Kreuzberger Chronik
Oktober 2019 - Ausgabe 213

Reportagen, Gespräche, Interviews

Der fliegende Zirkus


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von Hans W. Korfmann

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Der Senat möchte gerne bauen auf dem Tempelhofer Feld. Aber das THF-Gesetz erlaubt keine Häuser auf der Wiese, erlaubt sind nur fliegende Bauten. Also ließ er schon mal Zirkuszelte aufstellen. Doch auch die dürfen laut Gesetz nur bis zum Jahresende bleiben. Was nun tun?

Die Geschichte begann vor 20 Jahren. Als man die ersten Bäume am Columbiadamm fällte. Um dort, wo sich noch eine romantische Radspur durch die Wurzeln alter Eichen schlängelte, einen asphaltierten Radweg anzulegen. Uralte Eichen wurden umgelegt, zu einer Zeit, als sich die wenigen Radfahrer Kreuzbergs noch mit Handzeichen begrüßten. Aufmerksame Be- obachter stellten sich die Frage: Weshalb gibt der Senat so viel Geld für einen Radweg in einer menschenleeren Gegend aus? Zwei Jahre später, als man die Schließung des Flughafens Tempelhof beschloss, war klar: Man begann damit, den Boden für eine künftige Bebauung des Tempelhofer Feldes zu ebnen.

Inzwischen sind die Radwege auf beiden Seiten des Columbiadammes stark frequentiert. Allerdings noch nicht von den Bewohnern des künftigen Columbiaviertels, sondern von Menschen, die das Leben auf Berlins größter Wiese genießen. Es sind Zehntausende, die an schönen Tagen das alte Feld zwischen dem ehemaligen Dörfchen Tempelhof und dem Berliner Stadtrand im Süden besuchen. Auch an diesem grauen Septembertag sind sie unterwegs. Sie sind auf dem Weg zu den gelben Zelten, die der Zirkus Cabuwazi 2017 auf dem Feld aufgeschlagen hat. Seit 25 Jahren lässt der Kinderzirkus den Berliner Nachwuchs auf Bällen balancieren und auf Trampolinen springen. Cabuwazi ist ein echtes und erfolgreiches Alternativprogramm zum Schulalltag, eine Initiative aus dem Volk fürs Volk, bei der die Politik lediglich Geld, nie die Ideen zusteuern durfte.

Grund genug, das Jubiläum mit den kleinen Artisten zu feiern. 10.000 sind es inzwischen, die alljährlich an fünf Standorten in der Stadt an Seilen hochklettern wie Urwaldäffchen, durch die Luft segeln wie Fledermäuse, Pyramiden bauen fast bis unter die Zirkuskuppel. Sie stehen auf den Händen oder auf dem Kopf, liegen auf dem Boden oder dem Seil, stehen zu dritt auf einem Ball, schlagen Salti im Rhythmus zur Musik. Sie sind Jungen und Mädchen, tragen Rastalocken, Hüte oder blonde Haare, kommen aus aller Welt und strecken nach vollbrachten Auftritten die Arme aus, als stünden sie in der Manege des Zirkusfestivals in Monte Carlo und wollten die ganze Welt umarmen. Es ist beeindruckend und berührend, mitzuerleben, was aus der kleinen Einradgruppe im Hinterhof der Lausitzer Straße geworden ist, die Karl Köckenberger in den Siebzigern um sich versammelte. Heute ist der Mann, der damals noch bei Krupp sein Geld verdiente, Zirkusdirektor. »Ich beschloss, das zu machen, was ich wirklich möchte.«


Der Zirkus ist ein Erfolgsprojekt. Es gibt Kooperationen mit Schülern, mit Flüchtlingsgruppen, mit der Mondiale und mit Sasha Waltz & Guests. Er bietet Unterricht am Vertikalseil und am Trapez an, es gibt Akrobatik- und Jongliergruppen, den Cabuwinzig für die Kleinen und ein offenes Abendtraining für die Großen. Fast alles ist kostenlos. »Es gibt niemanden, der diesen Zirkus nicht mag!«, sagt Köckenberger. »Jeder möchte, dass wir bleiben. Sogar Christiane Bongartz!«

Christiane Bongartz ist einer der führenden Köpfe einer Bürgerinitiative, die die Bebauung des Feldes verhindern möchte. Die Juristin gehört zu den Verfassern des Tempelhof-Gesetzes, aber es stimmt: Auch sie findet, dass der »Zirkus eine wichtige Arbeit leistet« und aufs Feld gehört. »Wir haben überhaupt nichts gegen Cabuwazi. Wir haben nur etwas dagegen, wenn er als Dosenöffner missbraucht wird.«

Die Dose, von der Bongartz spricht, ist so etwas wie die Büchse der Pandora. Wird sie geöffnet, so die Befürchtung, öffnet man zugleich das gesamte Feld für Investoren, Architekten und eine profitorientierte Baubranche. »Machen wir uns doch nichts vor!«, sagt Bongartz: Wenn hier, in allerbester Lage, am Rand der größten innerstädtischen Oase, »gebaut wird, dann entsteht hier kein bezahlbarer Wohnraum.« Wenn hier etwas gebaut wird, dann werden es sündhaft teure Eigentumswohnungen sein.

