Kreuzberger Chronik
Juli 2019 - Ausgabe 211

Reportagen, Gespräche, Interviews

Der Park des Herrn


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von Hans W. Korfmann

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Immer wieder kommt es zu Unruhe auf den letzten Ruhestätten. Mal sind Wohnhäuser, mal ist ein Park zwischen den Grabstätten geplant. Die Stadtplaner des 21. Jahrhunderts machen vor dem Friedhof nicht halt. Ein Spaziergang im Grünen.


Dieter Peters



Vor einem Jahr luden Kirchenvertreter, Naturschützer und Stattbau zu einem Spaziergang über den Friedhof ein. Man führte interessierte Nachbarn zu einem verwilderten Teil des Alten Luisenstädtischen Friedhofs, wo sich Fuchs und Hase Gute Nacht sagen, ganz in schwarz gekleidete Gothik-Fans auf ganz nackte Sonnenbader treffen. In der Idylle zwischen verblassenden Inschriften und sich müde zur Seite neigenden Grabsteinen wolle man aufräumen und einen Park anlegen. Die Steine seien zu gefährlich geworden, die Wege schlecht, das Treiben im unübersichtlichen Gelände unkontrollierbar. Um nicht undemokratisch zu wirken, stellte man das Parkkonzept den Bürgern vor und bat darum, Ideen einzubringen. Dann wurde es vollkommen still um den Friedhofspark. Ein Jahr später aber präsentierte man gleich vollendete Tatsachen:

»Und hier, in dieser Gruft, « - der Redner deutet auf ein Gewölbe an der äußeren Friedhofsmauer, das vom Einsturz bedroht ist – »hier wollten wir eigentlich so eine Art Pförtnerhäuschen einrichten und einen Eingang zur Golßener Straße öffnen. Nur für besondere Anlässe, Konzerte und Veranstaltungen. Aber da haben einige Leute anscheinend etwas dagegen, deshalb haben wir davon Abstand genommen.«

»Können Sie garantieren«, fällt ihm einer der Kreuzberger ins Wort, »dass dieses Tor nicht doch irgendwann geöffnet wird!« – »Lieber Herr Lückert!«, anwortet der Redner und lächelt siegesgewiss, »Sie werden doch verstehen, dass ich nicht voraussagen kann, was in dreißig oder vierzig Jahren hier passiert. Aber ich kann Ihnen garantieren, dass die Pforte zunächst einmal vom Tisch ist und in den nächsten fünf Jahren auch nicht realisiert wird.«


Dieter Peters
Klaus Lückert ist der Initiator einer Bürgerinitiative, die sich den Schutz der historischen Friedhöfe auf die Fahnen geschrieben hat, und die 5000 Unterschriften sammelte, um eine Bebauung des Friedhofes zu verhindern. Klaus-Ekkehard Gahlbeck ist Geschäftsführer des vor zehn Jahren gegründeten Evangelischen Friedhofsverbandes Berlin Stadtmitte, einem der größten innerstädtischen Landbesitzer. Allerdings handelt es sich bei dem etwa 230 Hektar großen Besitztum um wenig lukratives Grünland, weshalb die chronisch unter Geldnot leidende Kirche heilfroh war, als die Stadt 2006 in einem sogenannten Friedhofentwicklungsplan festlegte, dass ein Teil der Fläche umgewidmet werden dürfe. Von den Gottesackern des Friedhofsverbands Stadtmitte sollen künftig 3 % zu Parkanlagen und 13 % zu Bauland werden. Für weitere 13 % gibt es noch keine konkreten Planungen, ebensowenig wie für jene 27 %, die »mittelfristig nicht mehr für Bestattungen benötigt« - und damit ebenfalls zu potentiellem Bauland werden könnten. Konkret ist derzeit von 1900 bis 2150 Wohneinheiten auf den Friedhöfen des Verbandes die Rede.

Die Zahlen machen deutlich: Grün ist in Berlin auf dem Rückzug. Die großen Wiesen stillgelegter Flughäfen, die Berliner Schrebergärten, die Grünstreifen entlang der Bahnstrecken, die letzten von der Natur zurückeroberten Nachkriegsbrachen, und nun sogar die Friedhöfe: Sie alle sind zu potentiellem Bauland verkommenund ins Visier einer Politik geraten, die auf Investoren baut. Die Grünen sind grau geworden. Betongrau.

