Kreuzberger Chronik
Oktober 2019 - Ausgabe 213

Kreuzberger
Steve Morell

Ich möchte einmal im Leben meine Steuer rechtzeitig abgeben!


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von Hans W. Korfmann

Titelfoto: Patzrick Citera

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Steve Morell hat viele Gesichter und viele Namen. Ganz am Anfang, in Fulda, hieß er Stephan Gerhard Kraus. Später, als die Sex Pistols die Bühne betraten und die Schlaghosen schon wieder aus der Mode waren, nannten sie ihn Stevie. Und noch etwas später riefen sie, wenn er im Jugendclub auftauchte: »der Gasmann kommt«. Weil der Vater ein stadtbekannter Installateur war.

Natürlich wollte der Vater, dass der Sohn ein richtiger Gasmann wird und die Firma übernimmt. Aber der Sohn interessierte sich nicht für Gas- und Wasserleitungen. »Ich wollte lieber helfen.« Also begann er eine Ausbildung zum Krankenpfleger. Und kaufte sich eine Gitarre, heimlich, weil sein Vater der Meinung war, alle Gitarristen seien schwul. Der Vater verfluchte den Sohn, der statt »Gas, Wasser, Scheiße« lieber Musik machen wollte, und der ihm zu allem Überfluss eines Tages auch noch auf seinen schönsten Orientteppich kotzte. Woraufhin der Vater den Sohn behandelte, »wie einen Hund, der noch nicht stubenrein war: Er drückte mich mit dem Gesicht in die Kotze.«

Das war das Ende von Stephan Kraus. Wenn Steve Morell heute Steve Morell heißt und dieser Name sogar im Pass steht, dann ist das keine Allüre, sondern eine Konsequenz. »Ich wollte mit diesem Namen nichts mehr zu tun haben.« Er plante den Ausstieg, und als im Jugendclub ein musikalischer Nachwuchswettbewerb ausgerufen wurde, trommelte er seine Freunde zusammen und sagte: »Ich hab uns da angemeldet.« - »Wir haben doch noch nie geprobt!« - »Egal, wir machen Punk. Wir holen uns Blech vom Schrottplatz und legen los.« Leider wurden die jungen Chaoten, die ihr Projekt »The Hammer Is Falling Down Now« nannten, von der Bühne vertrieben und erhielten Hausverbot. Der Presslufthammer war zu laut. Auch beim zweiten Auftritt im »Kreuz« erhielt der Gasmann mit seiner Punk-Truppe Hausverbot.

Im »Kreuz« war es auch, wo eines Abends Dirk auftauchte und sagte, er fahre nach Berlin. Stevie bekam große Augen: »Wann fährst Du los?« - »Heute Abend!« - »Hast Du noch Platz?« - »Klar!« Also schauten sie kurz in Stevies Wohnung vorbei, packten Klamotten, den Plattenspieler und 500 Platten ein. Und fuhren los. Mitten in der Nacht. Inzwischen, 35 Jahre später, ist Steves Plattensammlung fast auf 10.000 Exemplare angewachsen. 1984 aber stand der Gasmann noch am Schlesischen Tor und wusste nicht, wohin. Er rief zwei Punkerinnen an, die nach Berlin gezogen waren: »Hier ist der Gasmann!« Die Beiden waren nicht abgeneigt, Stevie für ein paar Tage am Lausitzer Platz aufzunehmen. Aber »der ewige Steviiii ging mir ordentlich auf die Nerven.« Und als ihn der »Mann mit dem kleinen Laden am Lausi« fragte, wie er denn eigentlich heiße, sagte er kurz: Steve.

Der Mann, der ein Regal voller Raki und ein paar Kästen Bier im Hinterzimmer hatte, hieß Atila, und fragte irgendwann: »Steve, kannst Du mir bisschen helfen? Machen wir zusammen Punkkneipe?«


Photo © by Cinzia Camela, Marcelo Burlon SS-19 Show








Der Pink Panther wurde schnell zu einer Institution, die bis heute tief im Gedächtnis der 80er-Jahre-Berliner verankert ist. Hier wurde aus Stevie allmählich Steve, der Platten auflegte. Nicht nur im Pink Panther, sondern mit Dr. Motte im Blockshock, im Ex & Pop oder im Trash, das damals noch Frank Weber gehörte, der dann irgendwie zum Chef der Berliner Hells Angels avancierte. »Der hat jetzt ´nen Tattooladen! Kürzlich traf ich ihn mit seiner Harley vorm Lidl, fünf Plastiktüten am Lenker. Ich sag, Mann, komm, die fallen doch runter, ich bring die dir mit dem Auto nachhause. Und Frank sagte: Hast du eigentlich kein Tattoo? Komm, ich mach dir eins.« Dann verewigte er Steves Plattenlabel-Logo in eleganten Lettern gleich über dem Handgelenk. .