Die Initiative, die den Naturraum des Tempelhofer Feldes zu 100% erhalten möchte, ist misstrauisch und warf das Bild eines trojanischen Pferdes ins Schlachtfeld, als der Senat heimlich den Kinderzirkus Cabuwazi auf das Gelände schleuste. Ohne dies vorher mit 100% Tempelhofer Feld abgesprochen zu haben, wie es im Gesetz vorgesehen ist. Die Initiative erfuhr erst durch die Presse davon. Das irritiert. »Auch der Zirkus hätte uns doch vorher einmal ansprechen können!« Cabuwazi ist ein Wanderzirkus, der schon lange nach einer Bleibe sucht, und »wir hier mit unserer großen Wiese waren ja nicht so ganz unauffällig. Dann hätten wir bei der Formulierung des Gesetzes den Zirkus doch miteinbeziehen können«, sagt Bongartz.

So aber ist er zum »Büchsenöffner«, zum »Trojaner«, zum Spielball zwischen den befeindeten Parteien geworden, zwischen Senat und Bürgerinitiative. In einem Streit, bei dem der Senat gerade eine Gewinnchance zu wittern scheint. Immer wieder taucht das Thema der Bebauung in den Medien auf, und hatte die Bürgerinitiative 2015 die Presse weitgehend auf ihrer Seite, so scheint inzwischen der Senat die Medienwelt für sich gewonnen zu haben. Insbesondere der Tagesspiegel macht Stimmung gegen die Bebauungsgegner und das Gesetz zum Schutz des Feldes, indem er fünf Jahre nach dem Volksentscheid eine Umfrage startete, um gemeinsam mit der BZ in fett gedruckten Lettern zu verkünden, dass es »eine klare Mehrheit in der Bevölkerung für eine Bebauung« gebe. Am 29. Juni wiederum zitiert er den Senatssprecher: »Ohne eine Änderung des Tempelhofgesetzes gibt es keine Möglichkeit, dass der Zirkus Cabuwazi über die bestehende Befristung hinaus auf dem Feld bleiben darf.« Selbst die taz verspottet jetzt die Bürgerinitiative und mockiert sich über die »Engstirnigkeit dieser Leute, denen es um nicht weniger als ihre Freiheit geht.«

Man machte die Bürgerinitiative zum Sündenbock, indem man suggerierte, sie wolle keinen Zirkus und keine Flüchtlinge auf dem Feld. Doch sollte der Senat gehofft haben, dass sich die vielen Sympathisanten des Kinderzirkus nun auch gegen das Tempelhofgesetz und für eine Bebauung aussprechen würden, dann irrte er. Denn im Grunde ziehen beide, Cabuwazi ebenso wie 100% Tempelhofer Feld, an einem Strang. Beide wollen, dass das Feld nicht an Immobilienhändler verkauft wird, sondern den Berlinern erhalten bleibt: den Gärtnern, den Skatern, den Drachenfliegern, den Zirkuskindern...

Auch der Zirkus teilte im Juli in einem Flugblatt mit, dass es laut Senat »keine Möglichkeit für Cabuwazi gibt zu bleiben«, und sammelte Unterschriften für den Erhalt des Standorts Tempelhof. Es sah aus, als müsse man aufgrund des Tempelhofgesetzes die Zelte abbrechen.

