Kreuzberger Chronik
März 2019 - Ausgabe 207

Kreuzberger
Peter Staimmer

Ich gehe zu Adorno nach Frankfurt


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von Michael Unfried

Titelfoto: Holger Groß

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von Michael Unfried

Staimmer, mit »ai« und zwei »m«, erklärt er nun schon seit über siebzig Jahren. Immer wieder muss er seinen Namen buchstabieren, auf den Ämtern, beim Zahnarzt, schon in der Schule verpasste man ihm einen Spitznamen, der wie ein Codewort klang: AI-2M. Staimmer mit zwei »m« ist selten, mit einem »m« gibt es ihn öfter. Sogar einen Mörder namens Staimer gab es, und da hatte Peters Ururgroßvater etwas dagegen, dass er den Namen eines Mörders tragen sollte, und ließ das zweite »m« einfügen, im Rathaus, mit Brief und Siegel.

Sein Ururenkel wurde also mit zwei »m« geboren, mitten im 2. Weltkrieg, und er war nicht einmal fünf Jahre alt, als sie bei einem Bombenangriff in Straubing verschüttet wurden. »Nachdem man uns wieder ausgebuddelt hatte, sagte meine Mutter: Wir ziehen aufs Land.« Ein paar Tage später liefen sie über ein Feld, die Mutter mit drei Kindern an der Hand, und dann kam ein Flugzeug im Tiefflug und schoss auf sie, »gleich zweimal! Wahnsinn!« Später, im Dorf, kam ihnen ein Zug mit KZ-Häftlingen entgegen, lauter ernste Gesichter, und keiner im Dorf sagte etwas, »das war so gespenstisch, dass ich geschrien habe. So laut, bis ich es selbst nicht mehr hörte!«

Als der Krieg vorbei war, kam der Vater heim. Peter flehte die Mutter an: »Der fremde Mann soll wieder gehen!« Aber der fremde Mann blieb. Wirklich nah kamen sie einander nie. Stundenlang stand Peter am Fenster und wartete darauf, dass die Mutter unbeschadet von ihren Hamstertouren zu den Bauern zurückkam. Das Leben war bitter am Anfang, Süßes gab es nie, viele Jahre lang träumte Peter davon, Konditor zu werden. Aber es wurde kein Konditor aus diesem Kriegskind, das die KZ-Häftlinge nie wieder vergaß. Peter Staimmer wurde einer, der die Welt verändern wollte.

Dazu hatte er viele Vorschläge. Er warf nur so um sich mit Ideen, und die anderen fingen sie auf. Michi Wedrich zum Beispiel verwirklichte seine Idee vom Kinderbauernhof in der Adalbertstraße. Es gibt ihn heute noch. Auch die Idee mit den Hausbesetzungen stammte, so Staimme, eigentlich von ihm und »nicht von Ludszuweit«. Es war Staimmer gewesen, der mit seiner Freundin in Rudow die erste Berliner Wohnung besetzt hatte, und als er Ludszuweit auf der Straße traf, erzählte er ihm davon. »Ok, das machen wir dann in der Görlitzer Straße auch!«, sagte der. Und jetzt heißt es überall, in der Görlitzer Straße hätte das mit den Hausbesetzungen begonnen.

Aber so ist sie eben, die Geschichtsschreibung: Ungenau und manchmal ungerecht. Vielleicht würde Peter Staimmer sich amüsieren über diesen faulen Zahn der Zeit, der an allem nagt. Aber wenn man in jeder Berliner Kneipe, die man betritt, sofort erkannt wird, und wenn jeder gleich »Schweinebraten!« ruft, nur weil irgendein Redakteur der Frankfurter Rundschau geschrieben hatte, Staimmer rufe nach jedem 3. Bier zur Revolution gegen das Schweinesystem auf, und anschließend ginge man Schnitzel oder Schweinebraten essen, »dann nervt einen das irgendwann! Ich konnte nirgendwo mehr in Ruhe ein Bier trinken, immer riefen sie: Schweinebraten, Schnitzel!« Als hätte er nicht wirklich ein Leben lang für eine Sache gekämpft.

Peter Staimmer ist keine Berühmtheit, er steht immer ein kleines Stückchen neben den Berühmten. Er mag das Rampenlicht nicht, verabscheut Personenkult. Aber wer sich ein bisschen beschäftigt hat mit den 68ern, mit dieser Generation, die die Welt verändern wollte, der kennt ihn. Er war überall dabei. Sogar in Venedig, 1966, als Alexander Kluge mit Abschied von Gestern den Silbernen Löwen gewann. Peter spielte eine kleine Nebenrolle, aber er stand Kluge auch ein bisschen als Berater zur Seite, und natürlich angelte sich auch der kluge Kluge die eine oder andere Idee aus dem Fundus des Peter Staimmer. »Die Szene mit der Großmutter zum Beispiel, die kam von mir. Das war in meiner Studentenbude gewesen, ich hatte Damenbesuch, und die Wirtin klopfte schon wieder wütend an die Zimmertür. Da hab ich zu meiner Freundin gesagt: Du, du bist jetzt die Gräfin von Soundso, verstehst du... – und dann hab ich die Tür geöffnet und gesagt: Werte Frau, darf ich Ihnen die Gräfin von Soundso vorstellen..., und die Wirtin war gleich begeistert und wollte uns zum Frühstück einladen.«

