Kreuzberger Chronik
März 2019 - Ausgabe 207

Geschäfte

Second hand in neuem Gewand


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von Saskia Vogel

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Verschenken. Ausmisten, reduzieren, sich auf das Wesentliche beschränken. Die japanische Aufräumexpertin Marie Kondo zeigt, wie man ohne Krims und Krams und übervolle Kleiderschränke leben kann. »Tidying up with Marie Kondo« heißt die Hausfrauen-Doku auf Netflix – und die Kreuzberger machen mit. Vollgestopfte Wohnungen, in denen die vom Umfallen bedrohte Flurgarderobe für Platznot sorgte, verwandeln sich in luftige Freiflächen. Und auf denen lässt es sich herrlich darüber meditieren, wie reich das Leben den deutschen Großstädter beschenkt.

Der erste Schritt zum »vom Materiellen befreiten Leben« heißt: Verschenken. Und die ausrangierten Jacken zu Oxfam tragen! Klar strukturiert und hell präsentiert sich der neue Second-Hand-Shop in der Bergmannstraße: Hohe Wände, eine Empore, mit flotter Hand dekorierte Schaufenster. Architektonische Stilelemente und eine Supermarkt-Beleuchtung gehören zum Corporate Design der Oxfam-Filialen. Davon gibt es 53 in 34 deutschen Städten, gern in innerstädtischen Bestlagen. Das Oxfam-Konzept: Sachspenden werden verkauft, der Gewinn gemeinnützig nach Tunesien und Indonesien überwiesen. Denn die Finanzmittel kommen der Arbeit des Oxfam Deutschland e.V. zugute. Die Nothilfe- und Entwicklungsorganisation hat GIGANTISCHE Zahlen vorzuweisen: So unterstützt sie in Kooperation mit mehr als 3.600 Partnerorganisationen WELTWEIT Menschen dabei, sich DAUERHAFT aus der Armut zu befreien. Und der Kreuzberger macht mit.

Die Slogans lauten: Leben retten. Armut abschaffen. Gegen die Ungerechtigkeit WELTWEIT ankämpfen. Oxfam, das ist ein Einkaufs-tempel voller Nachhaltigkeit und Nächstenliebe im Style-Format. Mit filzgewalkter Kinderkleidung, Sammeltassen und Lederschuhen für 25 Euro. Von allem Guten dieser Erde gibt man sich »leidenschaftlich überzeugt«. Das omnipräsente neongrüne Oxfam-Logo allerdings verursacht auf Dauer Kopfschmerzen.

»Bei der Kleidung haben wir teilweise schon Annahmestopp«, erzählt die gepflegte ältere Dame, die in der Bergmannstraße arbeitet. Angenommen werde nur unbeschädigte Saisonware, die frisch ist. Auch Firmenspenden und Produktionsüberschüsse aus asiatischen und afrikanischen Nähereien. Auch wenn es dort womöglich nicht so sauber zugeht wie in der Bergmannstraße- immerhin fließt der Gewinn afrikanischen Frauen zu. So wäscht eine Hand die andere, und die Firmen sparen sich ihre Entsorgungskosten.

»Der Trend zum Spenden nimmt zu«, so die Dame. Der Kreuzberger könne inzwischen auf die paar Euro verzichten, die er in den traditionellen Second-Hand-Läden bekäme. In der Glasvitrine bei der Kasse liegen einige Schmuckstücke, die sogar mehr als nur ein paar Euro wert sind. Mangel an Waren jedenfalls gibt es keinen, nur an ehrenamtlichen Mitarbeitern. Die werden von Oxfam in der Bergmannstraße dringend gesucht: »Spenden Sie uns Ihre Zeit!«, ruft die Organisation ihre Kunden auf, um die Welt um fünf vor zwölf noch zum Guten zu wenden. Gesucht werden Menschen mit »Tatendrang«.

Gerade betritt ein Herr mit Tatendrang die Filiale. Er hat einen Anzug dabei, der eng geworden ist. Ob man seine Gabe eventuell gebrauchen könne?

»Die Berliner misten halt aus!«, sagt die Kassenfrau. »Und diese ganzen Accessoires, diese Kisten voller Haushaltswaren sind ja auch viel zu schade zum Wegwerfen!« Was tatsächlich einmal nicht im Sortiment landet, wird nachhaltig und fair entsorgt. Oder weitergegeben. An die Sozialkaufhäuser. Das Letzte für die Letzten.

Der Trend zum Spenden ist in Kreuzberg nicht neu. Früher wurde Kram und Plunder einfach in »Verschenke-Kisten« an den Straßenrand gestellt, wo die Stilettos und »Shades of Grey«-Romane gern auch mal vom Hund angepinkelt wurden. Außerdem verschenkte der Kreuzberger sich mit dem anonymen Verschenken das wohltuende Gefühl, durch seinen vermeintlichen Konsumverzicht einem Afrikaner eine Ziege finanziert zu haben.

Anders als die altbekannte Second-Hand-Kette Humana, deren gemeinnütziges Engagement in Kritik geriet, setzt Oxfam auf Sauberkeit und Transparenz, nicht nur in moralischer Hinsicht. Eine Polyesterbluse mit Schweißflecken ist in der sorgsam aufgebügelten Abteilung Damenoberbekleidung undenkbar. Schmutziges Licht, grauer Filzteppich und Verwickelungen mit Großkonzernen wie bei »Humana« ebenfalls. »Kreuzberg ist das richtige Pflaster in Sachen nachhaltig shoppen«, lobte Jan Heser, Geschäftsführer der Oxfam Deutschland Shops gGmbH zur Eröffnung der Bergmann-Filiale im letzten Herbst. Es gab ein tolles Event mit Afrobeats und politischen Texten.

Und trotzdem. Auch wenn es bei Oxfam nicht nach Mottenkugeln muffelt, sondern duftet wie bei Lenor und L´oréal: Irgendetwas stinkt. Vielleicht die Tatsache, dass auch Oxfam dem »Fast-Fashion«-Konsum nichts entgegensetzt, sondern lediglich dessen Abfallprodukte gegen die Armut verwertet. »Slow-Fashion« hieße, gar nicht erst bei asiatischen Nähereien einzukaufen.

Immerhin: Das Zweitverwertungskonzept ist allemal besser als ein dumpfer Klamottentod in der Textilschredderei. Aber ein Anlass zum Jubel und zu enthusiastischen, grell beleuchteten »Heal the world! - Slogans auf grünen Wänden mehrerer hundert Quadratmeter Ladenfläche ist es nicht. •

Foto: Dieter Peters


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