Kreuzberger Chronik
März 2019 - Ausgabe 207

Reportagen, Gespräche, Interviews

Strategien eines Bauunternehmers


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von Michael Unfried

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2015 kaufte ein Investor - von den argusäugigen Kreuzbergern ebenso wie von den Politikern unbeobachtet - die alte Brauerei an der Fidicinstraße. Und erzählte allen: Alles wird gut. Ein Blick auf das Gelände und das Geschehen - drei Jahre später.


Ich bestehe auf Realisierung der nach den Bauwert-Planungen vorgesehenen Baumasse. Dr. Leibfried äußert diesen Satz nicht am Stammtisch oder im Büro gegenüber seinen Mitarbeitern, sondern im Rathaus von Kreuzberg. Die Politik darf mitreden, wenn es darum geht, wo und wie er baut. Aber er wird bauen, 36.000 Quadratmeter Wohn- und Geschäftsräume. Keinen Zentimeter weniger.

Der Mann mit dem friedvollen Namen ist Chef einer Firma, deren Name schon etwas bedrohlicher klingt: Bauwert AG. Die Bauwert ist ein Investor, der bereits mit dem Freudenberg-Areal in Friedrichshain die lokale Presse beschäftigt und es mit einem Neubau in nächster Nähe zur Friedrichswerderschen Kirche, die durch das Gewicht von Leibfrieds Betonklotz ins Wanken geriet und seitdem geschlossen ist, sogar in die internationalen Schlagzeilen gebracht hat. Leibfrieds Kronprinzengärten im Stadtteil Mitte waren »die Vollkatastrophe«, stellte Kultursenator Lederer fest.

Die nächste Katastrophe ist vorprogrammiert. Und dieses Mal geht es nicht nur um schützenswertes Mauerwerk, es geht um schützenswerte Menschen, die in den Gebäuden der alten Bockbrauerei seit Jahrzehnten leben und arbeiten. Im April 2016 zeigte sich der Investor auf einer Versammlung im Wasserturm kooperativ und versprach allen Mietern auf dem Areal mit sanfter Stimme neue Mietverträge. »Wir werden denjenigen, die jetzt auf dem Gelände sind, natürlich neue Mietverträge anbieten«. Und: »Die Gewerbe in den historischen Gebäuden bleiben. Wir werden da keine Umstrukturierung vornehmen«, (vgl. Kreuzberger Nr. 180).

Drei Jahre später kann man diese Aussage als unwahr bezeichnen. Gleich drei Weinhändler mussten die alten Bierkeller räumen. Besonders schmerzlich war die Kündigung für Peter Klunker vom Weing´schäft, der ältesten Weinhandlung in der Bergmannstraße. Er hatte wegen einer Verlängerung des Mietvertrags angefragt. Die Bauwert AG hatte versicherte, das sei »kein Problem.« Seitens der Verwaltung aber hieß es, man müsse einen neuen Vertrag aufsetzen, dann schließlich, ein neuer Vertrag sei unmöglich. Mit Mühe konnte Klunker eine monatliche Verlängerung aushandeln, im Dezember aber wurde es plötzlich »sehr dringend«. Die Hausverwaltung, die in goldenen Turnschuhen mit Jogginghose und weißem Jeep vorgefahren kam, gab ihm keine zwei Wochen mehr. Klunker musste mitten im Weihnachtsgeschäft die 170 Quadratmeter räumen und seine Weinflaschen nach Tempelhof transportieren. Seitdem steht der Keller leer! Sein Fazit: »Das war reine Schikane!«

Auch Paasburg´s, Autos und Weine und Vini Culture haben den Hof verlassen. Sie wären gern geblieben, die Bierkeller sind auch für Wein ein idealer Lagerort. Manche waren verärgert über die Verhandlungen, aber wer sich bereit erklärte, den Hof kampflos zu verlassen, dem kam man durchaus entgegen. Laufende Mietverträge, wie der des Weinhändler Assello, konnten ohne finanzielle Belastungen für den Mieter aufgelöst werden. Eigentlich wäre auch Assello »gerne geblieben, aber man hatte uns unmissverständlich klargemacht, dass alte Mietverträge nicht verlängert werden.« Die Aussage Leibfrieds im Wasserturm, alle Mieter erhielten selbstverständlich neue Angebote, war spätestens jetzt nichts mehr wert.

