Kreuzberger Chronik
Dez. 2019/Jan. 2020 - Ausgabe 215

Strassen, Häuser, Höfe

Die Großbeerenstraße Nr. 40


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von Werner von Westhafen

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Hier wohnte Kreuzbergs Graue Eminenz

In der Berlinischen Monatsschrift vom Mai 1996 steht die Legende vom Schnitzel à la Holstein, das seinen Namen einem Politiker zu verdanken habe. Der Staatsbeamte, der beinahe sein ganzes Leben in der Großbeerenstraße Nr. 40 mit Blick auf den Wasserfall gewohnt haben soll, speiste zu Mittag bei Borchardt in der Französischen Straße, wo man eigens für ihn eine Komposition aus Schnitzel, Spiegelei und Trüffelpaste nebst Garnitur aus Austern, Kaviar, Hummerschwänzen und verschiedenem Gemüse kreiert haben soll. Da der Herr von Holstein auch zuhause auf sein Schnitzel nicht verzichten wollte, habe der Kellner im Großbeerenkeller schon beim Eintreten des Geheimrates unverzüglich die Tür zur Küche aufgerissen und gerufen: »Ein Schnitzel à la Holstein...«

Auch beim allwissenden Nachschlagewerk Wikipädia steht zu lesen, dass der Gast namens Holstein stets in Zeitnot gewesen sei und schon beim Betreten des Lokals in der Französischen Straße »Vorspeise und mein Schnitzel, schnell, schnell!« gerufen haben soll, - weshalb der Koch in seiner Eile alles zusammen in eine Pfanne warf. Doch Wikipädia weiß auch, dass die derart gebratenen Fleischstücke bereits Anfang des 19. Jahrhunderts in den Kochbüchern der Region Holstein auftauchten, weshalb anzunehmen ist, dass das Schnitzel seinen Namen eher der Region als dem Baron verdankt.

Wie dem auch sei: Sicher ist, dass Friedrich August Karl Ferdinand Julius Baron von Holstein 1837 in das uralte Mecklenburger Adelsgeschlecht derer von Holstein geboren wurde und 72 Jahre später in der Großbeerenstraße 40 starb. Drei Jahrzehnte lang, heißt es, habe er als Graue Eminenz die Geschicke der Nation gelenkt. Als Reichskanzler Bülow seinem ständigen Berater einen letzten Besuch in seiner winzigen Zweizimmerwohnung am Viktoriapark abstattete, in der es weder Telefon noch Strom gab, bemerkte von Bülow, die Absteige »hätte einem subalternen Beamten kaum genügt.«

Als der Kanzler sich verabschiedete, rief ihm von Holstein mit letzter Kraft nach: »Bleiben Sie im Amt. Was soll denn ohne Sie bei einem so unvorsichtigen Kaiser (...) und einem in außenpolitischen Dingen so kindischen Reichstag sonst aus dem Staatsschiff werden?«. Dann starb der Geheimrat, »nur wenige folgten seinem Sarg«, schreibt die Welt am Sonntag 1957, als die »Geheimen Aufzeichnungen« der Grauen Eminenz veröffentlicht werden und noch einmal ein ganz anderes Licht auf das Leben jenes Mannes werfen, der für sämtliche Missgeschicke der Nation verantwortlich gewesen sein soll.

Aufgewachsen auf einem Gut in Pommern zieht Fritz mit seiner Familie nach Berlin, wo er in nur zwei Jahren das Abitur macht. Schon mit 23 Jahren schlägt er als Attaché der Deutschen Gesandtschaft in Petersburg an der Seite Bismarcks die Diplomatenlaufbahn ein.

Auch später, in der Funktion des Reichkanzlers, findet Bismarck Verwendung für den jungen Mann, der fließend Englisch, Italienisch und Französisch spricht und Geschick in diplomatischen Angelegenheiten besitzt. Der lebenslange Junggeselle, dem die ZEIT noch 2009 attestiert, er sei »extrem misstrauisch, sehr empfindlich, rachsüchtig und intrigant« gewesen, bereist im Dienste Preußens die Welt und wohnt in London, Florenz, Kopenhagen und Rio de Janiero. Zwei Jahre lang ist er als Botschafter in Washington, lässt sich mit Stock und Hut in feiner Gesellschaft vor den Niagarafällen fotografieren und berichtet in langen Briefen an Ida von Stülpnagel, seine geliebte Cousine, von Büffeljagden, Indianern, Lagerfeuern und Klapperschlangen. Sogar über eine Affäre mit der Frau eines US-Senators wird getuschelt, weshalb dieser für eine unverzügliche Versetzung des preußischen Gesandten gesorgt haben soll. Woraufhin die Frau sich von ihrem Senator scheiden ließ.

Zurück in Berlin lässt sich von Holstein vom diplomatischen Dienst beurlauben, um als Unternehmer sein Glück zu versuchen, doch verspielt er sein gesamtes Erbe. Zerknirscht erscheint er in Versailles, wo Bismarck gerade über den Frieden verhandelt. Der nimmt den verlorenen Diplomaten gerne wieder in seine Dienste.

Fast drei Jahrzehnte bekleidet er nun das Amt eines Beratenden Rates, bis er 1891 Wirklicher Geheimer Legationsrat mit dem Titel Excelenz wird. Doch da ist das Ende seiner Laufbahn bereits in Sicht. Zu unbeliebt ist die Graue Eminenz geworden, die im Hintergrund die Fäden zieht und hinter verschlossenen Türen verhandelt, und an der auf dem Weg nach Oben kein Aufstrebender mehr vorbei kommt.

Von Holstein hatte einen geradezu »unheimlichen Einfluss« auf die drei Kanzler, denen er diente. Er entschied über Personalfragen ebenso wie über Bündnispartner des Kaiserreiches. Selbst Bismarck, der ihm so lang verbunden war, bezeichnete ihn später als »den Mann mit den Hyänenaugen«, und der Kaiser schimpfte ihn einen »Höllensohn«. Die Salondame Marie Ratziwill (vgl. Kreuzberger Nr. 190) beschrieb einen Mann, der »geheimnisvoll im mehr oder minder trüben Wasser fischt!« Sein Element sei die Intrige. Dass von Holstein in einer eigens angelegten Kartei akribisch alle Verfehlungen seiner Vorgesetzten notierte und kundtat, der Kaiser glaube, er könne »in einer halben Stunde beim Frühstück die Welt regieren« - all das machte ihn nicht sympathischer. Ob er selbst am 14. April 1906 den Abschied einreichte, oder ob man ihn aus dem Amt drängte, ist umstritten. Sicher war er amtsmüde, wenn er schrieb: »Als alter Mann kriegt man auch das ewige Gehorchen satt!« Hinter den Kulissen aber blieb er aktiv bis zu jenem Tag, als er - aus Sorge um sein Reich - noch mit letzter Kraft dem Kanzler zurief: »Bleiben Sie im Amt.... Bleiben!« •

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