Kreuzberger Chronik
Juni 2019 - Ausgabe 210

Kreuzberger
Isabella Mamatis

Den Sozialismus, der mir vorschwebte, den wollte keiner haben


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von Horst Unsold

Fotos: Holger Groß

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DiIsabella Mamatis hat einen Traum. Den Traum von einem großen Essen, einer Art Rundem Tisch für alle. Einer langen Tafel, so lang, dass alle Völker dieser Welt daran Platz finden und miteinander essen, trinken und reden können. Es ist ein sehr alter Traum. Ein Traum, der in ihre Kindheit und zu ihren Wurzeln zurückführt.

Die liegen auf der Insel Imbros, am Eingang des Bosporus, der Meerenge zwischen den Kontinenten, Asien und Europa. Heute heißt die Insel Gökçeada. Als in den Zwanzigerjahren nach dem Griechisch-Türkischen Krieg viele ihre Insel verlassen mussten, überquerte der Großvater mit seinen fünf Kindern das Meer und eröffnete in Alexandria den ersten Selbstbedienungsladen Ägyptens. Die Geschäfte liefen gut und ermöglichten es dem Auswanderer, seinen ältesten Sohn Dimitris nach Salem aufs Internat zu schicken, wo auch die Kinder vieler deutscher Großindustrieller untergebracht waren.

Die Bekanntschaften auf dem Schulhof prägten den jungen Exilgriechen nachhaltig. Dimitris Mamatis begann damit, bei der UFA in Berlin deutsche Filme zu kaufen und in den Orient zu bringen. »Er hat so etwas wie eine deutsch-orientalische Kulturbrücke geschaffen.«, sagt Isabella Mamatis, und verweist auf einige Parallelen zwischen dem Leben ihres Vaters und ihrem eigenen: auch sie hat versucht, Brücken zu schlagen zwischen den Kulturen; auch sie war auf der Suche nach Heimat; Auch sie war von der Schauspielkunst fasziniert.

Dimitris Mamatis gründete ein Unternehmen namens Efdi mit Standorten in Beirut, Paris und Berlin. Das unstete Leben allerdings forderte seinen Preis, das Privatleben litt. Drei Ehen waren bereits gescheitert und zwei Kinder geboren, als er 1953 auf der Leipziger Buchmesse »eine blutjunge, blauäugige, großbusige und blonde Frau kennenlernte, die gerade ihr Abitur machte: Meine Mutter!«

Die beiden heirateten, und so wurde 1955 in Westberlin Isabella geboren. Nach den Erzählungen der Mutter war die Ehe nicht unkompliziert, »denn meine Mutter wollte Sängerin werden, der Vater dagegen bestand darauf, dass sie seine Sekretärin blieb.« Die Differenzen endeten, als der Vater zwei Jahre nach Isabellas Geburt plötzlich starb, woraufhin die Mutter Isabella zu Verwandten nach Braunfels gab, einem idyllischen Ort im hessischen Hügelland. »Dort wuchs ich als ein kleiner griechischer Paradiesvogel auf, mit dunklen Locken und großen Augen. Damit war ich in jedem Klassenverband immer etwas Besonderes, ohne dass ich dafür etwas tun musste.«

Isabellas Mutter war noch immer jung, ihr Leben hatte gerade erst begonnen, und so lernte sie in Westberlin schnell einen Holländer kennen, der unbedingt in der DDR Sport studieren wollte. Da bereits ihr Vater, Isabellas Großvater mütterlicherseits, ein Komponist und ein überzeugter Linker, in der DDR arbeitete und in Weimar gerade die Kunsthochschule aufbaute, verlegte auch Isabellas Mutter ihren Wohnsitz von West- nach Ostberlin. Isabella allerdings blieb noch ein bisschen im hübschen Hessen.

»Ich hatte meine eigene Familie: Die Verwandten in Braunfels an der Lahn, mit einem großen Haus und einem herrlichen Garten, wie im Paradies bin ich da aufgewachsen. Als aber dann meine Pflegemutter starb, kam ich zu meiner leiblichen Mutter und ihrer neuen Familie nach Ostberlin. Und das war nicht so einfach, denn es herrschte der Kalte Krieg, die politischen Verhältnisse machten eine einfache Migration von West nach Ost nicht möglich. Ich musste zuerst einmal staatenlos werden, um nicht - so wie alle anderen DDR-Deutschen auch - künftig mit einem Ausreiseverbot leben zu müssen.« Was für Freigeister wie die Mitglieder der Familie Mamatis undenkbar war.

So kam Isabella 1967 als Staatenlose nach Ostberlin und in eine andere Welt. War das zehnjährige Mädchen in Braunfels der katholischen Religion begegnet, so traf es nun auf sein politisches Pendant: Den Sozialismus, in dem alle gleich sein sollten, in dem es weder arm noch reich geben sollte. »Ich wollte sofort mithelfen, diese Idee umzusetzen. Dabei bin ich natürlich mächtig auf die Fresse geflogen, denn den Sozialismus, der mir vorschwebte, den wollte da keiner haben!«

Immerhin traf Isabella in der DDR auf einige Griechen, die vor der heimischen Diktatur geflohen waren. Zum ersten Mal meldete sich so etwas wie Sehnsucht nach der griechischen Heimat. Sehnsucht nach dem Westen dagegen empfand sie kaum. »Du hast ja bei uns die Wohnungstür aufgeschlossen und warst im Westen: Es gab Westwaschmittel, Whisky, Colaflaschen, und auf dem Tisch lagen die Zeitschriften von Oswalt Kolle, dem berühmten Sexualaufklärer aus dem Westen, der Spiegel und der Stern neben dem Neuen Deutschland. Meine Eltern gingen in Westberlin ein und aus, mein holländischer Stiefvater war als Dolmetscher im Wirtschafts- und Kulturbereich der DDR tätig, und auch bei uns zuhause herrschte ein reger Verkehr von Vertretern aus Nordafrika, dem Libanon, Vietnam...« Isabella Mamatis hatte nie die Möglichkeit, so etwas wie ein ausgeprägtes Nationalbewusstsein zu entwickeln. Sie ist multikulturell aufgewachsen, und dass sie am Ende in Kreuzberg landen würde, scheint nur logisch.

