Kreuzberger Chronik
Juni 2019 - Ausgabe 210

Geschäfte

Die Bäckerei am Eck


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von Sybille Matuschek

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Die Franzbrötchen der Bäckerei Banat.

Die blondierte Dame steht zum ersten Mal vor der Vitrine der Bäckerei Banat an der Ecke zur Mittenwalder Straße. Womöglich ist sie noch nicht lange in Kreuzberg, womöglich auch nicht ganz freiwillig, Geschäfte könnten sie in diese verwahrloste Stadt verschlagen haben. Ihre Blicke wandern die Vitrine entlang von rechts nach links und wieder von links nach rechts, immer schneller, bis sie kopfschüttelnd schimpft: »Also, Sie haben ja überhaupt keine Auswahl hier in Ihrer Vitrine!« Da muss die junge Frau mit ihren echt schwarzen Haaren hinter der Theke laut auflachen.

Die Fremde, die den Laden eiligst wieder verlassen hat, hat einiges übersehen. Denn sollte sie eine Begleitung für ihren morgendlichen Filterkaffee gesucht haben, so hätte sie in den Brotkörben im Regal hinter der Theke Brot und Brötchen finden können, Berliner Schrippen, Schusterjungen und Kaiserbrötchen. Sie hätte - genau wie bei der Bäckerei Steinecke in der Markthalle - die Auswahl gehabt zwischen Sesambrötchen und Mohnbrötchen, Kürbiskernbrötchen und echt deutschen Sonnenblumenbrötchen, um ihren stinkigen Harzer oder ihre deutsche Leberwurst darauf zu schmieren. Sollte sie ihre Urlaube in der Schweiz, Italien oder Spanien verbracht haben, so hätte sie für die Mailänder Salami, den Serrano-Schinken oder den Schweizer Käse auch ein Nizza-Baguette oder eine Bayerische Brezel finden können.

Womöglich aber war die Dame nur auf der Suche nach etwas Süßem gewesen und fand nun weder Schwarzwälder Kirsch- noch Sachertorte. Dass es in der vermeintlich arabischen Bäckerei auch deutsche Apfel- und Quarktaschen, Bienenstiche und Plundergebäck gab, und dass das süße Angebot von duftenden Franzbrötchen und französischen Croissants über Donuts bis hin zu Brownies reichte und damit ziemlich weltstädtisch, um nicht zu sagen multikulturell war, stimmte die Dame auf ihrer Suche nach Pfannkuchen nicht gnädiger.

Vielleicht aber hatte sie den Plunder und den Bienenstich auch gar nicht richtig gesehen, so schnell, wie sie ihren Kopf hin- und herbewegte. Vielleicht war dieser Blick in die Vitrine mit den orientalischen Spezialitäten zu viel für sie gewesen, all diese hübschen, bunten Köstlichkeiten mit so fremdländischen Namen wie Namoura, Baklava oder Mamoulmad. Vielleicht hätte sie eigentlich gerne eines von diesen »Vogelnestern« probiert, diesen kleinen Gebäcktörtchen mit leuchtend grünen Pistazien in der Mitte. Oder einen von diesen Datteln gefüllten Ma´mouls, die sie so schön in buntes Papier gepackt hatten, dass es aussah wie Weihnachten. »Eigentlich...«, hatte sie vielleicht noch im Hinausgehen gedacht... - aber nun war sie draußen, und eine Umkehr war ausgeschlossen. •


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