Kreuzberger Chronik
März 2019 - Ausgabe 207

Geschichten & Geschichte

O ewich ist so lanck! (1):
Das Grabmal des von Krause



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von Edith Siepmann

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Anfang des 19. Jahrhunderts hießen die neugeborenen Knaben entweder Friedrich oder Wilhelm oder Friedrich Wilhelm. Also nannte auch Pastor Krause, als er 1802 einen Sohn bekam, seinen Sohn Friedrich Wilhelm. Er beäugte den Säugling wohlgefällig in der Krippe und sprach zu seiner Frau: »Der wird auch mal Pfarrer werden!«

Doch Pastor Krause sollte sich gründlich irren: Dem heranwachsenden Fritzchen stand der Sinn nach weltlicheren Dingen, er zeigte viel praktischen Sinn, und kaum erwachsen, wandte er sich statt der Spiritualität den Spirituosen zu: Nach einer Lehrzeit in der Drogenhandlung Braunmüller u. Sohn in der Zimmerstraße Nummer 35 eröffnete er eine eigene Weinhandlung. Das Geschäft florierte, das Geld floss, und Fritz trieb es zu Höherem: Nach 30 Jahren Weinhandel gründete er 1858 ein Bankgeschäft in der Leipziger Straße. Nun flossen die Moneten noch reichlicher, und in seinem Drang nach oben kaufte sich Fritz schon einen Monat später erfolgreich in Neusalz an der Oder in die Verhüttung von Eisenerz ein. Er erweiterte, modernisierte, ließ schließlich Dampfmaschinen bauen, alles entwickelte sich ganz vorzüglich. Das fand auch der König, und am 22. Februar 1873 ließ dieser folgendes verlauten:

»Wir Wilhelm, von Gottes Gnaden König von Preußen, Markgraf in Brandenburg, souverainer und oberster Herzog von Schlesien... usw. ...erheben und versetzen hierdurch und in Kraft dieser Urkunde den Geheimen Commerzienrath Friedrich Wilhelm Krause hierselbst nebst seinen bereits vorhandenen und künftigen rechtmäßigen ehelichen Leibes-Erben und Nachkommen, beiderlei Geschlechts, um ihm ein dauerndes Denkmal Unserer besonderen Huld und Gnade zu stiften, in den erblichen Adelsstand unserer Monarchie und Lande und verleihen ihm und seinen sämmtlich vorgedachten Nachkommen alle Gerechtsame, Ehren und Vorzüge dieses Standes, insbesondere das Recht von sich zu nennen und zu schreiben...«

Das Adelsdiplom! Mehr konnte ein Sterblicher auf Erden kaum erreichen. Doch nach dem unaufhaltsamen Aufstieg des von Krause folgte die Katastrophe: Wenige Monate später starb die geliebte Gattin. Woraufhin der frischgebackene Adelige schwor, für die verblasste Dame seines Herzens im Zentrum und an der höchsten Stelle eines Friedhofs ein erhabenes und funkelndes Grabmonument zu errichten, wie es Berlin noch nicht gesehen hatte. Dass er dabei auch an sich gedacht hat, wollen wir nicht annehmen.

Und so geschah es, auf dem Dreifaltigkeitsfriedhof an der Bergmannstraße. Als Baumeister beauftragte Krause - pardon: von Krause - den Architekten Friedrich Hitzig. Der hatte unter anderem eine großartige, modern-funktionale Glas/Eisen-Markthalle am Schiffbauerdamm erbaut, sozusagen die Mutter aller Berliner Markthallen. Nun zeigte Hitzig, dass er auch anders konnte. Kongenial erspürte er in Gesprächen mit dem Bauherrn dessen Ambitionen: Protz und Pomp, der aller Welt demonstrieren sollte, was für ein Erfolgsmensch sich hier samt Weib verewigte.

Von Krause bewilligte, ohne lange zu zögern, 300.000 Mark für die Grabhalle, ein Betrag, für den man locker ein Mietshaus hätte bauen können. Hitzig konzipierte eine wuchtige Säulenhalle, die von einer Mittelkuppel dominiert war. Angesehene Künstler und Firmen wurden beauftragt, die Materialien sollten vom Feinsten sein. Waren die Grabsäulen bis dahin aus Sandstein, so mussten es nun 20 Säulen aus poliertem schwedischen Granit sein, verziert mit Bronzeblechkapitellen. Die Mosaiken für die Bilder in der inneren Kuppelfläche wurden aus Murano bei Venedig herbeigeschafft. Und natürlich darf der Heilige Geist nicht fehlen: Grablegeszenen an der gewölbten Decke der Mittelhalle, darunter eine überlebensgroße Christusfigur. Deren Gestus entlehnte der Bildhauer Julius Moser recht schamlos der bekannten, auf Friedhöfen Mitteleuropas omnipräsenten Christusstatue von Bertel Thorvaldsen.

Geklaut wurden inzwischen auch große Teile der spektakulären Gusseisengitter an den Längsseiten des Grabmals. Auf Flohmärkten landeten die Büsten der nobilitierten Eheleute. Sie waren auf Postamenten zu Seiten von Christus aufgestellt. 1869 hatte sie Friedrich Drake geschaffen, von dem auch die »Goldelse« auf der Siegessäule stammt.

Wenn wir noch Zweifel haben, ob der Krieg der Vater aller Dinge ist, dann nicken uns zahlreiche Grabmäler der 1870er Jahre bedächtig zu. Als die Franzosen 1871 den Krieg gegen Preußen und seine Verbündeten verloren hatten, floss ein riesiger Goldstrom – fast 1500 Tonnen Feingold – nach Preußen. Eine Menge Leute verdienten sich dabei eine hochkarätige Nase, und ihr Imponiergehabe setzte sich noch auf dem Friedhof fort. So auch beim Geheimen Commerzienrath von Krause. Er lavierte sich 1873 sogar geschickt durch den Zusammenbruch der Finanzmärkte, der viele seines Standes in den Abgrund stürzte. Alles schön und bestens - wäre nur nicht auf dem Gipfel seines Höhenfluges sein teures Weib gestorben!

Zwei Särge aus schwarzem Marmor zieren nun also die Mitte des Grabtempels. Es sind Scheinsarkophage ohne Leichname. Von unbekannter Hand werden fast immer Blumen oder rote Grablampen dort abgelegt. Und tatsächlich leben Nachfahren in Berlin. Eine alte Dame von Krause, die kürzlich starb, hinterlegte in ihrem Testament als letzten Wunsch, dass man sie bitte auf gar keinen Fall in dem Pracht-monument begraben möge. •

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