Kreuzberger Chronik
Februar 2019 - Ausgabe 206

Geschichten & Geschichte

Max Missmann


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von Sybille Matuschek

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Ein beinahe vergessener Fotograf

1987 erscheint bei Kiepenheuer ein Bildband mit historischen Fotografien eines bislang unbekannten Fotografen. Max Missmann hatte mit seiner Kamera den Wandel Berlins von der Stadt der dunklen Hinterhöfe zur glänzenden Metropole mit prächtigen Alleen dokumentiert. Anders als bekannte Berlin-Fotografen wie F. Albert Schwartz hat sich Missmann weniger dem Leben als der Architektur in der Hauptstadt zugewandt. Kein anderer hat die bedeutenden Gebäude und Plätze Berlins Anfang des 20. Jahrhunderts so lückenlos auf Fotoplatten verewigt wie Max Missmann.

1903 taucht sein Name zum ersten Mal im Berliner Adressbuch auf, aber sein Atelier am Kottbusser Ufer ist nur eines unter vielen in der Hauptstadt. 233 fotografische Ateliers sind in Berlin registriert, und es sollten immer mehr werden. Doch Max Missmann ließ sich dadurch nicht einschüchtern. Bereits 1905 verkaufte er 31 Aufnahmen an das Märkische Museum, das früh begann, fotografische Zeugnisse der Berliner Geschichte vor dem Verblassen zu retten. Bis zum Beginn der Zwanzigerjahre kaufte das Museum regelmäßig bei Missman ein und ist heute im Besitz von mehr als 800 Missmann-Fotografien.

Dennoch verging beinahe ein Jahrhundert, bis bei Kiepenheuer ein Buch mit Missmanns Bildern erschien: »Alt-Berlin - Historische Fotografien von Max Missmann«. Doch noch immer war der Fotograf ein Unbekannter, nicht einmal die Archivare des Märkischen Museums hatten es für nötig gehalten, eine Notiz über den Autor jener Bilder anzulegen, die sie so fleißig erwarben. Wolfgang Gottschalk schrieb im Vorwort des Bildbandes: »Über Max Missmann konnten - trotz weitreichender Ermittlungsversuche -keinerlei biografische Angaben in Erfahrung gebracht werden. Neben den Originalfotografien erlauben lediglich die Adressbücher sowie die Inventarverzeichnisse im Märkischen Museum, das Wirken dieses Fotografen über eine Zeitspanne von 4 Jahrzehnten - zwischen 1903 und 1943 - zu verfolgen. Über die Lebensdaten lassen sich nur Vermutungen anstellen.«

Doch kaum sind diese Worte gedruckt, fällt der Bildband Michael Rutschky, einem in Berlin lebenden Autor und Fotografen, in die Hände, dem klar wird, dass sich im Märkischen Museum »ein regelrechtes Œuvre von Max Missmann« befindet. Rutschky »bekommt eine Gänsehaut«: Max Missmann ist sein Großvater! So kann zwei Jahre später in der Berlinischen Galerie endlich auch die persönliche Geschichte des Fotografen Missmann erzählt werden. Eine Kreuzberger Geschichte.

Theodor Max Missmann kam 27. Juni 1874 in Kreuzberg zur Welt. Sein Vater war ein Uhrmacher aus der Ostprignitz, der in Berlin sein Glück suchte. Die Familie hat die Stadt nie wieder verlassen, auch wenn sie ruhelos war und von der Skalitzer in die Mariannenstraße und zurück in die Skalitzer und zum Schluss ans Kottbusser Ufer 57 zog.

Auch Max Missmann blieb dem Viertel treu, ein Abstecher nach Charlottenburg war nur von kurzer Dauer. Mit 21 Jahren begann er im Fotoatelier Zander & Labisch in der Mohrenstraße seine Lehre, um 1903 in der Werkstatt des Vaters sein erstes Atelier zu eröffnen. Von Anfang an versah er seine Negative mit den Initialen MM, einer fortlaufenden Nummer und einer Jahreszahl. Bis heute wissen Archivare die ausgeprägte Ordnungsliebe Missmanns zu schätzen. 1904 zog er mit seinem Photographischen Institut für Architektur, Industrie und Illustration ans Kottbusser Ufer, zwei Jahre später verfügte er bereits über einen Telefonanschluss im Büro und eine Frau im Wohnzimmer: Marie Stake, die schöne Näherin aus Königsberg.

1911 zog er mit Kind und Kegel und allen seinen Apparaten in die Gneisenaustraße Nummer 22, die Ecke zur Zossener Straße, wo er sich im 4. Stock neben seiner Wohnung ein verglastes Atelier einrichtete. Einige Jahre später verlegte er die verglasten Arbeitsräume in die 5. Etage. Wohnung, Büro und Kontor blieben im 4. Stock.

Die Zwanzigerjahre waren auch für ihn Erfolgsjahre. Er arbeitete oft bis tief in die Nacht hinein und blieb seinem Leitmotiv - der Architektur der Metropole -treu. In seinen Werbeannoncen allerdings tauchten jetzt auch die Themen Industrie, Technik und sogar »Landschaft« auf. Obwohl die einzigen Landschaftsaufnahmen bislang eher privater Natur waren: Romantische Bilder der ländlichen Idylle in Senzig bei Wusterhausen, wo die Familie die Sommerfrische verbringt.

Doch die Krisen, die Nazis und der Krieg machten auch ihm das Überleben schwer. Die goldenen Zwanzigerjahre waren Vergangenheit, die Aufträge gingen zurück. Immerhin konnte er 1934 noch einmal 308 historische Aufnahmen an das Märkische Museum verkaufen - zum Schleuderpreis von 803,50 Reichsmark. Es ist eine »der umfangreichsten Fotoerwerbungen des Märkischen Museums überhaupt.«

Als der Krieg über Berlin hereinbrach, gab es schon bald von vielen jener großartigen Gebäude nur noch Fotografien. Der Koffer mit Missmanns Objektiven stand jede Nacht am Bett, neben der Tasche mit den Papieren. Als im Januar 1944 tatsächlich eine Bombe das Atelier traf, war der Schaden groß. Schlimmer noch war, dass wenige Tage später der Räumungsbefehl für das gesamte Haus folgte. Missmann musste sein Atelier räumen. Er stellte eine 23-seitige Inventarliste zusammen und forderte Entschädigung. Der Brief endet mit den Worten: »So ist nun die Arbeit von vier Jahrzehnten vergebens.«

Missmann kommt über den Verlust nicht hinweg und stirbt am 3. Oktober 1945 im Alter von 70 Jahren. Er wird ohne viel Ehren auf dem Friedrichswerderschen Friedhof an der Bergmannstraße begraben. 1975 verschwindet auch sein Grab. Geblieben sind Tausende numerierter Fotografien. Die letzte trägt die Nummer 23784. •

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