Kreuzberger Chronik
Juli 2019 - Ausgabe 211

Strassen, Häuser, Höfe

Yorckstraße 83


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von Horst Unsold

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Die Zeiten, als der junge Maurermeister Wilhelm Ferdinand August Riehmer an sein Lebenswerk ging und ein komplettes Stadtviertel mit komfortablen Wohnungen für Offiziere und Beamte zusammenmauerte, einen parkähnlichen, kreuzförmigen Innenhof und imponierende Portale schuf, sind lange vorbei. Wer 1892 in die Wohnungen und Geschäftsräume der Erdgeschosse einzog, weiß niemand mehr. 50 Jahre später wurden Bomben abgeworfen, Panzer rollten über die Yorckstraße, aber Riehmers Hofgarten wurde von den amerikanischen Bombern weitgehend verschont. Auch das Haus mit der Nummer 83 blieb stehen. Auf der anderen Straßenseite jedoch waren die meisten Häuser zerstört, Anfang der Fünfzigerjahre wurde gegenüber ein großer Neubau errichtet: Das Kreuzberger Rathaus.

Nach dem Krieg waren selbst die großen Wohnungen in Riehmers Hofgarten zu klein für die vielen Menschen, die kein Dach mehr über dem Kopf hatten. Wieviele damals hier wohnten, ist ungewiss. Das Bestattungsunternehmen in der Nummer 84 jedenfalls, das schon in den Zwanzigerjahren mit riesigen Lettern an der Fassade für »SÄRGE« warb, hatte viel zu tun. Erst in den Sechzigerjahren kehrte allmählich das Leben zurück, in Abbruchhäusern mit billigen Mieten eröffneten Kneipen und nannten sich Leierkasten oder Ruine. In der Yorckstraße lagen gleich drei dicht beieinander: Die Nulpe, das Yorckschlösschen und in der Nummer 83 - dort wo in den Zwanzigerjahren noch ein Delikatessengeschäft gewesen war – das Delirium.

Von den appetitlichen Delikatessen war im Delirium nichts mehr zu sehen. Die Fenster waren zugemauert, die Wände mit Holz verkleidet, schwingende Saloontüren, ein Flipper-Automat und eine Musicbox erinnerten an einen Westernsaloon. Als Primo und Jürgen Grage, Kreuzbergs Kneipierlegende, groß und breit »DELIRIUM« an die Fassade schrieben, dachten »die da drüben beim Bezirksamt, die sehen nicht recht!« und protestierten, bis der Name nur noch winzig klein über der schmucklosen Eingangstür stand. Stattdessen warb nun »Engelhardt« mit einem großen Schild um Kundschaft.

Zur Kundschaft gehörten neben den Studenten auch einige Ureinwohner, zum Beispiel die alte Lucie, die »furchtbar stank und feuchte Spuren hinter sich herzog«, wenn sie das Lokal verließ. Weshalb »der Teppich jeden Abend nass gewischt wurde, bis er irgendwann nicht mehr als Teppich zu erkennen war. Aber es war ne geile Kneipe, alle hatten ihren Spaß!«, sogar Primo, der seine Frau auf dem Tisch Striptease tanzen ließ, wenn er gerade Lust darauf hatte – wie sich die Gäste von damals noch heute gerne erinnern. Primo war der ehemalige Zapfer aus der Meisengeige, »die schließen musste, weil die Jungs von der Potsdamer Straße zu viel Stress machten.«

Das Delirium hielt sich fast 2 Jahrzehnte, irgendwann zogen eine zwielichtige Disko und für kurze Zeit ein Nudelrestaurant im Erdgeschoß ein, während die Wohnungen darüber bereits als Pension für Monteure und Durchreisende genutzt wurden. Aber dann fiel die Mauer, Berlin wurde attraktiv und obendrein zur Hauptstadt, weshalb man im Willy-Brandt-Haus auf die Idee kam, für die künftigen Gäste aus Politik und Wirtschaft ein hübsches Hotel in der Nähe einzurichten. Ins Visier geriet die kleine Pension in der Yorckstraße.

1998 handelte die SPD-eigene Deutsche Druck & Verlagsgesellschaft mit ihrer kleinen Berliner Tochter, der Reisebüro Willi-Brandt-Haus GmbH, einen Pachtvertrag mit Heymann & Kreuels aus, die vom Berliner Senat bereits einige Jahre zuvor 70 Millionen D-Mark für die Renovierung des denkmalgeschützten Gebäudekomplexes erhalten hatten. Man riss die Wand heraus, die einst Delirium, Nudelverkäufer und Diskothek von der Pension trennte, gab den Räumen im Erdgeschoß einen nobel wirkenden Anstrich, stellte neue Möbel auf und hängte einige Originale aus dem gigantischen Kulturfundus der Partei an die Wände. Zuletzt suchte man sich mit Tim Raue einen aufstrebenden Koch für das neue Hotel-Restaurant und engagierte dessen Frau für die Hotelleitung.

Tim Raue war nicht kleinlich bei den Ausgaben für die Einrichtung seines Lokals, das sich fortan E.T.A.-Hoffmann nannte. Drei Jahre später jedenfalls erhielt Klaus-Peter Willhöft, ein erfahrener Hotelier von der Küste und Präsidiumsmitglied des Schleswig-Holsteinischen Gaststättenverbandes, den Auftrag, das Gästehaus der SPD auf seine Wirtschaftlichkeit hin zu überprüfen. Er kam zu dem Ergebnis, dass sich mit einigen kleinen Veränderungen durchaus schwarze Zahlen schreiben ließen. Doch in der SPD hatte man beschlossen, sich auf das »Kerngeschäft«, die Politik, zu konzentrieren, und so fragte man den Gutachter, ob er nicht Interesse hätte, das Haus samt Hotel und Restaurant selbst zu übernehmen. Klaus-Peter Willhöft übernahm, und schon ein halbes Jahr später war der Betrieb mit seinen 23 Zimmern profitabel.

Thomas Kurt, der den zum Sternekoch aufgestiegenen und abgewanderten Raue ablöste, bekochte nun regelmäßig die Bürgermeister Momper und Wowereit. Gerhard Schröder und Oskar Lafontaine feierten ihren Wahlkampfabschluss 1998 mit der gesamten Truppe im Hotel-Restaurant. John Malkovich residierte im Hofgarten und war so angetan von der privaten Atmosphäre im Altberliner Mietshaus, dass er sich mit dem Hotelier fotografieren ließ. Und Martin Walser verewigte das Haus mit der Nummer 83 sogar in einem seiner Romane. Für den nicht auszuschließenden Fall, dass auch dieses schöne Hotel eines Tages schließen muss - wegen unbezahlbarer Mietforderungen. •


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