Kreuzberger Chronik
Februar 2019 - Ausgabe 206

Kreuzberger
Anuvida

Ich hab echt Glück gehabt, von Anfang an


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von Hans W. Korfmann

Titelfoto: Holger Groß

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Er steht seinem Zimmer unter dem Dach, eine hochgewachsene Gestalt, am Fenster, das zuerst den Blick über den Hinterhof und dann weiter nach Westen freigibt. Vor dem Abendhimmel, in dem noch eine Spur Blau und ein erster Stern zu erahnen sind, zeichnen sich die Silhouetten der Schornsteine ab. Eine Weile schaut er dem schwindenden Licht nach, dann wendet er sich wieder dem Zimmer zu: dem Arbeitstisch mit Computern und elektronischen Geräten, gegenüber die Wand mit den acht Gitarren – akustische Gitarren mit ausladenden, weiblichen Figuren neben schlanken, kleinen E-Gitarren, darunter die türkisfarbene Stratocaster, mit der er Hendrix spielt, und die Les Paul in ihrem schwarzen Abendkleid mit den goldenen Knöpfen. Anuvida liebt seine Gitarren.

Neben einem Sofa lehnt die Sitar, und am Fenster liegt auf einem kleinen Tisch seine größte Geliebte: die Kiboé. Er steht in der Mitte des Raumes, im Zentrum seines »Chaos Studios«, schaut sie der Reihe nach an und hebt ratlos die Schultern. Er wollte einen der Computer anwerfen, irgendein Programm hochfahren, eine der Gitarren von der Wand nehmen. Aber er zögert: »Ich weiß manchmal nicht mehr, wohin es gehen soll. Womit ich anfangen soll. Ich mag nämlich alles!«

Wohin es gehen sollte, war oft unklar. Es ging auf seiner Reise, die vor bald siebzig Jahren in Niedersachsen begann, mal hier und mal dort hin. Er hat jeden Kontinent betreten, mit Afrikanern getrommelt, mit Australiern Gitarre gespielt, mit Indern Sitarseiten gezupft und mit Lederhosenträgern auf Feuerwehrfesten zum Tanz aufgespielt. Er mag eben alles. Und jetzt ist, zum ersten Mal seit vielen Jahren, so etwas wie Stille eingekehrt in seinem Chaos Studio. Es gibt gerade keine Band, mit der er über die Bühnen zieht, kein Projekt, das ihn tagelang an den Computer fesselt. Sogar die Stelle als Musiklehrer in der Schule hat er vorübergehend abgegeben. Er steht da und überlegt, wohin es jetzt gehen könnte.

Ganz am Anfang schien alles klar zu sein. Der Großvater war Bäckermeister, und der kleine Enkel saß im knatternden »Goliath«, dem motorisierten Dreirad, mit dem Opa die Brote zu den Bauern der umliegenden Gehöfte von Ammerland fuhr. Der Vater war Elektriker, Anuvidas Brüder wurden Tischler, Mechaniker, Schlosser, er selbst lernte beim Kunstschmied. »Ich bin Handwerker«, sagt er und weiß, dass Melodien im Kopf nicht reichen. Dass man ohne Fingerfertigkeit weder eine Maschine bauen noch Musik machen kann. Und dass, umgekehrt, die schönsten Hände keine Musik machen. Anuvida hat Leute gesehen, »mit Händen wie Fleischer, Fingern wie Stümpfe - mit denen hätte ich früher nicht mal Bier getrunken. Und dann setzen die sich ans Klavier und spielen... – Wahnsinn!«

Natürlich hatte Anuvida in Schulbands angefangen und nicht erst Noten gelernt. »Noten kann man auch auf der Straße lernen.«
Trotzdem wurde er Gasthörer an der Uni in Oldenburg, saß mit den eingeschriebenen Studenten in den Hörsälen und lernte ein bisschen Theorie zur Praxis. Eines Tages stolperte er in einen Raum, »das sah aus wie im Raumschiff von Dr. Who«: Lauter elektro-akustische, in ihre Einzelteile zerlegte Gerätschaften und ein paar junge Leute um einen Professor mit weißem Kittel. Als Anuvida das Chaos sah, grinste er: »Braucht Ihr vielleicht Hilfe?«

Sie brauchten, und weil Anuvida etwas von Elektrik verstand, stieg er ein und stand eines Tages »mit einem Wassereimer auf der Bühne«, dessen blubbernde und tropfende Geräusche mittels eines elektronischen Tonabnehmers, den er eigens dafür konstruiert hatte, in den Verstärker transportiert und in die erstaunlichsten Töne transformiert wurden. »E-Werk« hieß die fünfköpfige Formation, »Watt Ihr Volt« war der Titel des Werks, das immerhin zwei Mal aufgeführt wurde.

Die Tonabnehmer waren eine geniale Idee, alle Geräte auf der Bühne waren damit ausgestattet. Die piezokeramischen Summerelemente »gab es für fünfzig Pfennige im Elektroladen. Dann brauchte man nur noch Stecker und Kabel. Heute kleben die Dinger an jeder Geige! Mit der Idee hat später wahrscheinlich irgendjemand Millionen gemacht!« Pech!