Nur mit ihrer Unterstützung konnte während der Flüchtlingskrise beschlossen werden, auf insgesamt »12 potentiellen Friedhofsflächen Gemeinschaftsunterkünfte für Flüchtlinge« zu errichten. Auch auf den Friedhöfen an der Bergmannstraße sollten Ruhestätten zu Wohnstätten werden, zunächst für Flüchtlinge, später für Studenten oder Künstler. Doch Bedenken der Denkmalschutzbehörde und die Bürgerinitiative ließen das Bauprojekt zunächst scheitern, und zum Jahresende verliert das temporäre Sonderbaugesetz, mit dem auch die Flüchtlingsunterkünfte auf dem Tempfelhofer Feld legitimiert wurden, seine Gültigkeit. Eine Verlängerung des Paragraphen über 2019 hinaus ist nicht in Sicht. Auch wenn die zuständige Senatorin Breitenbach noch immer von 20.000 benötigten Flüchtlingsunterkünften spricht, versucht der Senat bereits händeringend, die sündhaft teuren Wohncontainer wieder loszuwerden. Trotzdem hat Gahlbeck die Hoffnung noch nicht aufgegeben. »Wir werden einen letzten Anlauf nehmen und noch einmal einen neuen Bauantrag einreichen.«

Die derzeitigen Planungen allerdings sind bescheidener als die ursprünglichen. Die alte Eiche, die dem Bau im Wege stand, darf stehen bleiben. Auch die weit ins Friedhofsland hineinreichenden Seitenflügel sollen nun nicht mehr verwirklicht werden. Übriggeblieben ist eine relativ schmale, etwa 30 Meter lange Bebauung entlang der Jüterboger Straße zwischen den Kriegsräbern bis zum so genannten »Wirtschaftshof« - einer verwahrlosten Ecke, in der seit Beginn der Bauplanungen zwischen letzten Gräbern alte Grabsteine, Baumschnitt, Gartenabfälle und der Erdaushub gelagert werden. Auf den so genannten Wirtschaftsflächen der Friedhöfe nämlich sind Baugenehmigungen relativ einfach durchzusetzen.

Ob, wann, wie hoch und wie breit gebaut werden darf, wird die nahe Zukunft zeigen. Im südöstlichen Zipfel des Alten Luisenstädtichen Friedhofs aber hat die Zukunft bereits Gestalt angenommen: Die romantische Gestalt eines kleinen Wildparks. »Friedhofspark - das ist eine etwas unglückliche Formulierung«, sagt Katarina Henkys vom Aktionsprogramm Grün. Es sei ein Begriff, der anlässlich des Friedhof-entwicklungsplanes 2006 vom Senat ins Schlachtfeld geworfen, aber nie konkretisiert worden sei. Eine leere Worthülse, die viel Raum für Interpretationen ließe. »Die einen verstehen Friedhof, und die anderen verstehen Park!«, sagt Klaus-Ekkehard Gahlbeck. Aber es ginge um eine Symbiose, eine glückliche Allianz von Historie, Natur und lebendiger Begräbniskultur. Das alles solle im »Park« vereint werden. Zwischen den denkmalgeschützten Grabsteinen sollen neue Grabstätten entstehen, Gräser und Wildpflanzen nach Lust und Laune wachsen, Bäume sich wie in freier Natur entfalten können, Bienen summen, Schmetterlinge fliegen, Menschen auf Bänken sitzen. Das alles sieht schon sehr hübsch aus und lässt die skeptischen Kreuzberger verstummen, einen Moment lang ist nur noch Vogelgezwitscher zu hören. Sogar ein Pirol ist darunter.


Dieter Peters
»Hier«, erklärt Frau Henkys den Besuchern, »sollen entlang der kleinen Trampelpfade, die sich im Lauf der Zeit gebildet haben, zwei neue Wege den Park durchqueren. Keine befestigten Gehsteige, sondern Rasenwege, gemähte Schneisen zwischen Bäumen, Gräsern und Gräbern.« Einige Grabmale wurden bereits entfernt, Gras gesät, alte Bäume gefällt, neue dafür gepflanzt. »Wir ersetzen alles ein zu eins!«, versichert Klaus-Ekkehard Gahlbeck. Und wo vor einem Jahr noch der große Radlader und die Traktoren des evangelischen Fuhrparks tiefe und hässliche Furchen in die winterweiche Erde frästen, wächst längst wieder das Gras. Die Bienenhäuschen sind noch da und die kleinen Lichtungen, die zwischen verfaulten Bäumen entstanden waren, sind noch etwas lichter und größer geworden. Man ist mit Respekt vor der Natur, vielleicht auch vor den ewig rebellierenden Kreuzbergern an die Gestaltung dieses Wildparks herangegangen. Die Berfürchtungen eingier, das letzte Stück wilder Natur auf den Bergmannfriedhöfen könne zu einem Park mit englischem Rasen und Konzerthaus werden, haben sich nicht bestätigt.

