer Doktorarbeit schreibt. Manchmal schläft das Paar, aus Angst vor der Verfolgung, bei Freunden. Längst hat Arvid seiner Frau ein Ticket besorgt, mit dem sie jederzeit aufs Schiff kann. Ihren amerikanischen Ausweis hält Mildred stets griffbereit. Aber sie weicht nicht von der Seite ihres Mannes, auch dann nicht, als die Nazis einen Funkspruch der Roten Kapelle um Arvid Harnack und Schulze Boysen abfangen. Sie schreibt der Mutter: »Ich muss da sein, wo der Feind steht!« Mildred Harnack, so eine Freundin, hasste Hitler leidenschaftlich.

Als die ersten Mitglieder ihrer Gruppe verhaftet werden, fahren die Harnacks in den Urlaub an die Kurische Nehrung in ein kleines Haus am Meer. Schweden ist nur noch ein paar Stunden mit dem Fischerboot entfernt, doch morgens klopft die Gestapo. Der Regierungsrat werde in Berlin gebraucht. Mildred macht das Bett, packt die Koffer, rückt die Blumen zurecht, streicht die Tischdecke glatt.

Man bringt die Beiden in die Folterkeller der Prinz Albrecht Straße, es dauert drei Monate, bis sie sich vor Gericht wiedersehen. Die junge, schöne Frau ist plötzlich alt geworden. Als die Urteile verlesen werden, ist unter den zehn zum Tode Verurteilten auch Arvid. Mildred erhält sechs Jahre. Arvid nickt und lächelt ihr aufmunternd zu.

Doch Hitler weigert sich, Mildred Harnacks Urteil zu unterschreiben. Sie muss noch einmal vor Gericht, geschwächt von Tuberkulose, längst ein Schatten ihrer selbst. Die letzten, die ihr begegnen, beschreiben eine schweigende Frau in einem grauen Mantel auf dem Gefängnishof, die Kapuze tief ins Gesicht gezogen. Ihr Mann ist tot, erhängt mit neun anderen, im Fünfminutenrhythmus. Sie hat ihn nicht mehr sehen, nicht mehr sprechen dürfen. Sie hat nur noch diesen letzten Brief von ihm, geschrieben am Tag seiner Hinrichtung: »Erinnerst Du Dich noch an Picnic Point, als wir uns verlobten? Ich sang vor Freude frühmorgens im Club. Und noch vorher an unser erstes Gespräch beim Mittagessen im Restaurant in der State Street? Dieses Gespräch wurde mein Leitstern. Wie oft haben wir in den folgenden 16 Jahren den Kopf einander auf die Schulter gelegt, des Nachts, wenn das Leben uns müde gemacht hat...«

Mildred sitzt an ihrem letzten Tag über ein Buch gebeugt und übersetzt ein Gedicht von Goethe: »Kein Wesen kann zu nichts zerfallen....« Noch in jenem Raum, in dem sie sich zum letzten Mal umzieht, überreicht sie der Wärterin ein Buch und schreibt eine Widmung auf die erste Seite: »In Erinnerung an den 16. II. 43 in dem Zimmer, wo der schöne Baum durchs Fenster zu sehen war.«

Zwei Beamte führen Mildred Harnack, die Hände auf dem Rücken gefesselt, zum Schafott. Sie erhalten für diesen Gang eine Zusatzration von acht Zigaretten. Drei Minuten vor 19 Uhr, so vermerkt es das Protokoll, wurde »Frau Dr. Mildred Harnack-Fish, vierzig Jahre alt, - Ehefrau des verstorbenen Ministerialbeamten Dr. Arvid Harnack, Lehrbeauftragte für englische und amerikanische Literatur an der Friedrich-Wilhelms-Universtität und Goethe-Übersetzerin, enthaup-tet.« Nach sieben Sekunden, so das Protokoll, war sie tot. •

Literaturnachweis: Mildred Harnack und die Rote Kapelle, Shareen Blair Brysac, Scherz, 2003.

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