Staimmer war auch beim Essen in Venedig dabei, als der Chef der Jury an den Tisch kam und Kluge persönlich gratulierte. »Ich werde nie vergessen, wie Kluge ihm die Hand zum Handkuss hinhielt – wie eine Tunte! Ich habe mich geschämt!«

Natürlich waren Kluges Filme politisch korrekte Filme, aber auch politisch korrekte Filmemacher sind nicht frei von Eitelkeiten. Nicht einmal politisch korrekte Schriftsteller wie Peter Handke waren frei davon. »Der hatte gerade seine Publikumsbeschimpfung aufgeführt und feierte den Erfolg in einer Kneipe an der Kaiserstraße mit exzentrischen Tanzeinlagen.« Dreimal erklärte ihm der Zuhälter, dass die Tanzfläche ihm nicht alleine gehöre, dann kassierte Handke einen rechten Haken. »Und dem fiel nichts anderes ein, als die Polizei zu rufen. So landeten wir im Knast.« Handke war zwei Stunden später wieder auf freiem Fuß, Staimmer dagegen hat ihm die erste Nacht in einem Gefängnis zu verdanken. Es sollten noch viele folgen, »an die fünfzig oder sechzig Verhaftungen werden es schon gewesen sein!«

Immer wieder stolperte Staimmer über die Eitelkeiten anderer. »Wir sind doch gegen Personenkult!«, sagte er zu Dutschke, aber Dutschke »in seiner großzügigen Art« meinte nur: »Ach, das nutzen wir für unsere Sache!« Daraufhin hat Staimmer den Studentenführer aus seinem Film kurzerhand wieder herausgeschnitten. Eve of Destruction hieß der Streifen, für den er auf dem Frankfurter Undergroundfestival 1967 stürmischen Beifall erhielt. Auch sein nächster Film, Kontokorrent, war ein Erfolg, auch wenn er in München für hitzige Diskussionen sorgte: »Die einen riefen Scheiße, die anderen Bravo. Aber mehr kann man sich eigentlich nicht erwarten von einem Film!«

Auch von der K1 war Staimmer enttäuscht, trotz Kunzelmann, Langhans und Bommi Baumann. »Die saßen jeden Morgen im Büro und lasen, was die Zeitungen heute über sie schrieben.« Nach einem halben Jahr fuhr er wieder nach München. Dorthin, wo seine politische Laufbahn begonnen hatte, ganz am Anfang der Sechzigerjahre, als er noch Jura studierte, um die Welt zu verändern. Und als sie sich, wenn die Kneipen zur Sperrstunde die Türen verriegelten, in Peters sturmfreier Bude trafen. Sie nannten sich San Pedro Group, und das war eine »Super-Clique, da saßen Automechaniker, Philosophiestudenten und Maler nebeneinander, genau so, wie es sein sollte. Sogar einer von den Rothschilds war dabei!«

Sie planten die Revolution, und 1962 schien es endlich so weit zu sein: Als zwei Straßenmusiker verhaftet und ins Gefängnis gesteckt wurden, gingen sie mit zwanzig Leuten auf die Straße. »Wir stellten uns vor die Straßenbahn auf der Leopoldstraße und hielten den Verkehr auf, bis die Polizei kam.« Die tat, als wäre der Krieg ausgebrochen, und verfolgte die Studenten bis in die Wohnungen hinein und prügelte wie wild drauflos. »Ich weiche keinen Zentimeter zurück«, sagte Peter, aber im nächsten Moment bekam er von hinten einen Knüppel übergezogen. »Da bin ich zu Boden gegangen. Ich sah nur noch Pferdehufe. Trotzdem war das der Moment, in dem ich aufgewacht bin.«

Die Krawalle von Schwabing hielten drei Tage an, es wurden mehr und mehr Demonstranten auf den Straßen. Als ein Reporter von AFN Staimmer interviewte, sagte er: »Ich hätte nicht gedacht, dass so etwas nach 1945 noch möglich ist.« Das war der Tag, an dem Staimmer sein Jurastudium aufgab. »Mit Jura war nichts zu erreichen.« Staimmer war entschlossen: »Ich geh zu Adorno nach Frankfurt.«

