Kreuzberger Chronik
Mai 2019 - Ausgabe 209

Herr D.

Der Herr D. und der Architekt


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von Hans W. Korfmann

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Die Nachbarin klingelte. Die, die immer heulte wegen ihrer Steuererklärung. »Wieder Probleme mit Elster?«, fragte der Herr D. und setzte sein freundliches Rentnerlächeln auf.

»Ich habe eine Einladung zu einer Party...« Der Herr D. wollte ablehnen, er fühlte sich wie ein Opa neben ihr. Außerdem standen auf den neumodischen Partys alle mit Sektgläsern herum.

»Lauter Altkreuzberger!«, sagte sie und setzte ihr Enkelkindlächeln auf. So kam es, dass der Herr D. eines Abends in einem ausgebauten Dachgeschoss als einziger mit einer Bierflasche unter lauter Sekttrinkern stand. Man unterhielt sich freundlich, meistens über den Job und den Urlaub. Fünfmal musste er erklären, was er »eigentlich so macht«. Er wollte schon gehen, da sah er seine Nachbarin: Die Bäckchen rot wie ein ausgereifter Elster und wild gestikulierend redete sie auf einen Sekttrinker mit bis zum Kinn verlängerten Koteletten ein.

»Furchtbar, dieses Flüchtlingslager auf dem Flugfeld! Millionen, und die Hälfte steht leer!« Der Sekttrinker drehte das Glas kunstvoll zwischen den Fingern. Der Herr D. holte ein Bier aus dem Kühlschrank.

»Und dieser Zaun! Das sieht doch aus wie an der syrischen Grenze. Das ist doch ein Ghetto, ein KZ.«

Der Sekttrinker sagte: »Ich bin der Architekt von dem KZ. Und Sie gehören sicher zu diesen Leuten, die auf dem Feld Kaninchen züchten wollen anstatt Wohnungen zu bauen, die wir dringend brauchen.«

Der Herr D. prostete der Nachbarin zu und sagte zum Architekten: »Sie reden gar nicht wie ein Architekt! Sie reden eher wie ein Politiker! Sind Sie von der SPD?«

Der SPDler ignorierte die Zwischenfrage und fragte die Nachbarin: »Sie fänden´s also besser, wenn die Leute in Turnhallen schlafen?«

»Nein, aber wenn sie diesen Eheleuten Doppelstockbetten hinstellen wie in der Jugendherberge, dann finde ich das doof.«

»Die kann man auseinanderbauen und nebeneinanderstellen!«

»Hab ich gesehen. Wenn man die umbaut, ist das eine Bett zehn Zentimeter niedriger als das andere! Wissen Sie, was eine Syrerin zu mir gesagt hat, als sie das sah? Die wollen nicht, dass wir auf deutschem Boden Kinder kriegen

»Sie machen doch alles nur schlecht. Die haben jetzt immerhin ihre eigenen vier Wände und eine Küche, in der sie kochen können.«

»Sie reden wirklich wie ein Politiker!«, sagte der Herr D.

»Das haben Sie in der Zeitung auch erzählt!«, rief die Nachbarin. »Aber das ist doch keine Küche, wo man nicht mal Platz zum Sitzen hat. Wo sie den Kühlschrank im Flur aufstellen müssen.«

»Kühlschrank? - Die wissen doch nicht mal, was das ist!«

»Vielleicht ist der gar nicht von der SPD«, sagte der Herr D. auf dem Heimweg zur Nachbarin. »Sondern von der AFD.« •


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