Aber noch war sie in Ostberlin. Und ärgerte sich. Weil man ihr die Aufnahme an der heutigen Ernst-Busch-Schauspielschule verweigerte - mit dem Argument, eine Staatenlose würde ja eines Tages ohnehin die DDR verlassen. Sie war 18 Jahre alt, als sie sich entschloss, in den Westen zu gehen. Die Idee vom Sozialismus aber hatte sie noch nicht ganz aufgegeben. Sie hat »am Fließband gestanden, geputzt und im Kaufhaus gearbeitet«, sie wollte sehen, wie dieses Leben im Kapitalismus wirklich ist.

Dann bewarb sie sich an der HDK, und diesmal wurde sie angenommen. Sie spielte an verschiedenen Theatern, erhielt Gastrollen, lernte Regisseure wie Peter Stein und George Tabori kennen, und eines Tages saß sie dann in der Kantine des Schauspielhauses in Frankfurt am Main und wartete auf ihren Auftritt. »Ich spielte die Rolle der Anstifterin einer Revolte in einem Mädchenheim, Bambule von Ulrike Meinhof. Und am selben Tisch saß also jemand, der plötzlich sagte: Mamatis? Wer heißt denn hier Mamatis? Mein bester Freund heißt auch Mamatis. Alexander Mamatis.... - Und das war dann mein Halbbruder!« Am Südausgang des Münchner Bahnhofs sah sie ihn zum ersten Mal, den Halbbruder Alexander, und einige Monate später auch ihre Halbschwester Neni.

Obwohl sie nun ihre Geschwister kannte und die auseinandergerissene Familie wieder näher zusammenrückte, sie die Geschwister auf dem Peloponnes in Griechenland besuchte, fühlte sie sich doch nie wirklich heimisch in Griechenland. Die Frage, wo ihre wirklichen Wurzeln lagen, begann sie immer dringlicher zu beschäftigen. Auf der Suche nach ihrer Identität und ihrer Vergangenheit kam sie eines Tages auch nach Imbros, der Heimatinsel ihres Vaters, die heute zur Türkei gehört. Es war ein einschneidendes Erlebnis. Sie wurde herzlich empfangen, »es gab ein großes Essen an einer langen Tafel, an der viel Deutsch gesprochen wurde, weil viele ehemalige Gastarbeiter von Siemens und Mercedes wieder in ihre Heimat zurückgekehrt waren. Diese lange Tafel wurde von einem reichen griechischen Auswanderer finanziert, der in die USA gegangen war. Da habe ich nur gedacht: Das möchte ich eines Tages auch mal machen! Alle einladen zu einer gemeinsamen Tafel! 2005, zehn Jahre später, hatte ich die Möglichkeit dazu. Ich hatte durch einen großen Auftrag so viel Geld verdient, dass ich ein ganzes Jahr leben konnte, ohne arbeiten zu müssen – obwohl ich inzwischen schon eine Familie hatte.«


Eine fünfköpfige Familie, Foto: Jörg Klamm
Es gibt Parallelen in den Leben von Dimitris und Isabella Mamatis. Auch Isabella führte ein unstetes Leben, war ständig unterwegs, hatte zwei Kinder von zwei Vätern. Aber anders als ihr Vater, der die Kinder geflissentlich auseinanderhielt, hat die Tochter es geschafft, dass die familiären Verbindungen nie abbrachen. Zwar wohnen sie nicht alle unter einem Dach, aber sie sind alle in Kreuzberg und feiern noch immer die großen Feste gemeinsam, sitzen an einem großen Tisch, die Väter, die Kinder und die Mutter. Darauf ist sie stolz. Ebenso wie auf die Lange Tafel. »Gemeinsam mit den Kindern beschlossen wir, das Geld aus meinem Auftrag in die Tafel zu investieren. So kam 2006 die erste Lange Tafel auf der Bergmannstraße zustande.«

Wie auf Imbros saßen nun auch in Kreuzberg die Menschen zusammen auf der Straße und erzählten sich einen Nachmittag lang Geschichten aus ihrem Leben. Die Alten erzählten den Jungen, die Türken den Deutschen, die Griechen den Spaniern. In Kreuzberg kreuzten sich schon immer Lebenswege aus aller Welt.

Und so wie Isabella Mamatis auf der Insel Imbros der Gedanke kam, zuhause in Deutschland auch einmal so eine große Tafel anzurichten, so haben auch einige, die sich an der 200 Meter langen Tafel in der Bergmannstraße begegneten, die Idee mit nachhause genommen. Inzwischen saßen auch in den USA in Los Angeles, in Bobo-Dioulasso in Burkina Faso, in Poona in Indien und in Maschhad im Iran Menschen aus vier verschiedenen Kontinenten an einem großen Tisch und erzählten sich ihre Geschichte. Noch in diesem Jahr soll der fünfte Kontinent dazu kommen: Australien. Und dann, ganz am Ende ihres Traumes, möchte Isabella Mamatis die Lange Tafel natürlich auch wieder zurück »nach Hause bringen, in die Heimat meines Vaters: nach Griechenland.« •



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