Und dann kam der 7. September. Der Geburtstag. Und dann kam der Bürgermeister mit seinem smarten Lächeln und den guten Nachrichten in der Jacketttasche. Leider hatte er keine Zeit, um sich ein Bild von der Arbeit Karl Köckenbergers zu machen und einen Blick ins Zelt zu werfen, wo Kinder gerade durch die Lüfte wirbelten und anlässlich des Jubiläums und der angesagten Prominenz geradezu über sich hinauswuchsen; wo das Publikum frenetisch applaudierte und jedem klar wurde, dass diese Zirkuswelt ein Ort voller Träume und Optimismus ist, und dass jeder Euro, der hier investiert wird, ein vielfaches wert ist. Der Bürgermeister trat nur kurz ans Mikrophon, um »vom Berliner Senat« Glückwünsche zu überbringen. Denn »das hier ist ein besonderer Standort, wo viele Menschen, die in unsere Stadt gekommen sind aus größter Not, auch etwas anderes erleben können als nur Bürostuben und Ämtergänge, wo sie erleben können, wie wir hier in Berlin zusammenleben wollen.«

Der Bürgermeister machte schöne Worte und beendete seine kleine Rede mit der Ankündigung einer »sehr schönen Neuigkeit«, die sein Staatssekretär anlässlich des offiziellen Festaktes verkünden würde. Er selbst wolle nur sagen, dass der Senat seit Monaten intensiv darüber diskutiert habe, wie der Standort für den Zirkus »auch jenseits des Tempelhof-Gesetzes zu sichern« sei. Und dass man eine gute Lösung gefunden habe.

Doch als Stefan Tidow, Staatssekretär für Umwelt und Klimaschutz, die große Geburtstagstorte anschnitt, sagte auch er nicht viel mehr als zuvor der Bürgermeister: »Die Berliner haben ja vor einigen Jahren entschieden, diesen Ort für Berlin zu erhalten. Ich glaube, dass dieser Ort einzigartig ist, so etwas gibt es nicht in New York, nicht in München, nicht in Wien: So viel Platz mitten in der Stadt. Ich glaube, dass es eine gute Entscheidung war, denn wir brauchen dieses Feld, für den Klimaschutz und als Freiraum für die Berliner. Was die Berlinerinnen und Berliner beim Schreiben des Gesetzes leider vergessen haben, ist hineinzuschreiben: Hier darf ein Zirkus stehen. Und das war ein Problem für uns.« Nun aber sei er »total froh, dass es gelungen ist, einen gemeinsamen Weg zu finden, damit Cabuwazi auch künftig an diesem tollen Ort stehen kann.«

Wie genau die Lösung aussah, die man gefunden hatte, verriet allerdings auch er nicht. Es waren die Mitarbeiter des Zirkus´, die das Geheimnis am nächsten Tag lüfteten. Es gehe, so vermuteten sie, im Grunde um die Definition der Fliegenden Bauten und die Frage, ob ein Zirkuszelt, das länger als drei Jahre an seinem Ort verbleibt, bereits eine feste Installation ist oder nicht. Über diese Frage haben die Juristen im Senat ausgiebig debattiert, und so richtig scheint eine Antwort auch noch immer nicht gefunden zu sein. Denn der Zirkus wird seinen Standort am nordöstlichen Ende der Hangars verlassen und ans südwestliche Ende des Flughafengebäudes an den Tempelhofer Damm umziehen. Damit ist klar, dass ein Zirkuszelt ein fliegender Bau ist. Und damit ist, strenggenommen, auch klar, dass Cabuwazi nach drei Jahren abermals seine Zelte abbrechen und weiterziehen muss. Und so ein Umzug mit vier Zelten ist ein erheblicher Aufwand. Neue Strom- und Wasserleitungen müssen gelegt, die Zelte erneut zwischen den Betonplatten verankert werden.

Doch Karl Köckenberger ist optimistisch. Der neue Standort habe Vorteile, zum Beispiel eine bessere Verkehrsanbindung. Außerdem könne man sich Zeit lassen mit dem Umzug und auch über den Dezember hinaus am jetzigen Standort bleiben. Und auch, was die fernere Zukunft betrifft, so hat man dem Zirkusdirektor offensichtlich Hoffnung gemacht. Bis 2021, so zumindest interpretierten aufmerksame Mitarbeiter seine abwinkende Handbewegung, fließe noch viel Wasser die Spree herunter. Bis dahin also, so interpretieren es die 100%igen Skeptiker, könne es zu einer Neufassung des lästigen Tempelhofgesetzes gekommen sein. Mit Genehmigungen nicht nur für fliegende Zeltplanen, sondern auch für Stahl- und Betonbauten.

Die Mitarbeiter des Zirkus jedenfalls waren mehr als nur enttäuscht über die groß angekündigte Lösung. »Drei Jahre haben wir gebraucht, um das hier aufzubauen. Gerade ist es gemütlich geworden. Wir sind doch gerade erst angekommen! Und jetzt sollen wir ein paar hundert Meter weiterziehen. Das wird Jahre dauern und wieder viel Geld kosten. Für uns ist das eine herbe Enttäuschung. Eine Verarschung. Volkommen absurd.« •

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