Kreuzberger Chronik
Februar 2019 - Ausgabe 206

Kanzlei Hilfreich

Hilfreich erinnert sich


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von Kajo Frings

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Jens Hilfreich ist immer irritiert, wenn es um politisch korrekte Begriffe geht. Er mag keine Anglizismen, wenn es auch deutsche Wörter gibt. Schon bei dem Begriff »coloured people« fragt er sich, warum niemand mehr »Farbige« sagt. Zugegeben, die Zeiten, in denen im Otto-Katalog eine dunkelhäutige Stoffpuppe namens »Schlenkerneger Bimbo« zum Kauf angeboten wurde, sind vorbei, aber als er kürzlich gefragt wurde, warum in einer Geschichte eines Kiezmagazins eine »Spendensammlerin« in der Bergmannstraße als »Zigeunerin« tituliert wurde, erinnerte sich Jens Hilfreich an einen Abend in den Neunzigern, als es die »Molle« noch gab, die Absturzkneipe Zossener-Ecke-Bergmann, in der er gelegentlich sein Feierabendbier trank.

Ein dunkelhäutiger Mensch saß am Tresen und trank langsam, man hätte auch sagen können, »nippte«, an seinem Bierglas. Ein hellhäutiger Gast mit schwerer Schlagseite versuchte ihn in ein Gespräch zu verwickeln. »Warum sitzt du hier? Redet doch eh nicht einer mit dir. Du kannst einem leid tun.« Der Dunkelhäutige trank gelassen weiter, ignorierte das Drängen auf ein Gespräch. Hilfreich grübelte über seinen Biergläsern. Irgendwann, kurz vor der einen Stunde, in der im damaligen Westberlin jede Kneipe geschlossen sein musste, da das Gesundheitsamt darauf bestand, dass einmal pro Tag die Zapfanlage durchgespült werden muss, fing der mit der Schlagseite wieder an, den dunkelhäutigen Gast vollzulabern. »Wenn Sie schon nicht reden wollen, warum sitzen Sie dann hier? Sie können ja auch irgendwohin gehen, zu...« -er suchte nach Worten- ».... Ihresgleichen«. Müde mischte sich Hilfreich ein: »Lassen Sie den Mann doch in Ruhe! Der will nur sein Bier trinken!« Und zu dem Dunkelhäutigen gewandt: »Excuse him, some people in this bar are really silly. Some of them drink too much. If you need some help...«

Mit Mühe pfriemelte Jens Hilfreich eine seiner Visitenkarten aus der Anzugtasche und übergab sie förmlich dem immer noch schweigenden Mittrinker mit den Worten »Trust me, I‘m a lawyer!«.

Der Mann legte die Visitenkarte ungelesen auf den Tresen, mit der bedruckten Seite nach unten.

»Wissen Sie«, sagte er mit tiefer ruhiger Stimme, »der Betrunkene da, der mich den ganzen Abend vollgequatscht hat, ist ein ziemlicher Idiot. Sie aber, Sie sind ein Rassist. Sie kommen gar nicht auf die Idee, dass ein Mensch mit schwarzer Hautfarbe der deutschen Sprache mächtig ist. Für Sie bin ich doch nur ein ausländischer Buschmann!«

Jens Hilfreich stand da, fühlte sich erst missverstanden, dann ertappt und beschämt. Er verließ die Kneipe und wachte am anderen Morgen sehr nachdenklich auf. Er hatte das nächtliche Gespräch nicht vergessen. Bis heute nicht. •

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