Kreuzberger Chronik
Dez. 2019/Jan. 2020 - Ausgabe 215

Mühlenhaupts Erinnerungen

Das große Weihnachtsbaumgeschäft


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von Kurt Mühlenhaupt

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Es war schon Heiligabend und wurde langsam dunkel. Ich war am Überlegen, ob ich nicht einfach alles stehen und liegen lasse. Man muß auch ein Verlustgeschäft verkraften können. Ich schloß meine Trödelhandlung ab, denn aus den Häusern klangen schon die ersten Weihnachtslieder, die Lichter brannten und Weihnachtsmänner rannten auf den Straßen umher. Da kam mir ein schaukelnder Bürger entgegen. Er war wohl auf einer Weihnachtsfeier gewesen und hatte dort kräftig einen getrunken. Er blieb vor mir stehen und fragte: »Was kostet so ein Baum?«

Ich gab zur Antwort: »Acht Mark, mein Herr!«

»Und wenn ich zwei nehme? Einen für meine Nachbarin mit?«, stotterte er.

»Dann kosten beide zusammen zehn Mark«, sagte ich.

»Gut! Und wenn ich drei nehme? Für die darunter auch einen?«

»Jeder weitere Baum kostet nur noch eine Mark«, sagte ich. »Und wenn Sie mir fünfzehn Mark überreichen, dann können Sie sich so viele mitnehmen, wie Sie tragen können, und allen in der Straße eine Freude machen.«

Er stand mit offenem Mund vor meinen Weihnachtsbäumen und sagte: »Donnerwetter!«

Danach fing er an, die Leute in seinem Haus zu zählen und begann, sein Bündel zu schnüren.

»Erst die fünfzehn Mark!«, sagte ich. Ich kassierte und machte mich schnell aus dem Staub. Es konnte ja sein, dass seine Olle schon unterwegs war, um ihn zu suchen. An der Ecke blieb ich noch ein Weilchen stehen und sah, wie er ein Riesenpaket losschleppte.


Entnommen aus Kurt Mühlenhaupt, Zwischen Lebenströdel und Serienstanduhren, 1959 - 1969, mit freundlicher Genehmigung des Museums Bergsdorf


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