Nach den Versuchen mit elektronischer Musik trat er mit afrikanischen Trommlern auf die Bühne, den Talking Drums. Die Truppe mit den »sprechenden Trommeln« trat beim Kultursommer 1987 vor 2000 Zuschauern auf, die Zeitung schrieb vom »Hendrix auf dem Marktplatz von Oldenburg!« Anuvida war gerade dabei, bekannt zu werden, da reiste er ab. Er wusste nicht so recht, wohin, aber er hatte schon immer mal nach Kalifornien gewollt, und als die Mutter sagte, sie wolle Verwandte in den Staaten besuchen, stieg er mit ihr in den Flieger. Das Gepäck bestand aus einem Rucksack und der hölzernen Kiste mit seiner Kiboé. Die Mutter war erstaunt, als ihr Sohn am Tag der Heimreise verkündete, dass er in Amerika bleibe. Er hatte sogar sein Zimmer in Oldenburg aufgegeben. Er mochte eben alles, sogar Amerika!

In Berkeley suchte er sich eine Band, die spielte »High Energy Rock´n´Roll«: Joey, Mark, John und ein Trommler aus Hawaii. »Das ging richtig ab!« Er suchte nach einem Zimmer und zog bei C.C. Weeks ein. »Sie lag unten im Etagenbett, ich über ihr. Sissy konnte nur noch den Kopf und die Hände bewegen, seit sie in den See und auf einen Stein gesprungen war, aber ich habe selten jemanden getroffen, der so lebendig war wie die. Kürzlich hab ich mal nach ihr gegoogelt, es gibt jetzt sogar einen offiziellen C.C.-Weeks-Day; Sie hat zig Auszeichnungen erhalten, so viele Indianer hat sie aus dem Knast geholt.«

Es war nicht schlecht in Kalifornien. Vielleicht wäre er geblieben. Mit der Band lief es gut, auch wenn die geliebte Kiboé in ihrer Holzschatulle ein kümmerliches Dasein führte, weil Anuvida von morgens bis abends die E-Gitarre in der Hand hatte. Ferdinand nannte sich die Truppe, und sie hatten schon genug Stücke für ein Album zusammen und sollten bei Garth Webber aufnehmen, der ein paar Jahre mit Miles Davis gespielt und genug Geld gemacht hatte, um ein Studio aufzumachen. »Webber fand uns echt gut, aber das Studio war gerade im Umbau. Wir mussten warten.« Und Anuvida konnte nicht warten. Das Visum lief ab, eine Green Card bekam er nicht. Er musste zurück. Pech!

<IMG align="" width="345" height="25" src="Bilder/19_02_img_15.jpg" >Die Mutter freute sich über den verlorenen Sohn, aber weil er noch immer nicht wusste, wohin es eigentlich gehen sollte, schickte sie ihn zur Wahrsagerin. »Du stehst vor einem Lottogewinn«, sagte die Alte. Also kaufte er einen Lottoschein. Als er die drei Nullen am Ende der Losnummer sah, zerknüllte er die vermeintliche Niete und nahm den nächsten. Als die Gewinnzahlen verkündet wurden, sah er, dass er den falschen Schein weggeworfen hatte. »Das waren 100.000 Mark - genug, um mit der Kiboé in Serienproduktion zu gehen.« Pech!

Die Kiboé war sein letzter Trumpf, und nachdem er die Chance mit den selbstgebauten Tonabnehmern ebenso vertan hatte wie die, mit Ferdinand groß rauszukommen, wollte er wenigstens mit der Kiboé Geld verdienen. Man konnte schließlich nicht ein Leben lang von ein paar Auftritten und 8 Wochenstunden Gitarrenunterricht leben. An der Kiboé schmiedete er schon seit Jahren. Die erste, noch rein akustische Variante seiner kleinen Harfe hatte er gerade dem ehemaligen Leiter der Philharmonie in San Francisco vorgestellt, »ein totaler Messi, die Wohnung war bis unters Dach vollgeräumt. Aber von meiner Kiboé war er begeistert. Die müsse in jedem Laden stehen.«

Also baute Anuvida einen Prototyp mit elektronischen Tonabnehmern, Reglern und Knöpfen. Die zwölf Saiten führten in der Mitte über metallene, »verstellbare Brücken« und gaben laut Morgenpost »keinen falschen Ton« von sich. Anuvida setzte sich ans Verfassen einer Patentschrift, fuhr nach Berlin, betrat das mächtige Gebäude des Patentamtes an der Gitschiner Straße und hielt am 23. Mai 1990 das Patent mit der Nummer 3915444 in der Hand: Zweifellos die Zukunft!

