Kreuzberger Chronik
Juni 2019 - Ausgabe 210

Mühlenhaupts Erinnerungen

Besuch in der Kirche


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von Kurt Mühlenhaupt

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Heute, wo ich dabei bin, die wichtigsten Geschichten meines Lebens aufzuschreiben, stelle ich fest, daß schon wieder fünfunddreißig Jahre vergangen sind, seit ich am Fuße der Kirche meine Trödelhandlung aufmachte. Die Kirche hockte damals vor mir, wie eine große rotbraune Glucke, die immerfort nach ihren Küken ruft. Wir hörten sie alle nicht, weil wir viel zu sehr mit Geldverdienen beschäftigt waren.

Die Zeit und viel Wind gingen über sie hinweg. Hier und da fehlten bald ein paar Ziegel, und langsam rottete sie vor sich hin. Das brachte Probleme. Die Gemeinde Südstern schaffte sich ihre Kirche einfach vom Hals. Sie wurde verkauft. Sollte unserer Kirche das gleiche Schicksal beschieden sein? Immer seltener verirrte sich jemand ins Gotteshaus. Es kamen Hausbesetzer, nisteten sich ein und ließen sich nicht mehr vertreiben. Hier konnte doch irgendetwas nicht stimmen. Also suchte ich den Pfarrer Quandt auf, um unsere Kirche rundum kennenzulernen. Er lud mich zu einer Kletterpartie mit Seil und Nagelschuhen ein. »Dieser Dachboden ist gar nicht anders zu besteigen«, sagte er.

Er hatte recht. Hier oben, wo sich die Gewölbe über dem unteren Kirchenkorpus zu Bergen auftürmten, waren die Brutstätten aller Tauben. Ich sah durch eine der Luken auf die Welt hinunter, sah mich selbst als Trödler vor meiner Altwarenhandlung. Ein Krämer war ich, der um ein paar Silberlinge feilschte. Hier oben war eine andere Welt. Hier war ich ein Maler, der wie ein Engel über seine Bilder schwebt, die ich erst noch malen wollte. Von hier aus flog ich über Menschen, über Straßen, Häuser, Pinkelbuden. Aus so einer Perspektive malte ich lange Zeit meine Bilder.

Eine Unterhaltung nahm damals ihren Anfang, die ich später in Kladow mit Pfarrer Büchner fortsetzte. Es war nie ein Streitgespräch, nein, wir waren uns immer einig, die Gotteshäuser müßten weltweit zu menschlichen Lebensräumen umgebaut werden. Die Kirchenbesetzer gaben den Anlaß dazu. Aber während wir in Kladow die Zeit mit Quatschen verbrachten, um alle Kirchen zu retten, machte Pfarrer Quandt wahr, was wir uns heimlich erträumten.

Er baute seine Kirche um und schuf Lebensräume. »Gott sei gelobt«, nun war sie vor dem Verfall gerettet. Und nun heißt sie auch wieder »Kirche Zum Heiligen Kreuz« - Kirche groß, Zum groß, Heiligen groß, Kreuz groß. Wie sie im Volksmund mal heißen wird, weiß ich nicht. Das ist mir auch egal, aber es wäre mir nicht egal, wenn sie leersteht. Im Grabe würde ich mich umdrehen, denn vom Jerusalemer Friedhof aus, wo ich mal liegen werde, bekomme ich alles mit.


Entnommen aus Kurt Mühlenhaupt, Zwischen Lebenströdel und Serienstanduhren, 1959 - 1969, mit freundlicher Genehmigung des Museums Bergsdorf


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