So begann er bei Theodor W. Adorno mit dem Studium der Philosophie, überzeugt von seiner »negativen Dialektik«. Auch in Frankfurt wuchs der Widerstand gegen das Establishment, die Vietnam-Demonstrationen wurden größer, Peter Staimmer war bei der Stürmung des US-Konsulats dabei. Er dokumentierte den Widerstand mit der Kamera, woraufhin die Frankfurter Rundschau einen Ost-Agenten in ihm vermutete. Sie gaben die Provo-Zeitung heraus und warfen Rauchbomben auf Militärparaden, und als Peter und seine Mitstreiter auf der Buchmesse gegen einen afrikanischen Diktator demonstrierten, musste er wieder einmal ins Gefängnis. Als er wieder draußen war und das Café betrat, begrüßte ihn Professor Adorno mit den Worten: »Ich bin froh, dass du wieder draußen bist!«

Staimmer engagierte sich beim SDS, arbeitete in der außerparlamentarischen Opposition, und als das Gericht 1969 einen von ihnen zu acht Monaten Gefängnis verurteilte, stürmte er mit Fritz Teufel und Peter Weismann das Landratsamt in Bamberg und warf die Akten auf die Straße. Wenig später lagen die drei Studenten rauchend auf den Pritschen des Gefängnisses von Ebrach und überlegten, was zu tun sei. Dann rissen sie das Waschbecken aus der Wand, setzten die Zelle unter Wasser, warfen eine brennende Decke in den Hof und verbarrikadierten die Tür. Noch am gleichen Tag waren sie auf freiem Fuß. »Die wollten uns so schnell wie möglich wieder los sein!«

Aber am Ende der Auseinandersetzungen war Staimmers Anklageschrift 90 Seiten stark. Man warf ihm 40-fachen Hausfriedensbruch und zweifachen Landfriedensbruch vor, »das hätte für mehrere Jahre Knast gereicht.« Aber plötzlich gab es so etwas wie eine Generalamnestie für die Angeklagten der Studentenrevolten. Inzwischen waren über 2000 Verfahren gegen Studenten anhängig, der Aufwand wäre zu groß geworden und stand in keinem Verhältnis zur tatsächlichen Bedrohung.

Die Siebzigerjahre waren angebrochen, und mit dem Häuserkampf begann die Revolte gegen die steigenden Mieten und skrupellose Immobilienhändler. Staimmer gründete die Rote Hilfe und fehlte nicht, als am 17. Oktober 1970 die erste Hausbesetzung in München für Schlagzeilen sorgte. Zwei Hundertschaften rückten an und nahmen, wie die Süddeutsche Zeitung festhielt, »46 Demonstranten und einen Dackel fest.« Als ein Jahr später auch das Haus geräumt wurde, in dem Staimmer sich eingerichtet hatte, verließ er München und zog nach Kreuzberg – ins Eldorado der Hausbesetzer.

Doch nicht nur Studiensäle, Gefängnisse und Häuser besetzte Staimmer, er besetzte auch einen Wald. Im Spandauer Forst errichteten sie zwei Hütten, um gegen den geplanten Bau eines Kohlekraftwerks zu demonstrieren. Sie verbrachten einen ganzen Winter in den hölzernen Verschlägen, vom Oktober 1976 bis zum März 1977, »jede Nacht. Manchmal war es 20 Grad unter Null. Wir veranstalteten Seminare mitten im Wald, da kamen an den Wochenenden Tausende von Interessierten. Zwei Omis brachten uns Töpfe mit heißer Suppe.« Wieder rückte die Polizei an, »aber die gesamte außerparlamentarische Linke unterstützte uns.« Am Ende wurde das Kraftwerk im Spandauer Forst nicht gebaut, »diese Auseinandersetzung war eine der seltenen, die wir gewannen.«

Vierzig Jahre vor dem Hambacher Forst!

Inzwischen ist Peter Staimmer 78 Jahre alt. Aus »AI-2M« ist in Berlin der »Pjotr« oder der »Schwarze Peter« geworden. An die fünfzig Mal ist er im Gefängnis gewesen, bei jeder 2. Demo, die in München, Frankfurt oder Berlin stattfand, war er dabei. Er hat gekämpft für seine Ideen, ein Leben lang. Aber das alles liegt nun schon ein Stück zurück. Manchmal, wenn er sieht, was aus den vielen Bemühungen, was aus diesen vielversprechenden Sechzigerjahren geworden ist, wie bei den Grünen aus den selbst gestrickten Pullovern allmählich Jacketts wurden, dann greift er zum Stift. Und schreibt sich die Wut von der Seele. Formuliert ein Flugblatt.

Er hat viel geschrieben, an die 1000 Seiten werden es sein, theoretische Überlegungen, Diskussionsbeiträge, kurze Texte. Kürzlich hat er alles in die Mülltonne geworfen. Briefe, Zeugnisse, Bilder, Zeitungsausschnitte, sogar das Fotoalbum seiner Mutter. »Es war befreiend!« Jetzt gibt es nur noch ein altes Passfoto von ihm, und nur eines von einer Demonstration - und das ist eine schlechte Kopie. Da sitzt er auf der Gneisenaustraße und protestiert für eine autofreie Stadt.

Dreißig Jahre vor dem Dieselskandal! •


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