Das jüngste Opfer des Bauunternehmers ist das Percussion Art Center. 30 Jahre lang waren die Trommler auf dem Hof und veränderten das Stadtbild: Nirgends stehen beim Berlin-Marathon so viele Trommler am Straßenrand wie in Kreuzberg, beim Karneval der Kulturen fehlen sie nie, im Sommer sorgen die Schüler von Dudu Tucci in den Parkanlagen für südamerikanisches Flair. Auch das Percussion-Zentrum groove, das mit 400 Schülern für Stimmung auf dem Hof sorgte, ist am Packen. Im Mai werden die Trommeln endgültig verstummt sein, es wird still werden auf dem Hof. Von den ehemals 30 kleinen Gewerbetreibenden, die zur Zeit der feindlichen Übernahme auf dem Brauereigelände ansässig waren, sind noch 12 geblieben. Die Segelschule musste die Segel streichen, ein Klaviergeschäft seine Flügel einpacken, im Lager des Elektroladens ging das Licht aus... Das Sterben nimmt kein Ende.

Auf dem Parkett der Tanzschule Maxixe im alten Schankhaus werden die Pärchen allerdings noch einige Jahre das Tanzbein schwingen können. Der Vertrag läuft erst 2024 aus, die Schule hofft, dass bis dahin Ruhe eingekehrt ist auf dem Gelände und man ein bezahlbares Angebot erhält. Auch das Theater Thikwa und das Archiv der Jugendkulturen, zwei senatsgeförderte Kulturprojekte, dürften bleiben. Zwar hatten auch sie sich zunächst Sorgen über die Zukunft machen müssen, aber inzwischen scheint klar, dass es auch für das Jugendarchiv neue Räume und Verträge im historischen Schankhaus geben wird.

Aber die wenigen, die bleiben können, sind die Ausnahmen. Für die meisten auf dem Hof waren die Versprechungen des Unternehmers nichts wert. Das überrascht niemanden aus der Szene. Investoren sprechen selten die ganze Wahrheit, wenn sie ihre Projekte einer Öffentlichkeit vorstellen, die skeptisch ist, weil die Interessen eines Bauunternehmens per se andere sind als die eines Anwohners. Aber kaum einer zündet so viele »rhetorische Nebelkerzen« wie Dr. Leibfried, sagt Karin Dittmar, die den Mann seit den Diskussionen um das Freudenberg-Areal in der Boxhagener Straße kennt.

Karin Dittmar ist Mitglied der Initiative Denkmalschutz Bockbrauerei, die einen dicken Strich durch die ursprüngliche Rechnung des Bauunternehmers machen konnte. Der Bürgerinitiative gelang es, die im Hof der Brauerei gelegenen Keller unter Denkmalschutz stellen zu lassen. Leibfried hatte die in den Hang über der Fidicinstraße gegrabenen Gewölbekeller abtragen und den Hof auf Straßenniveau absenken wollen, um so zwei zusätzliche Etagen für den Neubau zu gewinnen. Die Baupläne wurden abgelehnt, denn die »baulich authentisch erhaltenen« Rüstungsfabrikkeller, zu denen die Gewölbe der Bockbrauerei umgebaut wurden, gehören zu den größten unterirdischen Waffenproduktionsstätten der Nazis, wie das Denkmalamt betont.

Dr. Leibfried interessiert die historische Bedeutung von Kellern wenig. Als er sich am 7. Mai 2018 mit dem Baustadtrat sowie Vertretern der Bürgerinitiative und des Denkmalschutzes trifft, legt er wieder die alten Pläne auf den Tisch, in denen er den Denkmalschutz für die Gewölbe ignoriert und den Hof ausbaggern lassen möchte. Anders als Florian Schmidt, der die Rolle des Vermittlers übernommen hat, werden die Abgesandten des Denkmalschutzes deutlich: »Sagen Sie, Herr Dr. Leibfried, was bilden Sie sich eigentlich ein? Sie wissen doch ganz genau, dass für die Keller Denkmalschutz besteht, und trotzdem legen Sie uns jedes Mal die gleichen Abrisspläne auf den Tisch. Wir haben doch klargestellt, dass wir angesichts der historischen Bedeutung des Ortes eine respektvolle, oberirdische Bebauung möchten.«

Möglicherweise ist das Verhalten des Doktors keine postpubertäre Trotzphase, sondern Teil des Planes. Denn wenn das Bauamt abermals ablehnt, kann der Unternehmer vor Gericht ziehen. Er könnte auf einen Vergleich spekulieren, bei dem die Richter auch die Wirtschaftlichkeit seines Projektes berücksichtigen müssten. Wahrscheinlich würde er zumindest zum Teil Recht bekommen.