Denn Steve hatte inzwischen sein eigenes Label. Nach zehn Jahren Punk und Blockshock brauchte er ein »Berlin-Brake.« Also fuhr er 1994 nach London, um mit den Sisters of Mercy durchs Land zu touren. Eines Tages, bei irgend so einem DJ-Gig, wollten sie unbedingt seinen »Beinamen wissen. Da kam es dann wie aus der Pistole geschossen: Morell! Steve Morell!«

Natürlich ist sein Label ein Independent-Label, dennoch wollte er die Musiker fair bezahlen. »Fiftyfifty!« Er hatte schon immer helfen wollen. Ob Kranken oder Musikern, das war egal. Aber so ein Platten-Label war ein schlechtes Geschäft, selbst die Musiker sagten irgendwann: »Hey, Steve, das geht so nicht. Du musst ein bisschen mehr nehmen!« Den guten Rat der guten Freunde hat er dann auch irgendwann berücksichtigt, aber zum Zahlen der Londoner Mieten reichte es trotzdem nicht. Steve zahlte für 20 Quadratmeter soviel wie in Berlin für eine ganze Fabriketage.

Also schlug er Ende der Neunziger sein Headquarter wieder in Kreuzberg, in der Reichenberger Straße auf, »ein riesiger Saal, 200 Meter. Vorne waren mein Office und mein Tonstudio - hinten die Schlafkoje, gerade groß genug für eine Doppelbettmatratze«. Jahre lang schlief und arbeitete er in ein und demselben Raum. Bis es nicht mehr ging. Punk ist anstrengend. Er sehnte sich schon nach Normalität! »Ich musste da raus, ich hatte nur zwei Quadratmeter Rückzugsfläche, und vorne war immer Party.« Aber wohin er auch kam: die Party ging weiter. »Ich kam aus Kreuzberg nie wieder raus!«

Die nächste Station war der Laden in der Böckhstraße. Er packte seine Platten zusammen, verließ die Fabriketage und räumte Rechner, Drucker und Aktenordner hinten in die Regale und acht Frauenbeine aus der Strumpfabteilung von Karstadt vorne ins Schaufenster. Neben den Leuchtkasten aus dem Jüdischen Museum, auf dem in fetten Lettern Masochismus stand. Weshalb Frau Gasche, die Nachbarin, ihn auf offener Straße einen »perversen Lüstling« schimpfte. Und die Touristen ständig vor seiner Scheibe stehen und rätseln, was diese Deko wohl mit Pale-Music-International zu tun hat.

Im Keller der Böckhstraße richtete er sich sein Studio ein und in der O-Straße eine Wohnung. Mit hohen Regalen voller Platten und Videos. Dafür ohne Fernseher und ohne Internet. Das Punkerleben ist anstrengend. Ein echter Kreuzberger braucht Pausen.

Morell ist ein echter Kreuzberger. Er sagt: »Kreuzberg ist meine DNA!« Er wohnte am Lausitzer Platz, am Mariannenplatz, in der Reichenberger, im Rauchhaus und in der Oranienstraße. Es war immer Kreuzberg, nur ein winziger Abstecher nach Neukölln ist dabei, da wohnte er in der Weserstraße, Ecke Wildenbruch. Gleich über Kathi, die von Männerbesuchen lebte, und die ständig nach Papierrollen fragte: »Steviii« - sie war eine der wenigen, die immer noch Stevie sagen durfte - »Steviii, hast Du vielleicht noch ein paar Haushaltsrollen für mich. Können auch zwei Rollen Klopapier sein...«

Es gab noch andere, die ihn Stevie nannten, aber für die meisten war er jetzt Steve Morell. Die Stadtmagazine schrieben über ihn, die Fernsehsender filmten ihn, die Radiosender spielten ihn. Er nahm Platten auf mit Andrew Unruh und Alexander Hacke von den Neubauten, Nina Hagen ließ sich in seiner Kneipe die Haare ankleben. Steve wurde zum Vorzeigepunk.

Doch für ihn gibt es mehr als nur Punk. »Es gibt so viel gute Musik. Und ich will das alles auf die Bühne bringen: Punk, Techno, New Wave, Elektro.... Und wo ist eigentlich der Rock´n´Roll geblieben?« - Wieder einmal sagten seine Freunde: Du bist verrückt. Das geht schief.

