Kreuzberger Chronik
Juni 2019 - Ausgabe 210

Hausverbot

Die beiden Blonden


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von Horst Unsold

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Es war in einer Kreuzberger Kneipe gewesen, im Rat Pack vielleicht, im Enzian oder im Heidelberger Krug - genau weiß das keiner mehr. Zum einen, weil es fünfzehn Jahre her ist, zum anderen, weil zuviel Alkohol im Spiel war.

Die beiden Blonden waren noch in ihren Zimmermannshosen, als sie mit etwa einem Kilo Erde unter den Füßen nach getaner Arbeit das Lokal betraten. Es war Sommer, die Männer waren durstig und tranken die ersten vier Gläser in einem Tempo, als kämen sie nicht aus dem Märkischen Sand, sondern direkt aus der Sahara.

Die Rücken vom Arbeiten gekrümmt hingen sie über dem Tresen. Aber nach dem vierten Bier wurden sie munter und richteten sich zu stattlicher Größe auf, was von den unbegleiteten Damen im Saal gern zur Kenntnis genommen wurde, die nun verdächtig oft zum Tresen kamen, um nach Zigarettenpapier oder einem Stift zu fragen. Doch die Blonden schienen nicht interessiert an Damenbesuchen. Wenn sie sich überhaupt für eine Frau interessierten, dann war es die Barkeeperin.

»Sag mal, wie viel haben wir denn schon?«, fragte der, der ein bisschen wie Terence Hill aussah.

»Ich hab jetzt für jeden sechs!«, sagte die einzige Frau im Saal, die kein Interesse an diesen Gästen hatte. »Noch zwei?« - »Sehr gerne!«

Der Nachmittag verging, die Sonne versank, die Kellnerin zapfte und machte ihre Striche, Damen kamen und gingen, und die beiden Proletarier sprachen jetzt über Jimi Hendrix, La Gomera und Krokodile. Es ging darum, wie schwer es sei, die Tiere mit einem Sender auszustatten, »das Problem ist nämlich, dass die Sender in einem...-« - aber plötzlich sank Terence Hills Kopf auf den Tresen, und kurz darauf lag auch der des Kumpels daneben. Als Terence zu schnarchen begann, packte sie ihn beim Arm.

»Das geht aber nicht, bei uns wird nicht geschlafen!«

»...dass die Sender in einem absolut wasserdichten....!« Terence begann an genau der Stelle weiterzureden, an der er fünf Minuten vorher aufgehört hatte. Als er fertig war mit den Krokodilen, wandte er sich zur Kellnerin: »Würdest Du uns bitte noch zwei Bier zapfen?«

»Ihr zahlt jetzt und geht nachhause!«

Aber da die Zwei jetzt wieder kerzengerade am Tresen saßen, ließ sie sich überreden und zapfte weiter. Bis sie abermals einschliefen.

»Jetzt ist aber Schluss!«, sagte die Chefin, »Wenn das alle hier machen würden!«

»Das wär´ ne lustige Vorstellung!«, sagte Terence.

»Ihr beiden zahlt jetzt und verschwindet auf Nimmerwiedersehen!«, sagte die Chefin. Und begleitet von den traurigen Blicken der weiblichen Stammgäste torkelten die Blonden dem Ausgang zu - und wurden nie wieder gesehen. •


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