Die Realität des Schankhauses, 2017











Ein Vergleich wäre ein Kompromiss, gleichbedeutend mit einem Teilabriss der Keller. Das zumindest befürchtet die Bürgerinitiative, die seit dem Treffen im Mai nichts mehr von ihrem Baustadtrat gehört hat und nichts Gutes hinter dem Schweigen vermutet. Es sieht danach aus, als wollten Leibfried und Schmidt das Ganze hinter verschlossenen Türen und ohne die Argusaugen der Kreuzberger Bürgerinitiativen aushandeln. Obwohl der höfliche Baustadtrat der Presse noch vor kurzem folgenden Satz zum Mitschreiben gab: »Es ist wichtig, neue Strukturen der Mitgestaltung zu schaffen, statt der vorherrschenden Scheinbeteiligung.«

Aber es ist nachvollziehbar, wenn Politik und Wirtschaft, Schmidt und Leibfried, ein juristisches Verfahren lieber umgehen und eine interne Lösung finden möchten. Für Schmidt wäre es viel Arbeit, für Leibfried ein Zeitverlust. Und Zeit ist Geld, nicht nur im Baugeschäft. Im Moment dürfen keine baulichen Veränderungen auf dem Gelände vorgenommen werden. Aber während draußen in der Realität alles still steht, werden drinnen hinter verschlossenen Türen gerade die Weichen gestellt für die Veränderungen.

Es könnten schwierige Verhandlungen sein. Denn auf der einen Seite sitzt ein Bauherr, der noch immer behauptet, die einzigen historisch bedeutsamen Keller seien die unter dem denkmalgeschützten Schankhaus, die man ohnehin nicht abgerissen werden können. Der Rest der 3800 unterirdischen Quadratmeter sei feucht und einsturzgefährdet. Auch wenn Leibfried just in diesen Kellern kürzlich noch das Mühlenhaupt-Museum einrichten wollte - wovon allerdings nicht einmal Frau Mühlenhaupt selbst etwas wusste.

Auf der anderen Seite sitzt Florian Schmidt, der die Interessen der Kreuzberger vertreten möchte. Darf man den spärlichen Mitteilungen, die nach außen dringen, Glauben schenken, hat er zumindest seine Forderung nach dem Erhalt von Gewerberäumen durchsetzen können: Im Moment spricht man von einem 50%-igen Gewerbeanteil auf dem künftigen Hof. Der Anteil günstigen Wohnraums allerdings, der von der HOWOGE finanziert und vermietet werden soll, ist mit 30 Kleinstwohnungen kaum mehr als ein winziges, eher schamloses »soziales Feigenblatt«, wie Heinz Kleemann vom Berliner Mieterverein meint. Das Gros der Neubauten wird im höheren Preissegment liegen und ein Volk auf den Hof schleusen, das Kreuzbergs Trommeln nie verstanden hätte. Aber für den Erhalt der Kreuzberger Mischung ist Dr. Leibfried auch nicht zuständig: »Das müssen Sie sehen wie bei einem Museum: Man kann es sich ansehen und daran erfreuen, aber nicht darin wohnen. Es sei denn, man hat das Geld dazu.«

Mit der geplanten Übereignung des historischen Schankhauses an eine neu gegründete Genossenschaft hat der Baustadtrat allerdings zumindest das Hauptgebäude der Willkür des Investors entzogen. Ganz umsonst wird Dr. Leibfried den Trumpf des Hauptgebäudes jedoch nicht aus der Hand geben, weshalb die Bürgerinitiativen befürchten: Entweder erlaubt man ihm, Teile der Keller abzureißen, oder man lässt eine höhere und dichtere Bebauung zu. Denn da steht noch immer der entscheidende Satz: »Ich bestehe auf der Realisierung der von mir gewünschten Baumasse!« - auf 36.000 Quadratmeter.

Neben dieser Masse wird das imposante Hauptgebäude mit seinen alten Zinnen und Giebeln zu einem Zwerg schrumpfen. Selbst der Schornstein, falls er bleiben darf, wird plötzlich klein erscheinen neben den überdimensionierten Neubauten. Sie werden wie Fremdkörper wirken, rechteckige, gläserne Monolithe, dicht aneinandergedrängt, um jeden Zentimeter und um jeden Cent kämpfend.

Die Phantasie des Pocket Parks, 2017










Grün wird es nicht sein, nur an der Schwiebusser Straße wird der winzige Pocket Park bleiben, dieser kleine Garten mit den drei alten Eiben, zwischen denen im Sommer Kinder spielen, abends die Trommler grillten und Wein tranken. Der Garten war eines der letzten Reservate für die letzten Kreuzberger Mohikaner. Auf den Grafiken des Investors sind sie verschwunden. Im Pocket Park trägt man Krawatte. •


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