Kreuzberger Chronik
Dez. 2019/Jan. 2020 - Ausgabe 215

Briefwechsel

Ein Auge für die Ästhetik!


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von Dietmar Nass

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Dietmar Nass zum »Kiezgespräch«, Nr. 208

Lieber Herr Chefredakteur,

mit Freuden habe ich in der neuesten Kreuzberger Chronik von den verzweifelten Stimmen der Bürgerbeteiligten gelesen. Ich selbst habe schon in der Bergmannstraße und alten Markthalle eingekauft, da ist der werte Herr Schmidt noch mit der Trommel um den Weihnachtsbaum gerannt. Was war das für ein blühendes Leben! Es gab Penner, Punker, Türken und Studenten, und alle kamen miteinander klar, weil sie ihre Kneipen und ihre Wohnungen hatten und dort zu Hause waren. Toleranz nennt man das. Aber es gab schon immer Menschen, die sich die eine oder andere Verbesserung im Kiez gewünscht haben. Das ist auch gut so. Es wurde diskutiert, Bezirksbürgermeister wie Pietschker oder König lebten für diesen Bezirk. Sie hörten den Bürgern zu.

Aber: Tempora mutantur - die Zeiten ändern sich-, und heute haben wir eine Politikergeneration, die vor allem große Ideen verwirklichen will. Die das Wohl der Menschheit fest im Blick hat! Weil aber die Bühne oft zu klein ist für die großen Theorien und das ehrenhafte Ziel, muss nun der Mikrokosmos Bergmannstraße herhalten.

Wer heute durch diese Straße flaniert, trifft auf fette, weiß-rote Poller, Felsbrocken und Barken, die eigentlich Baustellen eingrenzen. Man fühlt sich an Belfast erinnert, und ja, es ist ein Kampfplatz geworden! Aber wer kämpft hier eigentlich gegen wen, oder, andersrum: wofür? Die Politik will die Autos raushaben, mehr Platz für die Radfahrer! Zunächst kein schlechter Ansatz. Nur mit welcher brachialen Gewalt wird das durchgesetzt! Ich bin das Volk! Die Beteiligung der Betroffenen gerät in Anbetracht der hohen Ziele zur Staffage.

Wenn man einmal in diesem Zusammenhang den Begriff der Liebe einbringt, so stiftet man Verwirrung. Für mich aber ist das nicht verwirrend. Man kann durchaus seinen Kiez lieben, die alten Häuser mit den wunderschönen Fassaden, die vielen Geschäfte und das tägliche Gewusel von Einheimischen und Touristen. Das nennt man Flair oder Stimmung. Die Menschen fühlen sich wohl, sie sind hier gerne.

Ich denke, dass dies gerettet werden muss. Das erfordert Fingerspitzengefühl, Einfühlungsvermögen. Dazu braucht es Politiker, die sich als Teil dieser kleinen, verletzlichen Gesellschaft begreifen. Die ein Auge für die Menschen und die Ästhetik des Kietzes haben. Ein Mensch kann mit ein klein wenig Demut viel erreichen und umgestalten. Ich weiß, das ist viel schwieriger, als die Welt zu retten - aber einen Versuch ist es wert. Und wenn Steine, Poller und Barken verschwinden, hat diese Straße auch wieder eine Chance. Meine ich - D. Nass

Sehr geehrter Herr Nass!

Dem habe ich nichts hinzuzufügen. Mit frd. Grüßen, Ihr Chefredakteur

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