Doch es gibt Friedhofskenner, die lassen keinen sonnigen Tag aus, füttern die Vögel, sammeln Kaninchenfutter oder Blumen, sehen nach den Verstorbenen oder nach dem Rechten. »Da hinten, da standen zwei Bäume, und da stehen jetzt keine mehr...« - »Und da vorne haben sie eine ganze Reihe von Büschen herausgerissen, das war ein Nistplatz für hunderte von Vögeln.« - »Warum haben Sie denn die alten Grabsteine eigentlich nicht stehen lassen?«

Das Gemeckere nimmt kein Ende. Der Begriff des Parks stimmt nachhaltig misstrauisch. Es ist ja auch erst ein Jahr her, da sprach man noch von einem Ort für Kunst und Kultur, Liegebänken und Installationen. Immer wieder müssen Henkys und Gahlbeck beschwichtigen. Immer wieder stellt sich die Frage: Warum hat man nicht einfach alles so gelassen, wie es war? Es war doch wunderbar, dieses verwunschene Stück Land in der Stadt, »die schiefen Grabsteine überall, phantastisch und geheimnisvoll...«

»Natürlich gehört das Geheimnisvolle dazu auf einem Friedhof. Und das alles wollen wir ja auch erhalten«, beteuert Gahlbeck. »Aber es gebe eben einen kleinen Unterschied zwischen verwunschen und verwahrlost.« Es gebe alte Leute, die sich tatsächlich fürchten würden in dieser entlegenen Ecke des Totenreichs, die kämen und sich beschwerten, sie hätten Nackte auf der Wiese gesehen, und schwarze Gestalten in finsteren Ecken. »Es geht hier nicht um deutsches Ordnungsbewusstsein, sondern um echte Ängste.«, sagt Gahlbeck.

Und dann führt er wieder einmal die Verkehrssicherheit ins Schlachtfeld. Die Gefahr herabfallender Äste und umstürzender Grabsteine. Nicht die Stadt, nicht die Angehörigen, die oft längst unauffindbar seien, allein der Friedhof sei für die Entsorgung der Grabmäler verantwortlich. »Wir müssen dann diese tonnenschweren Steine hier rausbringen. Und das ist eine ganz schön teure Angelegenheit.«

»Die reden immer nur vom Geld!«, zischelt eine Frau aus dem Pulk, der Mann an ihrer Seite pflichtet ihr bei: »Die Pflege alter Bäume ist einfach zu teuer, da kommen sie doch mit ihren Kranwagen gar nicht mehr ran. Deshalb sägen sie die einfach ab und setzen neue. So ist das. Wenn die es ernst meinen würden mit der Verkehrssicherheit, dann würden sie erst einmal die Löcher in den Wegen stopfen, in denen sich die alten Leute die Knöchel verstauchen.«

Klaus-Ekkehard Gahlbeck hat es nicht leicht mit diesen Kreuzbergern. Das Misstrauen sitzt tief. Aber er versucht es noch einmal. »Das billigste für uns wäre gewesen, den Friedhof einfach zu schließen, so wie andere das auch machen. Aber wir haben uns entschlossen, ihn zu erhalten!« sagt Gahlbeck. Doch ganz so freiwillig und selbstlos, wie es sich anhört, war die Entscheidung nicht. Zum einen bestand das Denkmalamt ohnehin auf den Erhalt der historischen Grabmale, und durch die Umwidmung des Friedhofs zum Park konnten Gelder aus öffentlichen Mitteln und der EU aquiriert werden.

Auch könnte es sein, dass die Investition in Pflanzungen, Wege und Landschaftspflege am Ende doch noch positiv zu Buche schlägt. Denn die Nachfrage nach Plätzen auf den wild-romantischen Teilen der Friedhöfe wächst. Nirgends auf den insgesamt 21 Hektar der Bergmannstraßenfriedhöfe sind so viele neue Gräber zu finden wie hier, wo das Gras hoch wächst, wo sich Fuchs und Hase treffen und die Nachtigallen trällern. Und die meisten dieser neuen Gräber sind große Sargbegräbnisse, keine billigen Urnenbestattungen.

»Da liegen lauter Wessis!«, zwinkert eine Frau, die fast täglich zwischen den Gräbern unterwegs ist und die Vögel füttert. »Wenn die Verwaltung sagt, dass zu wenig gestorben und zu billig beerdigt wird, dann stimmt das ja nur bedingt. Die Zeiten, als man nach Berlin zum Studieren kam und dann zurückging nach Westdeutschland, um dort Geld zu verdienen, sind vorbei! Berlin ist nicht mehr so arm. Die, die heute hierher kommen, die sterben auch hier.« Und die haben Geld genug. Zum Leben, und auch zum Sterben. •


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