Aber es ging nicht schief. Zwischen 2003 und 2008 füllte er mit seinem internationalen Berlin Insane-Festival Tage lang die Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz. Mit einem Musikprogramm, das mindestens so atemberaubend war wie der erste Auftritt mit dem Presslufthammer. Als der alte Gasmann den Sohn in der Tagesschau sah, sagte er nur: »Der sieht aus, als nimmt er Drogen!« Das hat der Sohn nicht vergessen. Er vergisst auch die kleinen Proviantpakete nicht, die ihm die Mutter heute noch schickt, und immer, wenn wir telefonieren, fragt sie, »seit etwa vierzig Jahren: Junge, hast Du was Ordentliches gegessen?« Das rührt ihn. Und er ist sich sicher, wenn sie einmal krank oder schwach werden sollte, dann wird er sie nach Berlin holen. Dann wird er sich um sie kümmern. Er hat schon immer helfen wollen. »Und ich muss doch auch mal was zurückgeben.«

Steve Morell, das ist kein falscher Künstlername. So wie seine Gesichter keine falschen Gesichter sind, sondern echte Facetten seines Charakters. So unterschiedlich, dass man ihn manchmal nicht wiedererkennt. Mit Brille, mit Krawatte, als Geschäftsmann, als Punker, als Sohn – er ist jedes Mal ein anderer. Das lieben die Agenturen, und es war nur eine Frage der Zeit, bis der Berliner Punk, der regelmäßig in TIP und Zitty und taz zu sehen war, auch im ZEIT-Magazin, in der Vogue oder im Guardian auftauchte.


Mit Gitarre, Photo © Courtesy of Morellancholy Archives











Aber dass er 2016 für Balenciaga auf dem Laufsteg landen würde, damit hatte selbst er nicht gerechnet. »Ich bin doch noch nie gelaufen, ich weiß doch gar nicht, wie das geht« - »Vollkommen egal! Die wollen Dein Gesicht!«, sagte seine Agentin, »Das ist eine einmalige Chance, du gehst da hin!« Also flog er nach Paris, einer von fünfzig, von denen zwanzig gleich am nächsten Tag wieder nachhause geschickt wurden. Nicht aber Steve. »Lauf mal!«, sagte eins von den Mädchen, die da »ständig an einem herumzuppeln«, und Steve lief, drei Meter hin, drei zurück, und sie sagte nur: »Top!« -

Und dann lief er über den Steg, zur Probe, ein Spießrutenlauf durch die Reihen der Richter, die auf den Sofas saßen und die Daumen nach oben oder nach unten wendeten. Und dann fragt ihn einer mit ´ner Basecap auf dem Kopf, wie er denn das findet, was er da trägt. Und Steve sagt: »Also die Hose, die ist super, das ist oben so´n Zwanzigerjahre-Stil, ganz locker auf der Taille, und unten dann Hip-Hop, die find ich super. Aber die Schuhe, naja...« – »Gut!«, sagte der Typ, genau so hab ich mir das gedacht, oben Zwanziger, unten die Neunziger.« Steve verstand: Er hatte mit dem Chefdesigner gesprochen. Dem Modefürsten. Und damit war alles klar.

Zwei Stunden nach der Show war er bereits online auf der ersten Seite der Vogue, zwei Tage später im Guardian. Und seitdem läuft der alte Punk, der heimliche Rock´n´Roller, der einmal in zerfetzten Klamotten mit dem Presslufthammer auf der Bühne des Jugendclubs stand, in Luxusklamotten über die Laufstege dieser Welt, fliegt nach Amsterdam, Paris und Mailand. Taucht kurz ins Blitzlichtgewitter und verschwindet wieder. Und ist jedes Mal froh, wenn er wieder hier ist. In seinem alten Kreuzberg.

Manchmal gucken sie ihn von der Seite an, als hätte er den Punk verraten. Einer, der von der Musikerbühne auf den Laufsteg wechselt. »Aber Mode hat auch beim Punk immer eine Rolle gespielt. Ich finde es jedenfalls nicht schlimm, wenn es in der O-Straße nicht nur teure Stulpenstiefel, sondern auch Klamotten von Versace gibt.«

Punk ist eben unberechenbar. Voller Überraschungen. Und anstrengend, manchmal sehr anstrengend. Steve Morell lächelt, wenn er nach dreißig Jahren der Ruhelosigkeit seiner heimlichen Sehnsucht nach einem ganz normalen Leben mit einem Satz Ausdruck verleiht, der am Ende der Memoiren stehen könnte, an denen er gerade schreibt: »Ich möchte wenigstens einmal im Leben meine Steuererklärung pünktlich im Mai abgeben können!« •

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