Kreuzberger Chronik
März 2019 - Ausgabe 207

Kanzlei Hilfreich

Hilfreich und die Mäedschahäed


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von Kajo Frings

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Von den Verstrickungen der Liebe


Im Westberlin der frühen 80er erlebte man die seltsamsten Sachen. »Das ist ja nicht zu glauben!«, sagte Jens Hilfreich. »Die hat Ihnen den Reisepass geklaut, damit Sie sie heiraten?« Vor dem Anwalt saß der 25-jährige Türke Mehmet Karakurt. »Ich werde jetzt mal Ihre Ex-was-auch-immer anrufen, mal sehn, was sie zu Ihrer Geschichte sagt. Und die heißt wirklich Medjahed?« Die Telefonauskunft hatte tatsächlich die Nummer einer Mendy Medjahed. »Mäedschahäed«, meldete sich eine Frauenstimme in tiefstem Sächsisch. Der Anwalt erläuterte ihr, dass er Herrn Karakurt vertrete und der vor ihm sitze und das Telefonat mithören werde. Frau Medjahed meinte nur: »Ich red´ nicht mit Anwälten«. Dann lauter: »Mehmet, wenn du was willst, komm mit zum Standesamt und Dein Aufenthalt ist sicher«. Und dann legte sie auf.

Herr Karakurt verdrehte die Augen: »Die will mich erpressen. Die hat mich auf dem Alexanderplatz angesprochen, angeblich, weil sie sich für Menschen aus anderen Kulturkreisen interessiere. Dabei ging es ihr nur um Männer mit anderen Reisepässen. Ich hab sie ein paar mal besucht. Damals hat sie erzählt, dass sie einen Antrag gestellt hätte, einen algerischen Studenten zu heiraten, und gefragt, ob ich sie heiraten könne, wenn der Antrag abgelehnt würde. Ich hab´ gesagt, dass ich´s mir überlege und mich nicht mehr in Ostberlin blicken lassen. Das war 1981, vor zwei Jahren. Vor vier Monaten stand sie plötzlich in der Markthalle, wo ich arbeite und sagte, sie wolle mit mir reden. Sie hatte Herrn Medjahed geheiratet und eine Erlaubnis zum Besuch seiner Familie erhalten. In Algier ging sie zur Botschaft der BRD, erzählte, dass ihr Ehemann sie schlage und beantragte einen bundesdeutschen Pass, den sie auch bekam. Dann hat ihr die deutsche Botschaft einen Anwalt besorgt, der die Scheidung in Algerien eingereicht hat. Und dann waren wir noch in meiner Wohnung. Ich wollte aber nicht, was sie wollte. Am anderen Morgen war sie weg und mein türkischer Reisepass auch. Und ohne Reisepass ist meine Aufenthaltserlaubnis gefährdet. Und noch was: Ich bin gerade verliebt in das Mädchen, das neuerdings am Gemüsestand von Mehmet arbeitet.«- »Liebt die sie auch?«- »Ich werde sie fragen.«

»Gute Idee. Aber eine Klage wegen des Reisepasses wäre nur Zeitverschwendung. Wie sagte schon Schiller: «Gefährlich ist’s, den Leu zu wecken… - Also: Sie melden Ihren Pass bei Ihrem Konsulat als verschwunden und beantragen einen neuen. Frau Medjahed versprechen Sie, es sich zu überlegen mit der Heirat. Hinhaltetaktik nennt man das. Und der Frau vom Gemüsestand erzählen Sie die Wahrheit. Jedenfalls das Wichtige: Dass sie ganz schnell die deutsche Staatsbürgerschaft beantragen soll. Dann heiraten Sie beide. Und dann werde ich ein längeres Gespräch mit Frau Medjahed führen. •


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