Dann suchte er sich ein Zimmer in einer WG in Kreuzberg, nahm Kontakt zu verschiedenen Firmen auf, korrespondierte einige Wochen lang mit Hohner. Dort war man interessiert, stellte Kalkulationen auf und fasste die Herstellung von zunächst 10.000 Instrumenten ins Auge. »Und dann ging ich abends, halb acht oder so, aus dem Haus, und zehn Minuten später klingelt das Telefon. Und dann geht Joe ran, schwul, vollkommen bekifft, und schwafelt diesen Multrus, den Vertriebsleiter von Hohner, mit lauter obszönen Texten zu. Am nächsten Morgen ruf ich an. Multrus ist total kurz angebunden und meint, er habe von der Sache Abstand genommen.« Später hörte Anuvida, Multrus wolle »mit so verrückten Berlinern keine Geschäfte« machen.

Aber Anuvida war jetzt in Berlin. Und Berlin war spannend, es war das Jahr, in dem die Mauer fiel. Aber weil die Kiboé nicht in Serie ging, musste Anuvida wieder Gitarrenunterricht geben und suchte sich in seiner Not sogar einen Halbtagsjob bei Karstadt in der Musikabteilung. Das ging so lange gut, bis man ihm einen Abteilungsleiter vor die Nase setzte, der ständig zum Chef rannte und sich beklagte. Eines Tages meinte der Chef: »Herr Kiewning, ich kündige Ihnen nicht. Aber wenn Sie gehen möchten, kann ich Ihnen eine Abfindung geben.«

Das Geld reichte für eine Reise, und Klaus Kiewning alias Anuvida erinnerte sich an das Land, in dem er einst seinen neuen Namen erhalten hatte. Anuvida, jenen Namen, der ihm schon einmal die Richtung wies: 1977 in Poona, Indien, als er dem Bhagwan persönlich gegenüber saß und in die Augen blickte. Ein unvergesslicher Augenblick: »Anuvida, this will be your name.«

Anuvida, das bedeutet: »Wissen durch Erlebtes«. Aber jetzt, hier in Berlin, 15 Jahre später, stand er wieder da und wusste nicht genau. Obwohl er genug erlebt hatte. Vielleicht musste er noch einmal zurück. Schon damals hatten ihn diese orangenen Gestalten, die jeden Morgen am Strand von Anjuna ihre merkwürdigen Verrenkungen und Meditationsübungen aufführten, magisch angezogen. »Komm doch mit, wir fahren nach Poona!«, hatten sie gesagt. Und ihn mitgenommen.

Poona, 1977, war ganz anders, als er geglaubt hatte. Die Hippies hingen nicht lethargisch und vollgekifft in den Ecken, sondern waren voller Tatendrang, lauter arbeitsame Handwerker, die an einer neuen Stadt bauten, »motiviert wie ne Fußballmannschaft vor der WM!« Also ging Anuvida mit dem Geld von Karstadt ins Reisebüro und flog nach Indien. Doch in Bombay verlangte man ein Visum, die Zeiten, als man die Einreisegenehmigung am Flughafen erhielt, gehörten der Vergangenheit an. Zwei Stunden später saß er im Flugzeug zurück nach Europa.

Aber dieses Mal war er sich sicher. Dieses Mal wusste er, wohin er wollte. Im Reisebüro sah man ihn verwundert an: »Sie sollten doch jetzt in Indien sein!« – »Sie haben mir leider nichts von dem Visum gesagt!« Das Büro protestierte ein bisschen, dann erklärte man sich bereit, die Hälfte des Tickets zu erstatten. Anuvida trug einen seiner Verstärker in die Oranienstraße zu Central Music, steckte 500 Euro ein und flog zwei Tage später wieder zurück nach Poona. Und tatsächlich war Poona nach all diesen kleinen Fehlschlägen mit den Tonabnehmern, der verpatzten Karriere mit Ferdinand, dem Lottoschein und dem teuren Patent endlich die richtige Entscheidung. Denn als er dort eines Tages seine kleine Harfe auspackte und zu spielen begann, waren alle fasziniert. Er müsse unbedingt eine CD aufnehmen. So kam 1995 bei New Earth Records »Reiki« auf den Markt, ein paar Monate später trudelte der erste Scheck über 8000 Dollar ein. »Ich konnte endlich mal sagen: Dalin, komm, lass uns mal ´ne neue Küche kaufen

Inzwischen hat sich die Scheibe von Anuvida und Nik Tyndall mehr als 100.000-mal verkauft, noch immer kommen ab und zu kleine Schecks aus den Staaten an. Er hat ein paar gute Bands gefunden in Berlin, war beim »Konzert mit 100 Gitarristen« in der Parochialkirche und mit Hardbeat Five auf sämtlichen Bühnen Berlins, um Rock´n´Roll zu spielen. Irgendwie hatte doch alles seine Richtigkeit. Auch wenn er immer noch manchmal in seinem Zimmer steht und nicht weiß, zu welcher Gitarre er greifen soll, und seine Kiboé noch immer nicht bei Karstadt in der Musikabteilung gelandet ist, sagt er, wenn er über die Schornsteine hinweg der untergehenden Sonne nachblickt: »Eigentlich hab ich echt Glück gehabt, von Anfang an!« •


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